Theo stellt die Schule auf den Kopf

Ein Gastbeitrag von Jan Vedder

Corona hat es uns nicht leicht gemacht. Dennoch sind wir den Weg auch im Jahr der Pandemie weitergegangen. Wir haben unsere Schule umgebaut.

Der Anspruch ist groß: Wir wollen die Selbstständigkeit und Selbstverantwortung für das eigene Lernen stärken. Dazu haben wir unseren Stundenplan völlig umgestellt: er ist jetzt geprägt von längeren, fächerübergreifenden Lernzeiten. Wir nennen das „themenorientiertes Lernen“, kurz Theo. Wie geht das? Wir haben die Fächerstruktur weitgehend aufgelöst. Unterricht, genauer das Lernen, denken wir nun von Themen und Perspektiven her. Herkömmlicher Unterricht soll nicht mit alternativen Prüfungsformaten und/oder digitalen Highlights lediglich aufgehübscht werden. Was wir tun, stellt die Schule auf den Kopf – und den Unterricht.

Unsere Lernenden lernen seit 2020 in vier großen Themenbereichen: Natur & Raum, Mensch & Gesellschaft, Zeit & Geschichte sowie Technik & Zukunft. Diese Perspektiven bilden den roten Faden über die gesamte Schulzeit hinweg. Die Schüler:innen suchen sich darin ihre Projekte. Mit Theo lernen sie, Themen in größeren Zusammenhängen zu denken und aus verschiedenen Blickrichtungen zu betrachten. Die Inhalte fusionieren zu Projekten, welche die Schüler über einen Zeitraum von acht Wochen erarbeiten. 

Schüler wählen ihre Tutoren selbst

Die Neugestaltung des Stundenplans war die große Herausforderung. Jeder Tag beginnt bei uns mit der Theo-Planung. Die Schüler:innen strukturieren ihren Tag und ihr Lernen möglichst eigenverantwortlich. Wir begleiten sie dabei. Etwa im wöchentlich stattfindenden Lernentwicklungsaustausch, das sind regelmäßige Gespräche. Welcher Lehrer ihr Tutor sein soll, wählen die Schüler selbst. 

Die einzelnen Theos finden immer im Doppeljahrgang statt, in der fünften und sechsten Klasse usw. bis zur zehnten Klasse. In Theo-Camps setzen die Schüler:innen ihre Schwerpunkte und Themen. Die Camps funktionieren so ähnlich wie Barcamps. Das heißt, in Zukunft diskutieren die Schüler in spontan organisierten Runden, welche Themen ihnen wichtig sind

Projekte rein, Fächer raus

Jeder Theo-Unterricht wird von einem 8- bis 12-köpfigen Lehrer:innen-Team geplant und vorbereitet. Möglichst viele Fachdisziplinen kommen dabei zum Tragen. Bereits in der ersten Phase der Pandemie im März 2019 hat ein Großteil des Kollegiums Disziplinen vernetzt. In den themenorientierten Perspektiven definieren wir Lehrende Kernaufgaben, die über die Fächer hinausgreifen. Aus den Kernaufgaben leiten sich im Folgenden verschiedene Lernbereiche ab. In jedem Theo erwartet die Schüler also ein Pflichtthema mit übergeordneter Kernaufgabe.

Im aktuellen Theo zum Beispiel für den Jahrgang 5/6, „Ein Wald voller Rätsel“, erstellen die Lernenden in den Lernbereichen Rätsel rund um das Thema Wald. Es zählt zur Perspektive „Natur und Raum“. An den Waldtagen experimentieren die Schüler:innen zu den verschiedensten Themen im Wald. Im Lernbereich „Waldausflug“ haben sie vorher gelernt, gut vorbereitet auf Exkursion zu gehen.

Schüler lernen, ihr Lernen selbst zu planen

Innerhalb der Lernbereiche werden Aufgaben, Materialien, Experimente etc. in drei farblich gekennzeichneten Schwierigkeitsstufen von uns Lehrenden vorbereitet. Das reicht vom Schüler mit Förderbedarf bis hin zu Schülern, die im Erweiterungsniveau lernen. 

Klar ist, dass so ein Konzept nicht von heute auf morgen eingeführt werden kann. Uns Lehrkräften haben wir ja das vertraute Unterrichtssetting buchstäblich unter den Füßen weggezogen. Die Belastung während der Planung ist groß, der Frust während der Durchführung nicht immer gering. Nicht alle Schüler:innen können bekanntermaßen sofort selbständig planen und arbeiten. Manchmal müssen wir als Lernbegleitende nun auch mit uns ungewohnten Materialien Aufgabenstellungen anderer arbeiten oder mit unfertigen Strukturen klarkommen. 

Und natürlich machen wir Fehler. Dies kommuniziert die Schulleitung auch regelmäßig in die Richtung der Eltern. Dennoch sind wir überzeugt, dass der Weg der richtige ist und es im Grunde keine Alternative gibt. Die Lehre im Gleichschritt jedenfalls ist ein totes Gleis. Unsere Jugendlichen sollen Selbstwirksamkeit erfahren und Schule wieder als echten Lernort begreifen.

