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Chinas Olympia-Hoffnungen

Es ist ein Start nach Maß für China. Die erste Goldmedaille der Olympischen – Sommerspiele in Tokio holte Yang Qian 杨倩 im 10-Meter-Schießen mit der Luftpistole. Und damit nicht genug. Wenig später sicherten Hóu Zhìhuì 侯志慧 im Gewichtheben der Frauen (49kg) und Sūn Yīwén 孙一文 im Fechten für China die nächsten Goldmedaillen bei diesen Spielen. Damit steht die Volksrepublik bis Sonntagabend ganz oben im internationalen Medaillenspiegel – mit sechsmal Gold, einmal Silber und viermal Bronze.

In Tokio wird in 33 Sportarten um Medaillen gerungen, gerannt, geschwommen, gefahren, gesprungen oder geschossen. Genau 339 Mal wird dabei die höchste Auszeichnung vergeben: die olympische Gold-Medaille. Fans, Buchmacher und so mancher Staatspräsident blicken gespannt nach Tokio und fragen sich: Wer alles kann noch Gold gewinnen?

China scheint bei dieser Frage auf den ersten Blick einen recht simplen Ansatz zu verfolgen: viele Athlet:innen = viele Medaillen. 431 Sportler:innen sollen möglichst viele Auszeichnungen einheimsen. Nur 2008 bei dem eigenen Spielen in Peking schickte man noch mehr Aktive an den Start, nämlich 639. Und damals ging der Plan auf: 48-mal Gold für die Volksrepublik! Kein anderes Land gewann in Peking so viele Wettbewerbe wie China.

Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio erlebte man hingegen einen regelrechten Absturz. Mit „nur“ 26-mal Gold landete die Volksrepublik auf Rang drei im Medaillenspiegel – noch hinter Großbritannien. Es bedarf keiner ausufernden Ausführungen, dass so etwas für Peking nicht akzeptabel war. Entsprechend wurde in den vergangenen Jahren viel Geld investiert in Übungsstätte, Trainingsprogramme und ausländische Trainer. Bleibt abzuwarten, ob sich das bei den Olympischen Spielen in Tokio auszahlen wird.

Dass sich Erfolg im Sport kaum vorausplanen lässt, ist weithin bekannt. Doch bei den aktuellen Wettbewerben kommen weitere Unwägbarkeiten hinzu: Zum einen werden die Spiele ohne Publikum in den Wettkampfstätten ausgetragen; zum anderen wurden sie wegen der Coronapandemie um ein Jahr verschoben. So haben die meisten chinesischen Sportler:innen aufgrund der strikten Reiseeinschränkungen in der Volksrepublik knapp zwei Jahre lang kaum an internationalen Wettkämpfen teilnehmen können.

Dennoch wagen wir von China.Table einen Blick in die Glaskugel und stellen einige der chinesischen Medaillenhoffnungen vor:

Tischtennis

Dass China nahezu alle Goldmedaillen im Tischtennis abräumt, war bislang so sicher wie das Gold in Fort Knox. Ob bei den Frauen oder den Männern – seit 1988 hat die Volksrepublik im Tischtennis 28 von 32 möglichen Goldmedaillen gewonnen.

Doch genau hier ist der erste Eklat der Tokioter Spiele ausgebrochen: Beim Tischtennis wischen die Spieler:innen immer wieder mit der feuchten Hand über die Platte oder pusten auf den Ball. Doch was manchem als Marotte erscheinen mag, hat große Auswirkungen auf das Spiel: Benetzen Mikrotropfen vom Schweiß der Spieler die technisch austarierten Bälle, entwickeln sie beim Anschneiden einen anderen Spin – was vor allem für das Spiel des chinesischen Topstars Mǎ Lóng 马龙 wichtig ist. Bei den Olympischen Spielen in Tokio allerdings wurden Abwischen und Pusten aus Hygiene-Gründen kurzfristig untersagt, was nun vor allem bei den Chinesen für großen Unmut sorgt. Noch vor dem ersten Aufschlag ist bereits die Rede von Manipulation und gezielter Benachteiligung.

Doch Regeländerung hin oder her, die besten Tischtennisspieler:innen stammen aus China. Bei den Männern sind das neben auch Fán Zhèndōng 樊振东 im Einzel und Xǔ Xīn 许昕 im Team-Wettbewerb. Doch mit Tomokazu Harimoto 張本智和 hat zuletzt ausgerechnet ein Japaner die chinesische Phalanx in der aktuellen Weltrangliste durchbrochen und sich zwischen die Chinesen auf Platz 3 geschoben. Nun hoffen nicht nur die Japaner:innen, dass der 18 Jahre alte Harimoto in Tokio Chinas Seriensieger das Fürchten lehren möge. Aber: Auch der Tresor von Fort Knox konnte bislang von niemandem geknackt werden. 

