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Huawei will ausländisches Spitzenpersonal

Dem globalen Kampf um Talente werden auch chinesische Unternehmen nicht aus dem Weg gehen können. Wer nach oben will oder dort bleiben möchte, benötigt hochqualifizierte Mitarbeiter:innen – innovativ, kreativ, dynamisch. Der Netzwerkausrüster Huawei aus dem südchinesischen Shenzhen bildet keine Ausnahme. Zwar ist der Hersteller ein Riese beim Verkauf seiner Mobiltelefone, der im vergangenen Jahr erstmals Platz eins im Verkaufsranking belegte, vor Samsung und all den anderen Alphatieren der Branche wie Apple oder Xiaomi. Doch eine Garantie, dass sich der Erfolg unaufhörlich fortsetzt, besteht für Huawei deswegen noch lange nicht.

Für Firmengründer Ren Zhengfei zählt die Suche nach erstklassigem Personal deswegen zu den größten Herausforderungen seines Unternehmens. Bei einer internen Tagung mit Forscher:innen und Entwickler:innen aus dem eigenen Haus adressierte Ren das Problem kürzlich ausführlich. „Unsere Vergütungspakete müssen sich an den internationalen Talentmärkten orientieren und über das lokale Niveau hinausgehen. Das ist notwendig, um die besten Mitarbeiter der Welt anzuziehen“, sagte Ren laut Tagungsprotokoll, das China.Table vorliegt.

„Unser Unternehmen befindet sich in einer kritischen Phase, was das strategische Überleben und die Entwicklung angeht“, sagte Ren. Seine Zukunft wird sich demnach auch über den Wettbewerb um die besten Ingenieure, Softwareexperten, Strategen und Analysten entscheiden. Um solch gefragten Mitarbeiter:innen ein angenehmes Umfeld zu bieten, will Huawei einen neuen Campus im Yangtse-Delta etablieren, mit Shanghai als Zentrum. Das Unternehmen setzt dabei auf den hohen Freizeit- und Erholungswert des Umlandes. „Die Region hat eine wunderschöne Landschaft. Sie ist ein großartiger Ort für Nicht-Chinesen zum Leben und Arbeiten“, sagte Ren.

Ein Campus „so international wie möglich“

Laut Protokoll schilderte der 77-Jährige vor seinen Angestellten detailliert, wie er sich das Profil des neuen Campus vorstellt. So international wie eben möglich, mag es der studierte Bauingenieur. „Wenn 700 oder 800 nicht-chinesische Wissenschaftler dort arbeiten, werden sie nicht das Gefühl haben, in einem fremden Land zu sein“, sagte er. Ob Ren damit die Präferenz seiner Zentralregierung bedient, scheint eher unwahrscheinlich zu sein. Peking möchte die Abhängigkeit der Volksrepublik von ausländischen Ressourcen minimieren. Dazu gehört auch das Personal.

Wichtig seien aber nicht nur die Forschungsstätten selbst, sondern vor allem auch die Freizeitmöglichkeiten, die das Unternehmen kreiert. Junge Leute seien heute anders als zu seiner Zeit, so der Huawei-Chef. „Sie haben genug zu essen und Kleidung, deshalb stellen sie ihre Interessen oder Hobbys über alles andere. Allein durch Beförderungen, persönliche Gehaltserhöhungen oder mehr Boni sind sie nicht mehr zu motivieren.“

Der Trend ist ein weltweiter. Bei Jobangeboten interessieren sich potenzielle Kandidat:innen außer für Geld und Karrierechancen zunehmend auch für die äußeren Umstände eines Arbeitsplatzes. Wer viel arbeitet, möchte sich währenddessen vor allem auch wohlfühlen. Auf dem Campus in Shanghai soll es deshalb zahlreiche Cafés geben, die alle vom Unternehmen gestaltet und eingerichtet werden. Huawei greift damit Prinzipien des Konzepts der New Work auf, in dem der Arbeitsplatz viele Alternativen für eine erholsame und gelöste Pause bietet. Deshalb ist auch ein See auf dem Campus geplant.

Forschung muss sich nicht sofort auszahlen

Ein wichtiger anderer Punkt, der bei der Tagung zur Sprache kam: theoretische Grundlagenforschung. China widme der experimentellen Wissenschaft viel Aufmerksamkeit, aber kaum der theoretischen Forschung, kritisierte Ren. Das Unternehmen dürfe nicht kurzsichtig sein und nur der Praktikabilität nachgehen. Stattdessen bräuchte es mehr Durchbrüche in der Theorie, insbesondere in Bereichen wie Halbleiter und Materialwissenschaften. „Hätten wir in den letzten zehn Jahren der Grundlagenforschung nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, hätten wir nicht die riesige Menge an theoretischem und technischem Wissen erlangt, um die Schwierigkeiten zu überwinden, die durch die Beschränkungen und Blockaden durch die USA entstanden sind“, sagte Ren mit Bezug auf die Sanktionen der US-Regierung gegen Huawei. Durchaus zufrieden stellte der Firmengründer fest, dass man die Schwierigkeiten gut pariert habe.

Auf die Frage eines jungen Wissenschaftlers, wie sich durch langfristige Forschung auch eine kurzfristige Wertschöpfung ergeben kann, antwortete Ren, dass man dies nur arbeitsteilig erreichen könne: „Ich glaube nicht, dass Menschen, die Langzeitforschung betreiben, direkt für die geschäftliche Ernte verantwortlich sein müssen.“ Stattdessen sollten sie sich nur auf die Erforschung grundlegender Theorien konzentrieren. Ren verglich die Grundlagenforschung der Huawei-Halbleitersparte dabei blumig mit dem Besteigen eines Berges: „Wir erlauben HiSilicon weiterhin den Himalaya zu erklimmen, aber die meisten unserer Mitarbeiter werden Kartoffeln anbauen und Schafe und Rinder am Fuße des Berges weiden lassen, um denjenigen, die den Berg besteigen, einen stetigen Nahrungsfluss zu bieten.“

Huawei will neue Standards etablieren

Ein Beispiel, bei dem sich die Grundlagenforschung schon bald auszahlen könnte, sei die Forschung zur 6G-Netzwerktechnologie. 6G könne durch die Integration von Kommunikation und Sensorik noch mehr Anwendungsszenarien und neue Netzwerkfähigkeiten zeigen. „Wir dürfen uns nicht durch Standards beschränken lassen, sondern müssen es wagen, unsere eigenen Wege zu gehen und de facto neue Standards etablieren“, fordert Ren.

Um selbst Standards zu setzen, plant Huawei noch mehr in neue Geschäftsbereiche vorzustoßen. Das könnten laut Ren zum Beispiel Automobile, elektrische Haushaltsgeräte, Wearables und Industriemaschinen sein.

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