Wichtig ist, aus den Erfahrungen zu lernen. Die folgenden Entwicklungsfelder scheinen mir wesentlich zu sein: 

Schüler verbringen (zu) viel Zeit am Tablet

An unserer Schule gibt es eine 1:1-Ausstattung mit Tablets und (meistens) eine stabile Internetverbindung. So konnten wir die Theos auch im Distanzlernen angehen. Das gesamte Material und alle Aufgaben liegen für acht Wochen im Voraus digital bereit. In diesem von uns intendierten Setting arbeiten die Kinder oft für sich und lernen eben individuell. Das ist auf der einen Seite gut – aber auf der anderen Seite verbringen sie mitunter sehr viel Zeit am Tablet und mit sich allein. Es liegt an uns Lernbegleitern, noch mehr Phasen von Gruppenzusammenkünften und Methoden wie Standbilder, Partnerarbeiten oder Rollenspiel zu integrieren und kooperatives Lernen auch im Theo weiter zu fördern.

Input: Es gibt kaum frontale Phasen mehr. Diese sind zukünftig in den Theocamps zwar möglich, dennoch kommen immer wieder Rückmeldungen dazu – sowohl von den Lernenden als auch von den Lehrenden. Klar, beide Seiten sind es anders aus der Schule gewohnt. Dennoch lassen sich nicht alle Erklärphasen etwa durch Videos ersetzen, da dann wieder das gemeinsame Klassengespräch zu kurz kommt. 

Sprachen bilden eine Sonderstellung. Um eine Sprache zu lernen, muss ich sie sprechen, hören und ich benötige Sprachvorbilder. Für das Fach Englisch haben wir daher „Speaking Sessions“ in die Wochenstruktur integriert. Hier wird gemeinsam gesprochen, kooperativ gelernt und aktiv kommuniziert. Nur mit einem gewissen Grundwortschatz können die Lernenden dann später selbstständig in den Lernbereichen Aufgaben auf Englisch bearbeiten. Daher ist in den unteren Jahrgängen innerhalb des Pflichtthemas in der Regel ein zusätzlicher Lernbereich für das Fach Englisch ausgewiesen.

Lernende arbeiten sich (zu) oft an Arbeitsblättern ab

Arbeitsblätter: Mit dem Fortschreiten des Schuljahres und der Entwicklung wird uns bewusst, dass die Lernenden oft Arbeitsblätter abarbeiten und nacheinander Aufgaben (Lernschritte) bearbeiten. Hier merken wir, dass es mehr handlungsorientierte Ansätze, wie zum Beispiel Waldtage oder Forscherboxen, und entsprechende Materialien braucht. Nur so lässt sich eine echte Ganzheitlichkeit schaffen. Mit Kopf, Herz und Hand, denn das Setting des Schreibsaals wollten wir schließlich mit unserem neuen Konzept auflösen. Hier liegt sicherlich der größte Nachholbedarf im Theo. Ein Großteil der Kolleg:innen ist sich dessen bewusst.

Noten: Mit der Einführung von Theo haben wir uns von klassischen Begriffen wie Arbeit, Test oder Referat verabschiedet. Die Schüler:innen erbringen in den Lernbereichen Gelingensnachweise. Sie können sich dafür individuell anmelden. Sie entscheiden also selbst, wann sie ihr Gelingen nachweisen. Dies können klassische Arbeiten sein, aber auch gestaltete E-Books, Audiofiles, mündliche Gespräche oder Protokolle von Experimenten. Unser größtes Problem liegt dabei in den rechtlichen Vorgaben des Landes Niedersachsen für unsere Schulform (Oberschule). Wir müssen in den Zeugnissen Ziffernnoten in einzelnen Fächern ausweisen. Um dies umzusetzen, sind wir also gezwungen, die miteinander verwobenen Strukturen für die Notengebung wieder aufzulösen und in Noten zu gießen

Zwölf neue Theos stellen die Schule auf den Kopf

Diese Hürden wollen wir zukünftig überwinden – und haben uns u.a. aus dem Grund für das Modellprojekt Zukunftsschule beworben. In dem Modellprojekt wollen wir die Schwerpunkte Bildung für nachhaltige Entwicklung und Demokratiebildung ebenfalls weiter schärfen und ausbauen. Ein kräftezehrendes Schuljahr liegt hinter uns – und das nächste wird wohl nicht weniger anstrengend. Bis zu zwölf neue Theos werden an der OBS Berenbostel entstehen. Im Prozess werden sicherlich viele neu Baustellen zu bearbeiten sein. Genau wie erste Erfolgserlebnisse gefeiert werden wollen. Ich freue mich auf die Arbeit mit dem großartigen Kollegium der Oberschule Berenbostel. 

Jan Vedder ist Mitglied des didaktischen Teams der Oberschule Berenbostel in Garbsen. Er twittert als Vedducation und organisiert über seinen Blog Weiterbildungen für Lehrkräfte.

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