Bei den Frauen sind Chén Mèng 陈梦 und Sūn Yǐngshā 孙颖莎 Chinas Topspielerinnen. Doch auch hier hat sich die Japanerin Mima Ito 伊藤美誠 auf Platz 2 dazwischen geschoben. Dennoch wird eine Wette auf die beiden Chinesinnen bei ihrem lokalen Buchmacher bestimmt als sichere Bank angesehen.

Turmspringen

War Tischtennis bislang für China eine weitgehend klare Sache, so ist es das Turmspringen umso mehr. Hier lautet Chinas Zielsetzung in Tokio: Alles gewinnen. Was für manchen arrogant klingen mag, spiegelt schlicht die Leistungsstärke der chinesischen Athlet:innen wider.

Bei den Frauen gilt die Aufmerksamkeit vor allem Shī Tíngmào 施廷懋 und Zhāng Jiāqí 张家齐. Shī hat schon bei den Spielen in Rio vom 3-Meter-Brett zwei Goldmedaillen gewonnen – und konnte ihre Serie in Tokio am Sonntag fortsetzen: einmal Gold. Die 17 Jahre alte Zhang ist derweil aktuelle Weltmeisterin vom 10 Meter-Brett, tritt bei Olympischen Spielen allerdings zum ersten Mal an. Im Synchronspringen sollte sie zusammen mit Chen Yuxi Gold gewinnen. Und China hat noch ein weiteres Ass im Ärmel bzw. auf dem 10-Meter-Turm: Quán Hóngchán 全红婵. Mit gerade mal 14 Jahren ist sie die jüngste chinesische Athletin in Tokio – und doch schon eine Siegerin: Denn mit 13 gewann sie bereits die nationalen Meisterschaften in China.

Bei den Männern sind Chinas sicherste Goldhoffnungen wohl Chén Àisēn 陈艾森 und Cáo Yuán 曹缘 im Synchronspringen vom 10-Meter-Turm.

Badminton

Der American-Football-Trainer Vince Lombardi soll einst gesagt haben: Gewinnen ist eine Gewohnheit. Im Badminton hatte viele Jahre Lín Dān 林丹 so eine Gewohnheit. Der Chinese aus Fujian gewann Spiel um Spiel, zweimal die Gold-Medaille, fünfmal die Weltmeisterschaft, sechsmal die All England – und mit 28 Jahren alle großen Turniere – als bislang einziger Spieler der Welt.

Doch für die Spiele in Tokio lautet die Hauptmeldung: Super Dān ist nicht dabei. Der vielleicht beste Spieler aller Zeiten ist der Verschiebung der Olympischen Spiele zum Opfer gefallen. Die Wettkämpfe in Tokio wären seine fünften Spiele gewesen und sollten den krönenden Abschluss seiner Karriere bilden. Doch während die Spiele verschoben wurden, hielt Super Dān an seinem Plan fest und beendete mit 37 Jahren im Sommer seine Karriere.

In Tokio dabei ist dafür Chén Lóng 谌龙. Der Olympia-Sieger von Rio hat zuletzt jedoch dramatisch an Form verloren. Sollten sie also darüber nachdenken, auf den Ausgang der Turniere zu wetten und scheuen das etwas das Risiko, wäre dieses Mal eventuell der Japaner Kento Momota 桃田賢斗 die bessere Wahl.

Bei den Frauen greift Chén Yǔfēi 陈雨菲 für China nach Gold. Doch hier wird es kompliziert – sportlich: weil Nozomi Okuhara 奥原希望 aus Japan ebenfalls stark ist; und politisch: weil auch Tai Tzu-Ying gute Chancen hat, die Goldmedaille zu gewinnen – und zwar für Taiwan, das unter dem Namen Chinesisch Taipeh an den Olympischen Spielen teilnimmt. Also doch für China, mag manch politischer Beobachter einwenden. Doch Sport kann eben herrlich kompliziert sein.

Schießen

Hier führte lange Zeit kein Weg an Chinas Athlet:innen vorbei. Mittlerweile schon. Vor allem Indien, Italien und Deutschland drängeln sich hin und wieder an der Volksrepublik vorbei auf den obersten Podestplatz. Doch Yang Qian 杨倩 zeigte am Samstag im 10-Meter-Schießen der Frauen mit der Luftpistole, dass mit China weiter zu rechnen ist. Und ginge es nur nach der aktuellen Form, würde Xióng Yàxuān 熊亚瑄 eine weitere Gold-Mediale für China erschießen. Schließlich hat die 24 Jahre alte Schützin im März einen neuen Rekord im 25-Meter-Pistolenschießen aufgestellt.

