Themenschwerpunkte


Fahrplan zur Klimaneutralität

Die Schlagzeilen in China drehen sich derzeit um Rationierung von Strom, Produktionsstopps und Stromausfälle. Die Probleme sind Teil der von Peking angeschobenen Energiewende, bei der sich offenbar noch einiges zurecht ruckeln muss. Wie der Übergang zur bis 2060 anvisierten Klimaneutralität gelingen kann, loteten jetzt Experten der Internationalen Energie-Agentaur (IEA) gemeinsam mit chinesischen Forschenden aus.

Auf den horrenden Anstieg fossiler Energieträger der letzten Dekaden müsse nun ein ebensolcher Anstieg erneuerbarer Energien für die wachsende Stromerzeugung folgen, sagte IEA-Generaldirektor Fatih Birol am Mittwoch bei der Präsentation des Fahrplans zur Energiewende in China. Die Regierung will den Gipfel der Emissionen 2030 erreichen und bis 2060 klimaneutral werden, was in China „30/60-Ziel“ genannt wird.

Die Welt drängt Peking zu einem noch schnelleren Vorgehen, was die IEA für durchaus möglich hält. „China hat die Fähigkeit, die wirtschaftlichen Mittel und das politische Können, um den Höhepunkt früher zu erreichen – etwa in den mittleren 2020er-Jahren“, sagte Birol.

China ist der weltgrößte Emittent von Treibhausgasen, und der Energiesektor ist für 90 Prozent dieser Emissionen verantwortlich. Dazu gehört auch der Stromverbrauch energiefressender Schwerindustriebranchen wie Stahl, Zement oder Chemie. Die drei emittieren rund ein Drittel der chinesischen Treibhausgase. Die Volksrepublik produziert mehr als die Hälfte des weltweiten Stahls und Zements. „Die Provinz Hebei allein trug 2020 ganze 13 Prozent zur globalen Stahlproduktion bei“, sagte Timur Gül, Leiter der IEA-Abteilung für Energietechnologiepolitik und verantwortlicher Autor des Berichts. „Die Treibhausgas-Emissionen allein aus den Stahl- und Zementwerken Chinas sind höher als die gesamten Emissionen der EU.“ Es sind Zahlen wie diese, die verdeutlichen, welche immense Rolle China beim Klimaschutz spielt.

Auch deshalb widmete die IEA – die bereits 2020 einen globalen Fahrplan vorgestellt hatte – dem riesigen Land ihren ersten Landes-Fahrplan. „China allein kann nicht die Weltwirtschaft dekarbonisieren. Aber wenn es seine Ziele erfüllt, würde China die globalen Emissionen auf das Niveau der frühen 2000er-Jahre drücken“, sagte Gül. Wenn sonst alle Emissionen auf dem heutigen Niveau bleiben, wohlgemerkt.

IEA: Solar ab 2045 die Nummer eins im Energiemix

Im IEA-Szenario für die versprochenen Zusagen (Announced Pledges Scenario oder APS) wird ab 2045 die Fotovoltaik Nummer eins im Energiemix sein. Bis 2060 wird demnach die Nachfrage nach:

  • Kohle um 80 Prozent,
  • nach Öl um 60 Prozent und
  • nach Erdgas um 45 Prozent

gesunken sein. Effizienzsteigerungen, neue Materialien und die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoffdioxid (CCS) werden laut Gül einiges voranbringen. CCS, direkte CO2-Speicherung und negative Emissionen durch Bio-Energie könnten dann ab 2060 die letzten Emissionen neutralisieren, die etwa durch Schwerindustrie und Langstrecken-Frachttransporte entstehen. Für die Hälfte der Emissionsminderungen nach 2030 werde China auf Technologien setzen müssen, die noch nicht existieren, sagte Gül. Investitionen in Forschung und Innovation sind daher zwingend.

Generell erfordert die Energiewende gewaltige Investitionen. Unter dem APS erwartet die IEA 2030 Investitionen von 640 Milliarden US-Dollar – zehn Prozent mehr als die Jahresinvestitionen heute. Das klingt machbar. Doch nach 2030 sollen die Emissionen sinken; der weitere Fortschritt wird schwieriger und teurer. Für 2060 erwartet die IEA 900 Milliarden US-Dollar, 60 Prozent mehr als heute. Der größte Anteil dieser Investitionen entfällt auf Veränderungen im Stromsektor und im Transport.

Weltweit ist klar, dass durch die Elektrifizierung der Mobilität und ganzer Industriesektoren der Anteil des Stroms am Energiemix deutlich zunehmen wird. Auch deshalb muss der Ausbau erneuerbarer Energien auch in China stark beschleunigt werden. Für das IEA-Szenario eines beschleunigten Übergangs muss alles noch schneller gehen – man schrieb es auf, um Peking ein wenig zu ermutigen, denn die IEA hält auch einen früheren Emissions-Höhepunkt für realistisch.

