Zynischer Vergleich: Schule und Squid Game

Schule: Auf dem Foto sieht man eine Szene aus Squid Game
Bei Squid Game geht es um mehr als Tod oder Preisgeld.

Ein Gastbeitrag von Bob Blume

Ich halte es für unangemessen, „Squid Game“ als Allegorie auf unser Schulsystem zu lesen. In der Netflix-Serie geht es um eine von einer reichen koreanischen Elite initiierte Spiele-Reihe auf Leben und Tod. Wer eines der in Korea bekannten Kinderspiele verliert, wird getötet. Egal, wie differenziert der Autor Philippe Wampfler im einzelnen begründen mag, was er mit seinem Vergleich evoziert: 800.000 Lehrer:innen in Deutschland kommen in den Ruch der riesigen Squid-Puppe, die Mitspieler mit gezielten Schüssen hinrichtet. Dieser Vergleich ist unverständlich – und unverantwortlich. 

Der Schweizer Deutschlehrer und Blogger Philippe Wampfler sichert sich natürlich ab in seiner Gegenüberstellung von Schule und dem Killerspiel. Er will Squid Game nicht als Allegorie auf das Schulsystem als Ganzes sehen, sondern lediglich auf die„Leistungskultur in der Schule“ anwenden. Das könnte – so meint man – den unpassenden Vergleich abschwächen, tut es meines Erachtens aber aus unterschiedlichen Gründen nicht. 

Philippe führt zunächst an, dass es ja die Schüler selbst seien, die das Squid Game als passend für Schule verwenden würden, weil es immer öfter auf Schulhöfen aufgeführt werde. „Das Nachspielen ist aus meiner Sicht deshalb naheliegend, weil die Leistungskultur der Schule dazu führt, dass sie wie ‚Squid Game‘ funktioniert“, schreibt Philippe. „Damit sage ich nicht, dass an Schulen Kinder systematisch umgebracht werden – sondern dass die Serie Aspekte verdeutlicht, die auch in der Schule zu Problemen führen.“

Kinder spielen Squid Game nicht, weil es etwa Schule ähneln würde

Aus meiner Sicht ergibt sich aus dieser Prämisse des Bloggers eine fragwürdige Argumentationsstruktur. Es ist einfach nicht belegbar, dass Kinder Squid Game nachspielen, weil sie darüber reflektierten, dass damit das Schulsystem gemeint sein könnte. Kinder übernehmen Diskussionen und Memes einfach, weil diese populär sind. That’s it! Keiner würde ernsthaft behaupten, dass Kinder und Jugendliche etwa bei persönlichen Erfolgen einen der „Fortnite-Tänze“ nachahmen, weil sie eine Parallele zu ihren Umständen erkennen würden. Nachspielen ist naheliegend, weil es eben medial nahe liegt – aber es gibt keinen inneren Zusammenhang oder auch nur eine Ähnlichkeit, die Kinder zur Nachahmung motivieren würde.

Eine Allegorie aber damit zu beginnen, dass ihr Wesenskern nicht zutrifft, erscheint mindestens fragwürdig. Man könnte auch sagen: fahrlässig. Denn jeder, der Squid Game kennt, weiß um die grausame Pointe der Serie: Menschen entscheiden über Leben und Tod anderer Menschen. Zum Spaß. Das Schulsystem hat gewiss erhebliches Verbesserungspotenzial, keine Frage. Aber die aufgeworfene Parallele ist trotz Philippes knapper Relativierung zynisch und überzogen. Wer zum Beispiel sollen denn im Schulsystem diejenigen sein, die sich am Leid der Sterbenden bzw. schlecht Benoteten erfreuen? Ist es etwa schulische Praxis, dass Lehrer:innen die mit fünf oder sechs benoteten Schülerinnen und Schüler vor der Klasse verlachen und verspotten würden? 

Aus meiner Sicht funktionieren also bereits die Prämissen nicht. Aber auch die systemischen Parallelen, die Philippe Wampfler zwischen Squid Game und Schule erkennen will, können meiner Einschätzung nach nicht überzeugen. Er schreibt, in der Schule würden „unmenschliche Formen der Disziplinierung und problematische Formen von Leistungsmessung nach kurzer Zeit von Schüler:innen nicht mehr hinterfragt, sondern als Regel akzeptiert.“ Das bedeute, so der Schweizer Lehrer, Schüler akzeptierten den selektiven Grundsatz von Schule: „Wer das nächste Level erreichen und eine Aussicht auf ein erfolgreiches Leben haben will, muss da durch.“

Benotung ist per se anders als „Squid Game“

Meines Erachtens funktioniert dieser Vergleich nicht. Schauen wir uns die drei grundlegenden Regeln bei Squid Game an – und vergleichen die Kategorien dann mit Schule:

1. Teilnehmer können das Spiel nicht willkürlich unterbrechen.

2. Spieler, die sich weigern, werden automatisch disqualifiziert.

3. Stimmt die Mehrheit dafür, können die Spiele beendet werden.

Diese Regeln sind innerhalb des Spiels zynisch, weil sie kollektiven Druck auf die Gemeinschaft ausüben. Für das Spiel sind sie gleichwohl auch plausibel, weil sie einen fließenden Ablauf gewährleisten. Schon die „unmenschlichen Formen der Disziplinierung„, die Philippe anführt, sind aber für die heutige Schule grotesk überzogen. Aber auch insgesamt wird hier ein völlig verzerrtes Bild von Schule gezeichnet. Schule baut weder annähernd noch grundsätzlich auf den Grundprinzipien von Squid Game auf. Schule ist per se anders.

Ist Schule ausschließlich ein mechanisches Pauksystem?

