Selbstbestimmtes Lernen

Auf dem Foto sind Delfine zu sehen, eine Metapher für Selbstbestimmtes Lernen von Lernende
Delfinarium-Effekt: Schüler:innen springen nur, wenn ihnen gute Noten angeboten werden.

Gastbeitrag von Niels Winkelmann

Mein persönlicher Start ins nächste Schuljahr steht kurz bevor. Die Sommerferien waren für mich mehr denn je eine Zeit, mein bisheriges Unterrichtskonzept zu verstehen und neu einzuordnen. Während Corona hatte ich – ohne den klassischen Prüfungs- und Notendruck – bei hybriden Szenarien Zeit und Gelegenheit, mehr mit Alternativen zu arbeiten: mit zeitgemäßen Prüfungsformaten, projektbasierten Methoden wie Scrum und mit Lernprodukten, bei denen die Schüler:innen im Mittelpunkt stehen. Die zentralen Elemente in der Übersicht mit Perspektive auf den Lerner sind in meinen Augen die folgenden.

1. Du bist Spezialist:in für Dein Lernen: Bestimme Dein Lerntempo, Dein Niveau, Deine Lernstrategie! Setze Dir Ziele!

2. Das schulische Wissen ist kein Geheimnis, es steht in Büchern und im Internet: Informiere Dich, sammle die besten Informationen und teile sie mit Deinen Mitschüler:innen!

3. Gemeinsam lernen wir besser: Organisiere so viel Zusammenarbeit mit Deinen Mitschüler:innen wie möglich, setzt Euer Wissen so oft wie möglich in einem gemeinsamen Lernprodukt um (z.B. Podcast, Video, Flyer, Quiz, Wiki, selbst gestalteter Vorschlag für eine Klassenarbeit usw.)!

4. Wissen ohne Bedeutung ist wertlos: Suche immer nach Anwendungsmöglichkeiten in Deinem Leben – mache Dich für eine gute Sache stark, setze Dich für Andere ein, verbessere unsere Welt, indem Du Dein Wissen einsetzt.

Du bist Spezialist Deines Lernens

Mehr denn je ist mir klar, dass wir Lernen „lernseitig“ denken sollten, also vom Lernenden her. Jöran Muuß-Merholz hat das im Routenplaner Digitale Bildung schön ausgeführt. Wenn ich als Lehrer meine Schüler:innen zu guten Leistungen führen möchte, sollte ich ihnen viel Gestaltungsraum geben. Je mehr ich sie zu von mir bestimmten Leistungen bewegen möchte, um so mehr erziele ich einen Delfinarium-Effekt: Die Schüler:innen springen dann wie Delfine im Delfinarium nur noch, wenn ich ihnen als Belohnung eine gute Note anbiete.

Das korrespondiert für mich stark mit Felix Winters Idee von der Qualitätensuche („Lerndialog statt Noten„). Wenn ich meinen Schüler:innen Raum für eigenständige und selbstbestimmte Delfinsprünge lasse, dann ist es meine Aufgabe als Lehrer, mit den Lernenden über die Qualitäten der Delfinsprünge in den Dialog zu treten. Insofern kann der Weg nicht über Differenzierung oder Individualisierung führen, sondern über die Personalisierung von Lernen. Dafür müssen Lernende ihr Arbeitstempo bestimmen können, ihr Niveau einschätzen lernen und ihre Lernstrategien überwachen und anpassen. Dann erst können sie zum großen Sprung ansetzen – und selbstbestimmt lernen.

Das kann nur zielgerichtet funktionieren. Dafür müssen die Schüler:innen ihre Lernwege reflektieren und sich eigene Ziele setzen. Spannend ist für mich in der Hinsicht Scrum, da es eigene Lernwege in Projekten ermöglicht. Allerdings hadere ich darin mit der häufig empfohlenen Rolle der Lehrenden als „Product Owner„. In meinen Augen sollte ein „Product Owner“ auch in schulischen Projekten wie ursprünglich in Scrum kein Außenstehender, sondern Teil des Teams sein. Das bedeutet, nicht Lehrende definieren die Ziele, sondern das Team selbst entscheidet. Personalisiertes Lernen kann auf diese Weise in lebenslangem Lernen münden!

Schulisches Wissen ist kein Geheimnis

Wir sollten Schule post-digital gestalten. Wir können davon ausgehen, dass Digitalität Teil dieser Welt ist, und wir Lernen für eine solche Welt anpassen müssen. 

