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Die andere Wahrheit hinter politischen Umfragen

Es gibt viele Daten und Zahlen, die klare Konturen von der Volksrepublik China zeichnen, eindeutig und unzweifelhaft: zweitgrößte Volkswirtschaft, größter EU-Handelspartner, größter CO2-Emittent. Es gibt aber auch solche Zahlen, die mit Vorsicht zu genießen sind. Die Resultate politischer Umfragen in China gehören dazu. Im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Parametern basieren sie auf Meinungsäußerungen und Wahrnehmungen, statt auf Fakten.

Im China.Table hatte der Autor Stefan Baron vor einigen Tagen auf Basis der Zahlen des Edelmann Trust Barometers von 2020 sowie der Ergebnisse einer Langzeitstudie des Ash Centers an der Kennedy School der Universität Harvard argumentiert, dass sich die Kommunistische Partei Chinas als allein und autoritär regierende Organisation ein hohes Maß an Legitimation in der Bevölkerung des Landes erarbeitet habe.

Diese Darstellung rief Widerspruch hervor. Der Politikwissenschaftler und China-Kritiker Andreas Fulda erinnerte via Twitter an die Probleme, die sozialwissenschaftliche Datensätze aus einem autoritären Regierungsumfeld enthalten, und warnte deshalb davor, sie überzubewerten. „In Chinas hochgradig politisiertem Staat und politisierter Gesellschaft wissen die Bürger um die Risiken, wahrheitsgetreu zu sprechen“, schrieb der Politologe von der Universität in Nottingham.

Geisteswissenschaften haben generell das Problem, dass ihre Datensätze im Vergleich zu anderen Wissenschaften weniger Fakten schaffen, weil sie mehr Spielraum für Interpretationen hinterlassen als beispielsweise eine Zollstatistik zu den Exporten eines Landes. In China kommen die Implikationen eines autoritären Regierungssystems noch erschwerend hinzu. Einerseits ist es die Strategie des Regimes, Korruption und Machtmissbrauch auf die unteren Regierungsebenen abzuwälzen, um als Leuchtturm im Kampf für das Wohl der Bürger wahrgenommen zu werden. Dabei zählen die Familien der mächtigsten Männer des Landes auch zu den reichsten Familien des Landes.

Andererseits müssen die Teilnehmer an Umfragen in liberalen Gesellschaften keine Konsequenzen für politische Aussagen fürchten, weil sie von der Meinungsfreiheit gedeckt sind. Bürgerinnen und Bürger in Diktaturen dagegen äußern sich instinktiv sehr viel vorsichtiger. Wenn jemand Fremdes vor ihnen steht und unmittelbar sensible politische Fragen stellt, mahnt die Erfahrung die Menschen in Diktaturen dazu, sich möglichst unauffällig und vor allem nicht konfrontativ zu äußern. Weshalb auch sollten sie einem fremden Gesicht trauen, das Fragen stellt, bei denen man sich mit falschen Antworten in die Nesseln setzen kann?

Vorsicht wird mit der Muttermilch eingesogen

Das Phänomen ist auch Korrespondenten bekannt, die im journalistischen Auftrag viel in China reisen und mit vielen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten sprechen. Um das Vertrauen der Leute gewinnen zu können, vergehen oftmals Stunden intensiver Gespräche. Wer hartnäckig am Ball bleibt, stellt fest, dass unterhalb der Oberfläche viel differenzierte Meinung zum Vorschein kommt. Denn entgegen der geläufigen Vermutung, dass Chinesinnen und Chinesen keine eigene politische Meinung hätten, weil die staatliche Propaganda ihnen das Denken abnimmt, sind die Bürger des Landes sehr wohl in der Lage, die Umstände, unter denen sie regiert werden, kritisch zu beurteilen. Sie tun das allerdings keineswegs blauäugig, sondern mit der gebotenen Vorsicht, die sie in 75 Jahren Diktatur mit der Muttermilch eingesogen haben.