Das Argument des zentralen Stücks des Vergleichs von Squid Game und Schule lautet, dass Schüler:innen Dinge lernen müssten, die „nicht sichtbar relevant“ sind und „deren Wert sie im Moment nicht beurteilen können“. Philippe schreibt: „So beginnen sie, mechanisch zu lernen. Sie pauken Vokabeln, lernen Seiten aus Büchern und Heften auswendig, um bei der Prüfung irgendwas hinzuschreiben, was hoffentlich noch ein paar Punkte gibt; suchen nach Rezepten, mit denen sie mathematische Aufgaben so abarbeiten können, dass sie aufs richtige Resultat kommen, auch wenn sie die dahinterliegenden Konzepte nicht verstehen. Sie sind wie die Spieler:innen bei »Squid Game«, die nicht mit Murmeln spielen, weil sie dabei Spaß hätten – sondern weil sie nicht anders können.“

Die Argumentation aus diesem Beispiel höre ich ständig. Sie ist, was das Auswendiglernen angeht, aus meiner Sicht aber in den meisten Schulen nicht zutreffend. Der Verweis auf Squid Game ist auch insgesamt wieder deplatziert. Denn in der Serie geht es nicht um eine Note, eine Ziffer oder einen Test. Hier geht es um Leben und Tod, also um die Idee der Serie – und den einzigen Aspekt, um den es ja explizit nicht gehen soll.

Der Spaß des Killer-Milliardärs hat nichts mit Lehrern gemein

Die hier entfaltete Argumentation von Philippe Wampfler klingt zunächst stimmig. Aber schaut man genauer hin, passt die Begründung erneut nicht. „Die Verantwortlichen von »Squid Game« könnten allen Teilnehmenden das Geld geben, das sie für das Spiel aufwenden, wenn sie wollten“, schreibt Philippe. Und „Schulen könnten allen Schüler:innen zeigen, wo ihre Stärken liegen.“

Sollte Schule Schülern zeigen, wo ihre Stärken liegen, anstatt sich an ihren Defiziten zu orientieren? Absolut und ohne Frage. Aber die Parallele ist eben keine. Der Kern von Squid Game ist das Amüsement, das ein superreicher Milliardär und dessen Freunde dabei empfinden, Menschen um Leben und Tod spielen zu sehen. Könnten sie das Geld auch verteilen? Nein, denn dadurch hätten diese Sadisten kein Vergnügen – und das Spiel wäre obsolet. Die Parallele funktioniert insofern genauso wenig, als würde man sagen, dass Werther überlebt hätte, wenn er sich nicht umgebracht hätte. Mag sein, aber: Der Text steht fest. Der Werther ist tot. Die Serie steht fest. Ihr Kern beruht auf dem System, dass es das Geld den Überlebenden schenkt.

Das Squid Game beschreibt Philippe Wampfler so. „Alle Spielenden sollten dieselben Chancen haben. Nur: Das haben sie nicht. Nicht nur können sie die Spiele unterschiedlich gut spielen, die Spiele sind bewusst so designt, dass Zufälle, Willkür und nur wenigen zugängliche Informationen darüber entscheiden, wer gewinnt und wer verliert.“ Bezogen auf Schule ist klar, dass die viel beschworenen Leistungsmessungskritierien wie Validität, Reliabilität und Objektivität beim Lernen nur scheinbar Chancengleichheit herstellen können. Da gehe ich gerne mit. Aber die Schlussfolgerung, die Philippe zieht, teile ich nicht. 

Lehrkräfte sind keine gesichtslose Armee, sondern helfen, wo sie können

Im Squid Game ist Chancenungerechtigkeit konstitutiver Baustein. Im System Schule stimmt das gewiss nicht. Denn die meisten an der Schule Beteiligten versuchen – oft bis zur Verzweiflung – Gerechtigkeit herzustellen. Vielen gelingt es nicht, meinetwegen zum Teil auch aus systemimmanenten Hindernissen heraus. Aber Schule ist kein Ort wie Squid Game, in dem alle Schüler:innen völlig ohne Unterstützung, ohne Üben und Lernen und ohne jede Form der Hilfe völlig überraschende Prüfungen durchführen müssten. Und die gesichtslose Armee von Aufsichthabenden im Squid Game operiert so kalt wie das Gewinn-oder-Stirb-System. Das kann man Lehrer:innen in der Schule ganz sicher nicht vorwerfen. In meinen Augen ist das die brutalste und verwerflichste Stelle in diesem insgesamt untauglichen Vergleich: Philippe Wampfler macht die Lehrerschaft zu willenlosen kalten Soldaten eines Killerspiels. 

Philippes Artikel enthält Impulse zu einer schonungslosen Bestandsaufnahme der Defizite der Schule. Aber es fehlen ihm aus meiner Sicht an den entscheidenden Stellen überzeugende Belege. Dies liegt gerade daran, dass er ein Bild von Schule zeichnet, das überzogen ist und so alle Verantwortlichen innerhalb eines verbesserungswürdigen Systems zu Mitverantwortlichen am Leid der Kinder macht. Genauso gut könnte man einen Artikel schreiben, in dem Schule mit Krieg verglichen wird. Nur in der Schule halt ohne Tote. 

Ich finde, dass es sich immer lohnt, nach neuen Bildern, Parallelen und Anspielungen zu suchen, um herauszufinden, was an Schule und Bildung verbessert werden kann. Dabei sollte man nicht zimperlich sein. Dies aber mithilfe der Serie Squid Game zu tun, ist geschmacklos.

Bob Blume ist Oberstudienrat am Windeck-Gymnasium Bühl und als Netzlehrer der Pädagoge mit der größten Reichweite auf Twitter und Instagram. Er antwortet auf einen Text von Philippe Wampfler auf Medium.

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