„Sommerferien: entspannen und planen“

Ein Gastbeitrag von Christian Vanell

In den letzten Wochen vor den Sommerferien sind fast alle an Schule Beteiligten am Limit, häufig auch darüber hinaus. Ein Schuljahr kostet enorm viel Kraft und das gilt für eines, das so viel Flexibilität und zusätzlichen Einsatz erforderte wie dieses, natürlich besonders. Im Gegensatz zu teilweise verbreiteten Vorurteilen ist nämlich der Großteil der anderen Ferien für mich und andere Lehrkräfte eher unterrichtsfreie Zeit, also Arbeitszeit außerhalb des Klassenraums. Mehrere Wochen am Stück erholen ist da quasi nicht möglich. Genau das brauche ich aber, um wirklich neue Kraft zu tanken, damit ich auch im nächsten Jahr dazu beitragen kann, Schule zu einem möglichst guten Lern- und Erfahrungsort für die Lernenden zu machen.

Eben weil alle diese Ferien nach Corona so herbeisehnen, vermischt sich die Erschöpfung in diesen Wochen auch mit einem Gefühl von Vorfreude auf diese Ferien, bei mir aber auch schon auf das kommende Schuljahr. Meist habe ich schon eine Menge Ideen im Kopf, wenn ich in die Ferien starte. Gleichzeitig weiß ich jedoch, dass ich gerade gar keine Energie habe, um diese wirklich zu strukturieren und in konkrete Projekte umzusetzen.

Vom Lehrerzimmer entfernen

Dieser Zwiespalt ist für mich eine der großen Herausforderungen, wenn die Ferien beginnen. Ich muss diese Ideen erstmal liegen lassen und mich rational und emotional von Schule entfernen. Dazu brauche ich mehrere Dinge:

1. Das Gefühl des Aufgeräumtseins: Ich kann nicht in einen Erholungsprozess starten, wenn mein (digitaler) Schreibtisch noch nicht aufgeräumt ist und alle liegen gebliebenen Aufgaben erledigt sind. Ich habe als Lehrkraft eigentlich permanent das Gefühl des „Nie-Fertigseins“, die To-do-Liste ist immer voll, zumindest im Sommer brauche ich aber das Gefühl, alles darauf gestrichen zu haben.

2. Pause heißt Pause: Ich brauche das Gefühl, die Tür des Lehrkräftezimmers hinter mir geschlossen zu haben. Dafür nehme ich mir am letzten Schultag bewusst Zeit. Das hilft mir, mich von der Schule zu entkoppeln und mich gleichzeitig wieder auf den Schulstart nach den Ferien zu freuen. Dazu gehört für mich auch, für einige Wochen symbolisch die Tür des  Twitterlehrerzimmers zu schließen. Ich finde dort sehr viel Unterstützung und Inspiration durch Kooperation und kluge Unterrichtsideen, aber auch „Sharing is Caring“ wird auf Dauer anstrengend, eben weil diese Ideen bei mir einen permanenten Reflexionsprozess über Unterricht und Bildung auslösen. Wenn ich da nicht auf aufpasse, gerate ich schnell in ein Hamsterrad hinein.

Weniger kommunizieren

3. Menschen: Ich arbeite in einer relativ großen Schule, das bedeutet, ich sehe jeden Tag sehr viele Menschen und kommuniziere mit ihnen. Meist bin ich dabei in der Rolle des Zuhörers, des Ratgebers und oft in der Doppelrolle des Lehrenden und zugleich Lernenden. Ein bisschen ist das wie eine Achterbahnfahrt, die zwar sehr viel Spaß macht, von der man irgendwann aber auch eine Pause braucht. Sommerferien bedeuten für mich deshalb auch, weniger Menschen zu sehen bzw. zu treffen. Vor allem aber geht es darum, Zeit mit der Familie zu verbringen. Häufig besteht meine Woche aus sechs Arbeitstagen, Projekte zu Hause, Ausflüge usw. sind da nicht immer möglich. Das holen wir jetzt nach.

Ideen sortieren

Von den sechs Ferienwochen mache ich ungefähr vier Wochen frei. Danach geht es wieder los. Mein Erholungsgefühl lässt sich nur in den August bzw. September retten, wenn ich nicht unvorbereitet starte. Zum Glück weiß ich in der Regel schon vor den Ferien, in welchen Lerngruppen ich unterrichten werde. Vorbereitung bedeutet für mich nicht das Erstellen von Arbeitsblättern oder die Erstellung eines Halbjahresplans oder Ähnliches, sondern vor allem das Ordnen und Strukturieren der Ideen, die ich oft bereits irgendwo im Kopf habe. Ich überlege mir, womit ich mit meinen Lerngruppen starten will, bilde mich in diesen Bereichen fort und erweitere meine Expertise. Dann sammle ich Ideen und beginne Projekte grob vorzustrukturieren. Mein Unterricht ist nicht fertig, wenn das Schuljahr startet, aber ich habe ein offenes Gerüst, das mir erlaubt, die Interessen und Fragen der Lernenden zu integrieren.

Und dann kann das neue Schuljahr beginnen.

Christian Vanell ist Lehrer an der Martin-Buber-Oberschule in Berlin.

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