Langweilen Sie uns nicht, Herr Klinge!

Man sieht einen Hund auf dem Foto: Projektunterricht soll nicht langweilen
Wie muss der Unterricht hier aussehen, damit es ein richtig guter Kurs wird?“

Gastbeitrag von Jan-Martin Klinge

Gestern hatte ich die erste Stunde mit meinem 9er-NW-Projektkurs in unserem neuen Schulsystem. Dabei liegt der Schwerpunkt des thematischen Lernens in den Lernbüros – die Projektstunde wird wöchentlich zur Vertiefung genutzt und um eigene Interessen zu verfolgen.

Am Anfang jedes naturwissenschaftlichen Unterrichts stehen organisatorische Dinge wie die Sicherheitsbelehrung und eine transparente Leistungserwartung. Aber ich frage auch gerne, welche Erwartungen die Schüler:innen an den Kurs und an mich haben. „Wie muss der Unterricht hier aussehen, damit es ein richtig guter Kurs wird?“

Nur zögerlich kommen Antworten. „Dass Sie auch mal verständnisvoll sind, wenn man einen schlechten Tag hat.“ „Dass man immer fragen kann.“ Aber den meisten Zuspruch erfährt die Erwartung „Seien Sie bitte nicht langweilig!“ „Ja, genau! Langweilen Sie uns bloß nicht!“ „Ja, seien Sie cool!“

Pädagogisches Gottesgeschenk – oder Vollkatastrophe?

Ich erinnere mich an die zwei Schwestern in meinem Unterricht. Für die eine war ich ein pädagogisches Gottesgeschenk, für die andere eine Vollkatastrophe: Dr. Jekyll und Mr. Hide.

Es folgt eine lockere Einführung in das Thema Bewegungen. Wir sammeln, welche Bewegungen es gibt und wie die sich vielleicht gruppieren ließen (beschleunigte Bewegung, gleichförmige Bewegung, Rotation, …). In den letzten fünfzehn Minuten schiebe ich die Stunde in Richtung „Projekt“.

Für die nächsten sechs bis acht Wochen sollen die Schüler:innen sich ein für sie interessantes Subthema aus „Bewegung“ heraussuchen und es berechnen, erforschen, erklären, präsentieren. Dabei liegt mein Fokus nicht nur auf dem Ergebnis, sondern auf dem Weg, dem Prozess dahin. (Mehr dazu in meinem Buch Projektunterricht? Geht doch!).

Facharbeit über Spritzmuster verschiedener Schultoiletten

Ich erzähle von der Facharbeit über die Spritzmuster unterschiedlicher Toiletten oder die Untersuchung der Schaumhöhe von Pferdeurin. „Das Wichtigste aber ist“, erkläre ich mit erhobenem Zeigefinger und mache eine dramaturgische Pause, „wenn ihr euch ein Thema aussucht…“ (noch eine Pause):

„Langweilt mich nicht!“

Touché!

***

So langsam kommt unser neues Schulsystem ins Rollen und ich finde mich (endlich) häufiger mit Unterricht und weniger mit Organisatorischem beschäftigt und lege meinen Fokus gerade auf den naturwissenschaftlichen Projektunterricht.

Spannend ist dabei zunächst folgende Grundfrage:

Erst Grundlagen studieren – oder erst Forschungsfrage suchen?

Sollten die Kinder sich zuerst ein gewisses Grundverständnis aneignen, auf dessen Basis sie dann ein Projektthema wählen können?

Oder sollten sie – umgekehrt – sich in völliger Unkenntnis über den Sachverhalt zuerst eine Forschungsfrage, ein Projekt wählen und sich von dieser Richtung motiviert erst anschließend die nötigen Grundlagen erarbeiten?

Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden: „Schaut erstmal, was ihr spannend findet, was euch interessiert – und dann werdet ihr im Verlauf feststellen, was ihr dafür alles lernen müsst!“

Die induktive Lernmethode

So hat mein neuer 9er-Kurs („Langweilen Sie uns bloß nicht!“) die vergangene Woche damit verbracht, sich Projektthemen zum Leitbegriff „Bewegung“ herauszusuchen.

Um zu vermeiden, dass wir im Unterricht sitzen und niemand sich Gedanken gemacht hat, habe ich eingefordert, mir Vorschläge und Ideen im Verlaufe der Woche zuzuschicken, um direkt Rückmeldung zu bekommen. Wichtigste Maxime: „Es muss mit dem Oberbegriff physikalischer Bewegung zu tun haben und… langweilt mich nicht!“

Was ich nicht möchte, ist das x-te, müde vorgetragene Referat über Isaac Newton – stattdessen Neugierde und Forscherdrang. Und viele der Projektthemen machen mich tatsächlich neugierig.

Wie schnell bewegt sich ein Gecko?

Eine Auswahl:

  • Der Einfluss der Größe der Schwanzflosse eines Fisches auf seine Geschwindigkeit.
  • Wie bewegt sich ein Tornado?
  • Wie schnell bewegt sich ein Gecko bei der Jagd?
  • Wie bewegt sich ein Fußball beim Freistoß?
  • Wie bewegen sich Schallwellen durch den Raum?
  • Bewegt sich die Zeit immer gleich schnell und in die gleiche Richtung?

Für die Projekte werden Vorträge verfasst, Facharbeiten geschrieben, Filme gedreht oder Experimente entwickelt. Ich bin wahnsinnig neugierig auf die Ergebnisse und folge ein wenig Nöltes „Master or Die„-Ansatz: Die Gruppen dürfen mir ihr Ergebnis so oft schicken, wie sie mögen, um Feedback einzuholen. Hauptsache, es wird am Ende eine sehr gute Arbeit.

Jan-Martin Klinge ist Autor, Blogger und Lehrer. Er unterrichtet an einer Gesamtschule im Raum Siegen und betreibt den Halbtagsblog, wo dieser Text zuerst erschien.

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