Ganz zentral ist dabei für mich der Wandel der Welt hinsichtlich des Informationsmanagements. Längst haben wir nicht nur viele Informationen – die Wissensbestände der Welt verdoppeln sich in wenigen Jahren. Wir haben zudem das Wissen in digitaler Form so gut organisiert, dass all das, was in der Schule gelehrt werden soll, jederzeit und (fast) überall digital verfügbar ist. Insofern hat die Schule heute keine informierende Funktion mehr wie vor hunderten von Jahren. Damals wurde das Wissen noch diktiert, und die Menschen durften es sich nicht erlesen. Heute sind nicht mehr Lehrende die Träger des Wissens, die ihre Kenntnisse wie im Kaiserreich aus der Universität in die Schule tragen. Auch Bücher sind nicht mehr die einzigen medialen Träger des Wissens. Das Internet hält das Wissen in anderer medialer, (un)didaktischer und inhaltlicher Form ebenso bereit. Damit ist es prädestiniert für personalisiertes (und weniger formalisierter) Lernen. Die Aufgabe der Lehrenden im postdigitalen und personalisierten Lernen kann nicht mehr die Informationsweitergabe sein. Informationsbeschaffung, -verarbeitung und -bewertung müssen zentraler Bestandteil des post-informierenden Unterricht sein!

Unterrichtende sollen dabei natürlich weiter informieren. Ein zentrales Element wird dabei künftig das Kuratieren von Informationen sein. Dazu zählt für mich auch, das Schulbuch vorauszuwählen. Aber die zentrale Rolle beim Informationsmanagement haben die Lernenden. Alle drei Schritte (Informationsbeschaffung, -verarbeitung und -bewertung) müssen wir natürlich üben und reflektieren. Die Aufgabe der Lehrenden ändert sich dabei elementar. Sie sind stärker im Anleiten und Begleiten gefordert, weniger im Vermitteln von Informationen.

Gemeinsam lernen wir besser

Zudem sollten wir auch das kooperative Element in der Informationsbeschaffung mitdenken und -üben: Sharing is caring! Wir müssen lernen, Informationen miteinander zu teilen

Schüler:innen machen einander besser – indem sie kooperieren. Erst wenn Lernende zusammenarbeiten, sich gegenseitig inspirieren und herausfordern, wird „Unterrichtszeit optimal genutzt“. Durch Unterricht, der viel Raum öffnet für die selbst gestaltete (und -genutzte) Interaktion der Lernenden miteinander, werden individuelle Lernbiografien verdichtet.

Dafür muss Unterricht oft produktiv genutzt werden, wofür sich digitale Lernprodukte besonders eignen, da dabei Wissen kollaborativ (und nicht nur kooperativ) transformiert werden kann.

Der Bezug zur Lebenswelt ist wichtig

Was mir in meinem bisherigen Unterricht zu oft gefehlt hat, aber nicht mehr (so oft) fehlen darf, ist der Bezug zur Lebenswelt. Schüler:innen sollten Verbindungen schaffen (können) zwischen ihrem Leben und dem „Unterrichts-Stoff“. Das ist hier durchaus negativ konnotiert, da ich mich davon gerne mehr lösen würde, aber mir das – etwa in Mathematik – nicht so leicht fällt. Traditionell wird für das Herstellen von Lebensweltbezügen die Verantwortung bei den Lehrenden gesucht, etwa wie bei ihrer Rolle als Product-Owner. Aber damit führe ich erneut meinen Unterricht in das Delfinarium-Szenario.

Insofern ist für mich nach dem Prinzip des Verantwortungs-Flip primär Aufgabe der Lernenden, die Verbindung zu schaffen, womöglich nicht nur ein Lern-Produkt, sondern die Welt zu gestalten. Lehrende können dazu inspirieren, mitgestalten und unterstützen.

All diese „Prinzipien für Deinen Lernweg“ stehen ebenso wie ihre Bezeichnung selbst auf dem Prüfstand. Ich freue mich über alle, die mitdenken und mitgestalten mögen. Vielleicht wird ja ein gemeinsames Testen dieser oder ähnlicher „Prinzipien“ möglich?

Niels Winkelmann gibt an der Cäcilienschule Wilhelmshaven die Fächer Deutsch, katholische Religion und Mathematik. Sein Beitrag erschien zuerst digilog.Blog

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