Einheimische neigen oft dazu, die gesellschaftspolitische Realität zu verzerren und zu verschweigen, was sie für negative und unerwünschte Informationen halten, die ein negatives Bild ihres Landes zeichnen würden“, schlussfolgerten Ariel Ahram und Paul Goode im Jahr 2016 in ihrer einflussreichen Studie „Researching Authoritarianism in the Discipline of Democracy“. Wer zudem ein offizielles Amt bekleidet, orientiert sich offenbar bei der Formulierung seiner Antworten verstärkt an der vorgegebenen Linie. In ihrem Beitrag „Die Grenzen der Forschung in einem autoritären Staat“ im International Journal of Qualitative Methods schreibt die Sozialwissenschaftlerin Saltanat Janenova: „Im nichtdemokratischen Kontext zögern Regierungsbeamte, ihre Ansichten offen zu äußern und neigen dazu, gemäß der ‚Skripte‘ der staatlichen Propaganda zu sprechen.

Im konkreten Fall der Harvard-Studie, auf die sich Autor Baron in seinem Meinungsstück bezieht, bescheinigen 93 Prozent der Befragten ihre Zufriedenheit mit der chinesischen Zentralregierung. Das ist ein bombastisch guter Wert, von dem jede demokratische Regierung dieser Welt nicht einmal zu träumen wagt. Die Frage ist nur, ob man ihm unter den gegebenen Bedingungen trauen kann. Politologe Fulda wirft Baron vor, Kritik an der Studie zuvorkommen zu wollen, indem er darauf hinweist, dass 31.000 persönliche Interviews für die Forschung durchgeführt worden sind. Die Universität beauftragte dazu eine chinesische Firma, die sie selbst als seriös bezeichnet. Doch auch hier gilt es zu berücksichtigen, dass Firmen, zumal chinesische, die die politische Stimmung im Land messen wollen, sich auf dünnem Eis bewegen.

Zufriedenheitsquote relativiert sich

Wer 31.000 Menschen in der Volksrepublik interviewen möchte, kann dies nicht tun, ohne dass Behörden auf den lokalen Ebenen Wind davon bekämen. Also muss die Untersuchung angekündigt und genehmigt werden. Die Kontrollsucht eines autoritären Staats hat zur Folge, dass er Einfluss nehmen möchte auf die wissenschaftliche Freiheit. Fragen, die ihm nicht gefallen, werden kurzerhand gestrichen oder verändert. Pressekonferenzen mit Funktionären der Kommunistischen Partei funktionieren seit Jahren nach genau diesem Prinzip. Und wer garantiert den Befragten der Umfrage in dieser Konstellation, dass ihre Antworten anonym bleiben? Das kann weder die beauftragte chinesische Firma, und schon gar nicht können das die Verantwortlichen an der Universität Harvard. Wenn die chinesischen Behörden wissen wollen, welcher Bürger welche Antworten gegeben hat, dann werden sie es erfahren. Das wissen auch die Befragten, denen sehr wohl klar ist, dass nichts geheim bleibt, was den Staat interessiert. In dieser Gemengelage relativiert sich eine Zufriedenheitsquote von 93 Prozent.

Irena Schneider von der Universität in Cambridge gibt noch etwas anderes zu Bedenken. In ihrem Papier „Can we trust Measures of Political Trust?“ thematisiert sie die unterschiedliche Konzeptionalisierung der Begriffe, wenn es beispielsweise um Fragen zum „politischen Vertrauen“ geht. „Gerade wegen des normativen und subjektiven Gehalts des Begriffs ‚politisches Vertrauen‘ ist es unwahrscheinlich, dass Bürger aus unterschiedlichen Kultur- und Regimekontexten eine vertrauenswürdige Institution ausmachen.“ Das bedeutet im Klartext: Bürgerinnen und Bürger aus Demokratien definieren politisches Vertrauen ganz anders als Menschen aus Diktaturen.

Zwar ist es legitim, die Frage in beiden Staaten zu stellen, doch die Zahlen miteinander zu vergleichen, sagt demnach nicht zwingend etwas darüber aus, ob eine Regierung Legitimation in der Bevölkerung genießt oder nicht. Zumal schwache Zufriedensheitsraten in Demokratien einer Regierung die Legitimation keineswegs entziehen.

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