OER: Was die Bundesregierung leisten muss

Vor bald drei Jahren schrieb die große Koalition in ihren Koalitionsvertrag, dass sie im Rahmen einer umfassenden Open Educational Resources-Strategie die Entstehung und Verfügbarkeit, die Weiterverbreitung und den didaktisch fundierten Einsatz offen lizenzierter, frei zugänglicher Lehr- und Lernmaterialien fördern und eine geeignete Qualitätssicherung etablieren wolle. Viel Zeit ist ins Land gegangen und das ambitionierte Ziel wird jetzt auf den letzten Metern der Legislatur vom Bundesministerium für Bildung und Forschung angegangen. Wie wirkungsvoll die Umsetzung jedoch sein wird, steht noch in den Sternen.

Dabei hat spätestens die Pandemie gezeigt, wie wichtig freie Bildungsmaterialien und an diese anschließende Strukturen für eine gerechte Bildung sind. Im Rahmen einer Konsultation konnten verschiedene Akteure ihre Positionen und Wünsche zur Strategie äußern. Dabei waren neben verschiedenen Mitgliedern des Bündnis Freie Bildung auch Interessenverbände von Schulbuchverlagen anwesend. Die Diskussionen drehten sich um die Fragen: Wie soll sie aussehen, die ideale OER-Strategie? Und: Was braucht es, um Bildung offener zu gestalten?

Kultur des Teilens etablieren

Mit Open Educational Resources (OER) werden Lehr- und Lernmaterialien bezeichnet, die ohne rechtliche oder technische Hürden zugänglich, nutz- und veränderbar sind. Das Wesen dieser offenen Materialien liegt – nach David Wiley – darin, dass jede Person sie legal und kostenfrei verwahren, verwenden, verarbeiten, vermischen und verbreiten kann. Diese vermeintlich spitzfindigen Details bergen große Potenziale: Sie fördern die Nutzung dezentral vorhandener Informationen und geben der informell gelebten Netzkultur einen rechtssicheren Rahmen. Damit greift offene Bildung aber auch tief in über Jahrzehnte gewachsene Strukturen ein und fordert ihre Umgestaltung.

Während herkömmliche Medien – wie das analoge Schulbuch – auf die eindimensionale Nutzung ausgerichtet sind, rufen OER zur Zusammenarbeit auf. Das erfordert Austausch, Peer-to-Peer-Lernen und Community Building, um eine Kultur des Teilens zu etablieren. Dieser Bedarf steht dem geringen Zeitbudget der Lehrenden und der auf Fächer fokussierten Schulstrukturen entgegen, die schon auf der Mikroebene wenig auf Zusammenarbeit setzen.

Durch die freien Gestaltungsmöglichkeiten des offenen Materials und die daraus resultierende Diversität an Bildungsangeboten kommt OER insbesondere Schülerinnen und Schülern zugute, deren Potenzial durch die klassischen Lehrwerke nicht ausgeschöpft werden kann. Zu ihnen zählen neben Menschen mit besonderen Förderbedarfen oder solchen, deren Familiensprache nicht Deutsch ist, auch Lernende mit Hoch- und Teilbegabungen. Durch zielgerichtete Förderungen und Investitionen in barrierefreie Zugänge zu Bildungsmaterialien werden letztendlich auch Wohlstand, Lebensqualität und die internationale Position Deutschlands gestärkt.

Um freie Bildung strukturell zu ermöglichen, braucht es zahlreiche Veränderungen und Fördermaßnahmen auf vier Ebenen: institutionelle Organisation, Lizenzierungspolitik, Materialentwicklung, öffentliche Vergabe sowie pädagogische, rechtliche und technische Weiterbildung. Für eine umfangreiche OER-Strategie wird hier nur eine Auswahl von konkreten Maßnahmen hervorgehoben.