Gewichtheben

Während sich China politisch und wirtschaftlich zu einem Schwergewicht entwickelt, liegen die Stärken beim Gewichtheben eher in den leichteren Klassen. Bei den Männern sind das vor allem Lǐ Fābīn 李发彬 (61kg), Chén Lìjūn 谌利军 (67kg), Shí Zhìyǒng 石智勇 (73kg) und Lǚ Xiǎojūn 吕小军 (81kg). Sie alle sind in ihren Klassen aktuell Weltmeister, wobei Li, Shi und Lu ganz nebenbei auch noch die aktuellen Weltrekorde innehaben. Chen und Li konnten am Sonntag auch schon ihre ersten Goldmedaillen gewinnen.

Auch Chinas Frauenteam ist im wahrsten Sinne des Wortes stark. Zwar fehlen mit Dèng Wēi 邓薇 (64kg) die Goldmedaillengewinnerin von Rio und mit Jiǎng Huìhuā 蒋惠花 (55kg) die aktuelle Weltrekordhalterin, doch Hóu Zhìhuì 侯志慧 (49kg) hat am Samstag gezeigt, wie kräftig Chinas Frauen sind. Ihr stehen Liào Qiūyún 廖秋云 (55kg), Wāng Zhōuyǔ 汪周雨 (87kg) und Lǐ Wénwén 李雯雯 (87kg) in kaum etwas nach, sodass mindestens eine weitere Goldmedaille für die Volksrepublik gehoben werden sollte.

Doch auch hier gibt es einen politischen Fallstrick; ihr Name ist Kuo Hsing-chun (59kg). Die 27-Jährige ist viermalige Weltmeisterin und hat sowohl die Universade wie auch die Asien-Spiele gewonnen. In Tokio soll Kuo nun Gold gewinnen – für Taiwan oder wie bereits erwähnt: für Chinesisch Taipeh. Doch auch Kuo hat ein Problem: „Die Verschiebung der Spiele um ein Jahr ist eine große Herausforderung, da ich nun schon fast 27 Jahre alt bin. Das Alter bereitet mir Sorgen„, sagte Kuo der South China Morning Post. Diese Sorgen möchte man haben.

Turnen

Hier scheint es, als wären die guten alten Zeiten für China tatsächlich so langsam vorbei. 2008 in Peking konnte man noch 11 Goldmedaillen gewinnen – neun mehr als die USA und Russland zusammen. Doch schon in Rio 2016 sprangen für die Volksrepublik nur noch einmal Silber und viermal Bronze raus. Und für Tokio haben sich die Aussichten nicht sonderlich gebessert. Allerdings sollte man Chinas Turner:innen nicht voreilig abschreiben. Während der Corona-Pandemie haben sie an keiner Weltmeisterschaft teilgenommen, sondern fleißig in China trainiert. Und so sollte zumindest ein Tipp aufgehen: Gāo Lěi 高磊 ist und bleibt der König des Trampolins.

Weitere Tipps

Fahnenträger im Team China sind die Volleyballerin Zhū Tíng 朱婷 und der Taekwondo-Kämpfer Zhào Shuài 赵帅. Beide haben durchaus Chancen, mit Gold aus Tokio heimzukehren. Chinas Volleyballerinnen haben schon in Rio Gold gewonnen. Doch dann fehlte Zhū Tíng 朱婷 – und mit ihr verließ auch das Spielglück das Team. Nun ist zumindest Zhū Tíng 朱婷 als Kapitänin zurück.

Auch Zhào Shuài 赵帅  konnte in Rio Gold gewinnen. Doch der Taekwondo-Kämpfer sieht sich in Tokio ebenfalls mit einer Herausforderung konfrontiert. In Rio konnte er mit 58kg alle Konkurrenten schlagen. Doch in den vergangenen fünf Jahren hat Zhào Shuài 赵帅 zugelegt und muss nun in der 68kg-Gewichtsklasse antreten, wo er in der Weltrangliste hinter dem Südkoreaner Lee Dae-hoon und dem Briten Bradly John Sinden lediglich auf Platz 3 rangiert.

Der Kampf um die Medaillen in Tokio wird also spannend. Doch wenn China auf den Medaillenspiegel von Tokio blickt, hat so mancher seine Gedanken schon in der nahen Zukunft. Durch die Verschiebung der Sommerspiele um ein Jahr beginnen nur wenige Monate später bereits die Winterspiele in Peking. „Weil die Winterspiele direkt vor der Tür stehen, will China mit guten Resultaten in Tokio eine Sport-Euphorie entfachen“, schreibt der chinesische Sportblogger Ma Bowen auf Weibo. „Wenn die Chinesen den Vibe in Tokio spüren, werden sie anschließend viel mehr Beachtung den Spielen in Peking schenken.“ 

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