Die Chance des 21. Jahrhunderts ergreifen

Auf dem Foto ist Felise Maennig-Fortmann, Bildungsexpertin der Konrad-Adenauer-Stiftung zu sehen: Für sie ist Digitalisierung die Chance des Jahrhunderts für Schule.
Felise Maennig-Fortmann ist Bildungsexpertin der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Ein Gastbeitrag von Felise Maennig-Fortmann

Wir überschätzen oft, was in einem Jahr erreicht werden kann, und wir unterschätzen, was in einem Zeitraum von 10 Jahren möglich ist. Was für uns persönlich gilt, gilt auch für das deutsche Schulsystem. Nun, fast eineinhalb Jahre nach den ersten Schulschließungen und kurz vor Beginn eines neuen Schuljahres, von dem noch unklar ist, ob es in Präsenz stattfinden wird, macht sich Ernüchterung breit. Deutlich wird, was alles noch nicht funktioniert (kaum passgenaue Versorgung mit Geräten; keine Aussicht auf IT-Unterstützung vor Ort; Gelder, die nicht abgerufen werden; Lernlücken, deren genaues Ausmaß aber nicht bekannt ist; Kompetenzrangeleien zwischen Bund und Ländern).

Gleichzeitig muss man sich den Ausgangspunkt der Entwicklung vor Augen halten. Viele der genannten Probleme leiten sich aus der Logik des deutschen Schulsystems ab. Es zeichnet sich durch Beständigkeit, Stabilität und ein vergleichsweise hohes Bildungsniveau aus – ist aber auch von Bürokratie, Kleinteiligkeit und einem geringen Grad an Autonomie und Flexibilität geprägt. Gegenüber Veränderungsdruck wies es über viele Jahre eine bemerkenswerte Beharrungstendenz auf. 

Digitalität ist die Chance des 21. Jahrhunderts

Vieles konnte aber auch in den vergangenen 18 Monaten bewegt werden: Lehr- und Schulpersonal, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler im ganzen Land improvisierten, bewiesen Kreativität und sind über neue Kommunikationskanäle zusammengewachsen. Es wurden Prozesse angestoßen, die noch vor zwei Jahren undenkbar schienen. Die Schulen, so scheint es, beginnen die Möglichkeiten des Digitalen zu entdecken. Ja mehr noch, die Umstellung auf Distanzunterricht hat gezeigt, dass Schulen durchaus zu einschneidenden Veränderungen in der Lage sind. Gleichzeitig hat das Thema Bildung eine ungewohnte Aufmerksamkeit in Politik, Medien und der Öffentlichkeit erhalten. Durch die vergangenen 18 Monate ist ein Wandel in Gang gekommen, der kaum noch zurückgedreht werden kann. Er lässt erahnen, welche Chancen Schulen im 21. Jahrhundert haben.

Wenn die Entwicklung weitergeht, dann könnte das Schulsystem in zehn Jahren die Komplexität einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft besser abbilden. Die Anforderungen an und Möglichkeiten von Schülerinnen und Schülern verändern sich. Zwar ist unbekannt, wie die Arbeitswelt der Kinder aussehen wird, die in 2021 eingeschult und ihr Abitur ungefähr im Jahre 2034 ablegen werden. Sie dürfte sich aber von dem, was wir bisher kennen unterscheiden. 

Digitalisierung wendet nicht alles zum Guten

Gleichzeitig sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass allein die Digitalisierung Bildung zum Guten verändern kann. Stattdessen sollten wir proaktiv einen Plan für das Lernen und die Schule der Zukunft entwickeln. Welche Vision von Schule im Jahr 2030 existiert? Welche Vorstellungen sind realistisch? 

Die Schule wird als Ort des Lernens und des sozialen Miteinanders nicht an Bedeutung verlieren. Zugleich wird Lernen durch die Digitalisierung flexibler und unabhängiger von Zeit, Ort und fachlichen Disziplinen. Das bietet die große Chance des 21. Jahrhunderts, die Grenzen zwischen der Welt draußen und der Schule, aber auch der eigenen Lebenswelt durchlässiger zu gestalten. Die Lehrerin Margit Wietzorrek schrieb an dieser Stelle, „die Schule muss der Blase entkommen, die mit der Wirklichkeit da draußen immer weniger zu tun hat“. Sie muss an realen Problemen der Kinder und Jugendlichen ansetzen. Was in Erinnerung bleiben wird, ist das Wissen darüber, was persönlich bedeutsam ist. 

Schule und Lernumgebungen verschmelzen

Dieser Prozess muss sich auch in offenen und ansprechenden Schulgebäuden und hybriden Lernumgebungen widerspiegeln. Digitalisierung ist dabei kein Selbstzweck, sondern als Ergänzung des Unterrichts zu verstehen. Sie ist die Voraussetzung für eine Verschmelzung des Lernorts Schule mit einer ortsungebundenen Lernumgebung.

Digitale Unterrichtsformen, didaktisch sinnvoll eingesetzt, können die Lernerfahrungen erweitern. Lernformen wie kooperatives, fachübergreifendes und individualisiertes Lernen könnten an Bedeutung gewinnen. Sie können guten Frontalunterricht bereichern, während gleichzeitig die Kompetenzen zu eigenverantwortlichem Lernen und die Medienkompetenz ausgebaut werden. Diese sind nicht nur für eine erfolgreiche Schullaufbahn, sondern auch für ein späteres Erwerbsleben und gesellschaftliche Teilhabe wichtig. 

Unterrichten ist und bleibt Beziehungsarbeit

Die Lehrpersonen werden nicht an Bedeutung verlieren. Sie entscheiden über geeignete Lernmethoden und den angemessenen Einsatz digitaler Technik. Ihr Feedback an die Schülerinnen und Schüler ist einer der wichtigsten Faktoren, die Lernen fördern. Unterrichten ist und bleibt Beziehungsarbeit. Dies gilt es bereits in die Lehrerausbildung zu implementieren. 

Gleichzeitig müssen wir noch stärker die Möglichkeiten ausschöpfen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden und anhand erhobener Daten empirisch zu überprüfen, welche Methoden tatsächlich am wirksamsten für den Lernerfolg sind. Eine konsequente Analyse bietet jetzt die große Chance, Beharrungstendenzen im deutschen Bildungssystem offensiv anzugehen und die Weichen für eine empirisch basierte Neuausrichtung zu stellen. Dabei ist auch eine intensive europäische und internationale Zusammenarbeit bedeutsam. Denn digitales Lernen ermöglicht es Schulen der Zukunft, zugleich lokal verortet und international vernetzt zu sein. 

Felise Maennig-Fortmann ist Bildungsexpertin bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und Mitautorin des Diskussionspapiers „Die Schule von morgen gestalten

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