Materialentwicklung fördern

Durch die neuen Plattformen WirLernenOnline und Mundo wird sichtbar, dass zwar zahlreiche OER existieren, sie aber teilweise veraltet sind oder keine zeitgemäßen Ansätze verfolgen. Aber genau solche Materialien sind notwendig, wenn ein kompetenzorientiertes, selbstgesteuertes Lernen zum neuen Standard werden soll, das digitale Anwendungen in der Breite ihrer Möglichkeiten integriert und sich dadurch auch selbst transformiert. Es bestehen bereits zahlreiche Konzepte, die zeigen, wie ein solches Lernen aussehen kann. Sie müssen verstetigt werden und in die Breite gelangen. Dazu eignet sich das Konzept freier Bildungsmaterialien. Es braucht Instrumente, die einerseits die Begleitung einer praxistauglichen und öffentlichkeitswirksamen Dokumentation berücksichtigen, andererseits aber auch die Kompensierung des nötigen Arbeitsaufwands seitens der Ideengeber:innen und die Unterstützung bei rechtlichen Fragen zum Ziel haben. Verschiedene Projekte – wie der edulabs edusprint und die OERcamp Werkstatt – haben bereits gezeigt, wie das gelingen kann.

Lizenzierungspolitik ändern

Was mit öffentlichen Mitteln finanziert wird, soll frei nutzbar sein. So sollen Bildungsmaterialien, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden, standardmäßig als OER freigegeben sowie in offenen Formaten bereitgestellt werden, um auch für Dritte nutzbar zu sein. Dies ermöglicht es Lehrenden, Zuschnitt und Umfang von Materialien besser an die Bedürfnisse der Lernenden und den jeweiligen Kontext anzupassen, sie aktuell zu halten und weltweit legal auszutauschen. Dafür sollten Nutzungsrechte verwendet werden, wie sie beispielsweise durch die Creative-Commons-Lizenzen CC BY bzw. die Freigabe-Erklärung CC0 erteilt werden. Mit der umfangreichen Bewerbung einer solchen offenen Lizenzierung seitens öffentlicher Institutionen steigt die Bekanntheit und das Bewusstsein für solche freien Materialien.

Kulturwandel einleiten

Es ist ein Kulturwandel notwendig, um offene Bildungsmaterialien als selbstverständliches Mittel zu integrieren. Dazu zählt besonders eine Kultur des Teilens und des offenen Austausches – im Kollegium, aber auch darüber hinaus. Schulen können nicht alles aus eigener Kraft leisten. In vielen Regionen existieren bereits zahlreiche Institutionen oder Projekte, die Lösungen entwickelt haben und über die nötige Expertise verfügen. Darum braucht es eine starke regionale Vernetzung und die Förderung von Austausch. In regionalen Lernnetzwerken kann das gelingen. Sie schaffen dezentrale Kompetenzknoten, in denen auf institutioneller Ebene Wissen ausgetauscht und gemeinsame Lernräume als Schnittstellen eröffnet werden, die Freiräume und Selbstlernen auch auf institutioneller Ebene ermöglichen. Die geplanten Kompetenzzentren für digitales und digital gestütztes Unterrichten können hier eine wichtige Rolle einnehmen. So nutzen einerseits Lernende – begleitet durch Lehrende und Akteurinnen an den jeweiligen Lernstätten – Räumlichkeiten und Flächen dritter Lernorte. Andererseits entsteht auch ein Austausch auf institutioneller Ebene, indem z.B. Schulleitende und Lehrende neue Orte und Praktiken durch die direkte Zusammenarbeit entdecken. Mit der Entwicklung hinreichender Konzepte verändert sich so auch die Weiterbildungskultur, indem institutionelle Grenzen aufgeweicht werden.

Die Weichen richtig stellen

Im Fokus der OER-Strategie des Bundes muss der Abbau von Zugangshürden zu Bildung stehen. OER sind ein Werkzeug zur Verringerung der digitalen Spaltung, also der bestehenden Ungleichheit des Zugangs zu und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Strategie muss die Potenziale von freier und offener Bildung nutzen und fördern. Das Bündnis Freie Bildung freut sich, bei der Umsetzung dieser Ziele mitzuwirken und ruft dazu auf, sich aktiv zu beteiligen. Dominik Theis/Maximilian Voigt

Dominik Theis ist Koordinator des Bündnis Freie Bildung und Projektmanager für Bildungspolitik bei Wikimedia Deutschland e. V. Maximilian Voigt ist Projektleiter für Bildungspolitik bei der Open Knowledge Foundation Deutschland e.V.

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