Stromkrise verdeutlicht Schwierigkeiten der Transformation

Die aktuellen Probleme bei der Stromversorgung aber zeigen bereits, wie schwierig ein solcher Übergang ist – technologisch und politisch. In mehreren Regionen Chinas mussten Fabriken aufgrund strikter Stromverbrauchsziele die Produktion unterbrechen, anderswo erstreckten sich Rationierungen sogar auf Privathaushalte (China.Table berichtete). Entlang der Küste fiel mehrfach der Strom aus. China rief daher die Provinzregierungen am Mittwoch hastig dazu auf, die Versorgung von Kraftwerken mit Kohle erst einmal zu sichern. Es müsse garantiert werden, dass der Brennstoff im Falle eines Mangels rechtzeitig an die Kraftwerke gelange, teilte die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) mit. Es sollten „alle Anstrengungen“ unternommen werden, um den Transport von Kohle zur Stromerzeugung und zum Heizen sicherzustellen.

Kritiker der Energiewende gaben der Unbeständigkeit erneuerbarer Energien die Schuld an dem plötzlichen Strommangel. „Es gibt viele Stimmen, manche sind gegen die Klimaneutralität“, sagte Chai Qimin vom Klimawandel-Institut des Umweltministeriums. Gutes Management beim Übergang zur Klimaneutralität sei daher ein zentrales Thema. Demnächst werde China eine eigene Klimagesetzgebung auf den Weg bringen, kündigte Chai an. Es gehe um Regeln, Marktmechanismen und das sogenannte Klima-Mainstreaming. Damit sollen die Ziele in allen Bereichen verankert werden. Viele verschiedene Sektoren müssten miteinander kooperieren, so Chai.

Diskutiert werden in China neben dem Geld viele Dinge, die auch bei uns eine Rolle spielen: Die Balance zwischen kurzfristigen und langfristigen Interessen, Laufzeiten von Fabriken und Kraftwerken oder Arbeitsplätze. Das wird bei der IEA-Präsentation deutlich.

Klimaschutz-Debatte auch in China

Insgesamt werde es durch die Energiewende in China einen Nettozuwachs an Arbeitsplätzen geben, erwartet Gül. „Aber Jobs im Kohleabbau oder in der Kohlewäsche gehen verloren, was ganze Gemeinden stark treffen kann. Neue Jobs werden nicht unbedingt dort entstehen, wo Arbeitsplätze verloren gehen.“ Das sei eine Herausforderung, mit der China sich befassen müsse.

Die Kohleprovinz Shanxi entwickelt laut Gül bereits Programme, um die Anpassung an die neue Energiewelt zu unterstützen. Pan Jiahua, Klima-Experte der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, sieht auch Vorteile der Transformation. Die fossil geprägte Industrie sei kapitalintensiv, viel Arbeit erfolge mechanisch. Bei der Umstellung etwa auf Solarenergie „gibt es in jedem Abschnitt der Produktionskette Jobs“, und das von den Menschen dort künftig verdiente Geld fließe in den Konsum und stärke damit die Wirtschaft.

Eine zentrale Frage in China ist: Was tun mit der bestehenden Infrastruktur an Fabriken und Kraftwerken? Nach Prognosen der IEA werden viele von ihnen vor dem Ende der wirtschaftlich sinnvollen Laufzeiten heruntergefahren werden müssen. „Unser Inventar ist ziemlich jung, vieles wurde in den letzten zehn bis zwanzig Jahren gebaut“, sagte Zhang Qiang, Professor an der Peking Tsinghua-Universität. Daraus ergeben sich Restlaufzeiten von rund 30 Jahren. Die Transformation „müsse graduell ablaufen von dem leichteren hin zum schwierigeren Teil.“ Ältere Kapazitäten in Gebieten mit sensibler Umwelt müssten früher vom Netz gehen, etwa in der Jing-Jin-Ji-Region um Peking, die seit vielen Jahren unter Wasserknappheit und schmutziger Luft leidet.

Auch warnt Zhang: „Wir müssen hektische und blinde Investitionen in Industrien mit hohem Verbrauch zügeln.“ China habe zwar zugesagt, im Ausland keine Kohlekraftwerke mehr zu bauen. „Doch mit der Zeit müssen wir definitiv auch aufhören, sie in China zu bauen.“ Vielleicht weiß China ja bis zum Klimagipfel in Glasgow, wann es damit soweit ist.

Mehr zum Thema

    „Die Abkehr von China hätte einen hohen Preis“
    Tianjin wird Vorreiter der Digitalisierung von Häfen
    Habeck schmiedet Plan zur Abwehr Chinas
    Michel und Xi reden aneinander vorbei