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„Es gibt immer noch Leute, die nach Hongkong ziehen wollen“

Johannes Hack im Interview zu Hongkong, Covid, John Lee und mehr. Warum wird Hongkong unattraktiver für deutsche Unternehmen?
Johannes Hack ist Präsident der German Chamber of Commerce, Hongkong.

Herr Hack, der neue Regierungschef von Hongkong John Lee hält sich bisher mit Äußerungen zur Zukunft der Stadt sehr zurück. Warum?

Wenn ich es positiv auslege, sucht er tatsächlich im Moment noch die Balance zwischen der offiziellen Linie und einem Weg, wie er auf die gesammelte westliche Industrie hier zugehen will. Einerseits kann man sagen zweieinhalb Monate ist wahnsinnig lang dafür, dass kaum etwas passiert ist. Andererseits hat er schon Dinge zur Verbesserung des Geschäftsumfelds getan. Ein Beispiel: Die Hotelquarantäne fällt jetzt ganz weg. Und die Regierung reklamiert für sich, dass sie in keinem Punkt Rückzieher gemacht hat – und das stimmt auch. Denn die alte Regierung hat gesagt, wir machen eine Woche Quarantäne und dann waren es drei Wochen. Unter John Lee gab es hinsichtlich der Covid-Maßnahmen: Lockerungen, Lockerungen, Lockerungen.

Aber der Standort Hongkong hat nicht nur durch Covid an Attraktivität eingebüßt?

Die Mitgliederzahl der Kammer in Hongkong ist nicht gesunken, sondern gestiegen. Wir haben seit Jahresbeginn circa zwanzig Unternehmen dazugewonnen. Es sind Unternehmen, die auch eine Geschäftstätigkeit hier haben und mit denen wir uns unterhalten. An der Zahl der Unternehmen kann man im Moment nicht feststellen, dass der Standort weniger attraktiv ist. Es gibt immer noch Leute, die nach Hongkong ziehen wollen und nicht nur welche, die gehen. Was wir feststellen ist, dass wir ganz klar im März, April gesehen haben, dass Familien ihre Koffer gepackt haben und gegangen sind. Die Zeit vom Februar bis April war außerordentlich schwierig hier.

Einen einheitlichen Fahrplan, um Covid-Maßnahmen nachzuvollziehen, wie die Handelskammern gefordert haben, gibt es noch immer nicht?

Nein, die von uns immer wieder geforderte sogenannte Road Map mit wirklich klar definierten Punkten, ist nach wie vor nicht erstellt, aber was wir sehen, ist, dass es in eine Richtung geht. Das Verständnis der Hongkonger Regierung dafür, wo es langgehen muss, ist da. Aber man tut sich sehr schwer, denn es muss auch von Festlandchina begleitet werden. Für uns zählt vor allem Verbindlichkeit, damit wir besser planen können.

Wie geht es nun weiter?

Wenn wir nach vorne gucken und einen Zeitrahmen von drei Jahren ansetzen, ist unsere Wahrnehmung, dass Festlandchina die Mauern, die es um sich selbst errichtet hat, gerade immer höher zieht. Sei es die Visaverfügbarkeit, Flüge und generell die Offenheit des Landes. Nach unserer Wahrnehmung wird das enger und schwieriger. Hongkong ist da absolut betrachtet noch meilenweit von entfernt. Und deswegen kann man sich gut einen Zustand vorstellen, wo man in und aus Hongkong mit Festlandchina Geschäfte macht und dort hinreist und seinen Geschäften nachgeht. Um es mit den Worten eines Honkonger Ministers zu sagen: Hongkong will be China´s international city.

Inwiefern spielt Hongkong als internationale Finanzmetropole noch eine Rolle?

China hat harte Kapitalverkehrskontrollen. Diese Hürde wird nicht verschwinden. Shanghai und Shenzhen als Konkurrenz von Hongkong zu sehen, verfehlt das Thema. Nur über Hongkong kann der Transmissionsmechanismus von Kapital am Laufen gehalten werden. Finanzen ist für Hongkong ein ganz großes Thema. Zur Finanzindustrie zählen nicht nur die Banken, sondern auch Versicherungen und Fonds. Dass die Bevölkerung in China zum Beispiel sehr schnell altert, bedeutet für die Amerikaner und Briten, dass es noch viel Luft gibt, für Finanzprodukte wie Rentenfonds, die sie über Hongkong auf dem chinesischen Markt absetzen können. Die Engländer, die zum Beispiel in der Finanzindustrie in Hongkong gut aufgestellt sind, ahnen, dass sie einen ganz anderen Dialog über die Rolle Hongkongs führen, als die deutsche Industrie ihn führt.

Welchen Dialog führt die deutsche Industrie und was ist ihr wichtig?

Es ist zwar super für uns, dass wir hier im internationalen Finanzzentrum sind, aber das ist nicht das Einzige, was zählt. Wir versuchen der Regierung immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass die deutsche Wirtschaft hier andere Themen hat. Gerade viele Unternehmen, die in Hongkong sitzen und Waren aus China beschaffen, stehen unter Druck.

Welche sind das?

Beispielsweise die Einkaufsbüros der großen deutschen Einzelhändler. Die stellen sich die Frage, wie sie das Sourcing-Geschäft weiter betreiben können, wenn sie derzeit durch die akuten Covid-Probleme nicht nach Festlandchina reisen können. In Bangkok und Singapur sind längst wieder Messen möglich und sie können ihre Waren ausstellen. Ein anderes Thema ist auch, sich aus Hongkong heraus nach Festlandchina zu öffnen. Denn viele Waren muss man immer noch vor Ort in der Fabrik prüfen. Wenn aus Hongkong heraus das Reisen für Ausländer nach China so schwierig bleibt, dann stellt sich sicherlich die Frage, was genau macht man eigentlich in Hongkong.

Und was macht Hongkong aus?

Hongkong ist überall da wichtig, wo wir über Handel, Export und Import von Waren reden, die die chinesische Grenze überqueren. Das sind natürlich Aspekte, bei denen Hongkong eine Sonderrolle hat, weil man hier im Waren- und Kapitalverkehr vieles anders machen kann als man das von Festlandchina aus macht.

Wie reagieren die zuständigen Behörden?

Es dringt langsam ein bisschen durch. Wir hatten zu Beginn des Jahres mit mehreren Kammern ein Gespräch mit dem Liaison Office. Unsere Ansprechpartner haben direkt gefragt: Wo drückt denn der Schuh? Und wenn man sich die Ideen jetzt anhört, ist die Rede von Hongkong als Global Financial, Shipping and Trading Center und vom Transportation Hub. Es ist erkannt worden dass Finance allein Hongkong nicht glücklich machen wird.

Doch scheinen ja „rote Linien“ immer mehr das Leben nicht nur der Hongkonger, sondern auch der Expats vor Ort zu bestimmen.

Ich glaube, was die Wahrnehmung angeht und wie wir uns alle hier in Hongkong immer wieder vor Augen halten: Der Mensch nimmt Beschleunigungen ganz anders wahr als Geschwindigkeit. Will heißen: In Peking, Shanghai und Shenzhen gibt es all „die roten Linien“ schon seit zehn Jahren, die Leute dort haben sie gar nicht mehr wahrgenommen. Das ist durch den Lockdown in Shanghai anders geworden. Die Leute haben nochmal gespiegelt bekommen, wo sie da genau leben.

Was hier in Hongkong im Moment so viel Reibung erzeugt, ist, dass wir uns in einem Prozess befinden: erst durch die Gesetzesänderung seit dem 30. Juni 2020 (Anmerkung der Redaktion: dem Tag der Verabschiedung des Nationalen Sicherheitsgesetzes) und nun, insbesondere durch Covid. Diese Beschleunigungsveränderung nehmen wir alle ganz anders wahr und deswegen wäre es gut auch mal in die Zukunft zu schauen und sich die Frage zu stellen: Wenn das Ganze ein Jahr Zeit hat, sich zu setzen, wo stehen wir dann eigentlich? Wir sollten nicht die Momentaufnahme nehmen und daraus schlussfolgern: Das fährt jetzt gerade ganz ungebremst in die falsche Richtung. Das halte ich für zu kurz gedacht.

Johannes Hack ist Präsident der German Chamber of Commerce in Hongkong und kennt daher die Sorgen der deutschen Unternehmen vor Ort bestens. Hack lebt seit 2018 in der südchinesischen Metropole. Die Kammer in Hongkong hat mehr als 400 Mitglieder – deutsche Unternehmen, Verbände und Einzelpersonen. Hack ist im Hauptberuf Leiter der DZ Bank in Hongkong; er hat das Interview in seiner Rolle als Kammerpräsident gegeben.

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