„Mit digitalen Formaten Jugendliche und Unternehmen matchen“

Man sieht Raphael Karrasch, er will Jugendliche und Unternehmen matchen.
Raphael Karrasch ist Regionalleiter von Joblinge im Ruhrgebiet, einer gemeinnützigen Initiative gegen Jugendarbeitslosigkeit.

Gastbeitrag von Raphael Karrasch

Im Jahr 2021/22 blieben vier von zehn Ausbildungsstellen unbesetzt. Diese Zahl des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem April überraschte genauso wenig, wie der reflexartige Aufschrei aus den Unternehmen, es mangele an geeigneten Bewerber:innen. Doch bemängelten viele Unternehmen bis vor kurzem noch die „Qualität der Bewerber:innen“, bleiben Bewerbungen heute zum Teil gänzlich aus. Die Demografie und ausgefallene Berufsorientierung in den Schulen während Corona sind nur zwei Gründe für den Rückgang. Eigentlich könnte man vermuten, dass die vielen unbesetzten Stellen und der Fachkräftebedarf eine gute Ausgangslage für Ausbildungssuchende darstellen – sind sie aber nicht. Und das, obwohl es doch auch nach der Schule reichlich Unterstützung durch das Übergangssystem der Bundesagentur für Arbeit (BA) gibt.

Laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bertelsmann Stiftung urteilten jedoch bereits 2011 von 550 befragten Ausbildungsexperten 89 Prozent, dass der Einsatz der finanziellen Mittel im Übergangssystem nicht effektiv erfolgt. Die Kosten sind bis heute bei gleichbleibendem Maßnahmenangebot mit circa 7 Milliarden Euro annähernd gleich geblieben, obwohl die Teilnehmendenzahlen seitdem demografiebedingt stark abgenommen haben. Lediglich ein Drittel der Teilnehmenden beginnt im Anschluss eine betriebliche Ausbildung. Je länger sich ein Jugendlicher in Übergangsmaßnahmen befindet, desto deutlicher sinkt seine Wahrscheinlichkeit, einen Ausbildungsplatz zu finden. Das System war also bereits vor Corona teuer und ineffizient – was konnte es in der Pandemie leisten?

Nur wenige schafften Umstieg auf digitale Formate

Die Herausforderung für die berufliche Ausbildung liegt derzeit vor allem in rückläufigen Bewerberzahlen. Dieses Phänomen hat sich durch ausgefallene Maßnahmen zur Berufsorientierung während der Pandemie verstärkt. Doch Angebote sind nicht einfach ausgefallen. Sie sind schlichtweg nicht ins Digitale transferiert worden, die Berufsberatung der BA eingeschlossen. Frank Martin von der Regionaldirektion der BA in Hessen schilderte kürzlich gegenüber tagesschau.de: „Die Berufsberaterinnen und -berater tun sich derzeit schwer, Jugendliche mit Informationen zu erreichen.“ Seit zwei Jahren haben die Berufsberatungen der BA den Kontakt zu vielen Kund:innen verloren und wundern sich jetzt, dass Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben. „Glücklicherweise starten jetzt viele Angebote wieder“, sagt Martin. Nach zwei Jahren eher ein Armutszeugnis!

Bei Joblinge haben wir den Umstieg geschafft. Mit innovativen und verstärkt digitalen Formaten aktivieren wir Jugendliche und Unternehmen. Joblinge hat in den vergangenen zwei Jahren trotz aller Widrigkeiten viele Jugendliche erreicht, die sonst durch das lückenhafte, beziehungsweise nicht vorhandene Netz gefallen wären. Junge Menschen wurden auf unsere Kosten mit Technik ausgestattet und vom reinen digitalen Konsum hin zur Anwendung befähigt – technischer Support eingeschlossen. Dienst am nächsten? Sicherlich, aber genauso Dienst an unserem Unternehmensnetzwerk, das dringend Nachwuchskräfte benötigt.

Obwohl es für die öffentlichen Auftraggeber schwierig war, uns ausreichend Teilnehmende zu vermitteln, konnten wir über 80 Prozent unserer Plätze besetzen. Ganz einfach, indem wir die jungen Menschen in den sozialen Medien, auf der Straße oder in Shopping-Malls erreicht haben. Während Jobcenter & Co. Jugendliche noch suchen, wissen wir: Sie waren und sind noch da – nur müssen wir sie anders erreichen. Mit agilen, digitalen Formaten war es bei Joblinge möglich, Jugendliche und Unternehmen zu matchen: Digitale Jobmessen und Speeddatings sind bereits seit Herbst 2020 an der Tagesordnung – anschließende Praktika nicht ausgeschlossen, Ausbildungsaufnahmen in 70 Prozent der Fälle die Regel.

Große Unkenntnis über Berufe

Zur Wahrheit gehört auch, dass Matching mehr leisten muss, als nur offene Stellen und Bewerber:innen zusammenzubringen. Laut dem Statistischen Bundesamt bevorzugt ein Großteil der Jugendlichen die gleichen Berufe wie vor fast 20 Jahren. Wenn sich alle in Unkenntnis der über 300 Ausbildungsberufe nur auf die „Top Ten“-Berufe stürzen, bleibt nicht aus, dass viele bei einem begrenzten Angebot an Ausbildungsstellen auf der Strecke bleiben. Ganz abgesehen von denen, die noch gar nicht wissen, was sie machen wollen.

Deshalb ist es essenziell, junge Menschen nicht nur zu alternativen Berufen zu beraten, sondern sie mit Verfahren wie „Personal Branding“ zu befähigen, überhaupt eine fundierte Entscheidung zu treffen. Jugendliche müssen dafür mit uns vermeintlich einfache Fragen beantworten wie: „Was ist mir wichtig?“, „Wofür stehe ich?“, „Was sind meine Werte?“, „Was sind meine Ziele?“. Wenn sich dann auch noch die suchenden Unternehmen offen zeigen, nicht nur auf das Zeugnis zu schauen, sondern echte Chancen in der Praxis zu geben, haben wir einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung geleistet.

Bei Joblinge verlassen circa 50 Prozent der Teilnehmenden das Programm mit einem anderen Beruf als dem ursprünglichen Wunschberuf. Dass fast 90 Prozent der Joblinge-Alumni auch ein halbes Jahr nach Ausbildungsstart noch in der Ausbildung sind, zeigt, dass wir mit unserer Vorgehensweise und einer flankierenden Ausbildungsbegleitung, die wir pro bono anbieten, nicht so schlecht liegen.  

Besser wäre Finanzierung nach Vermittlungserfolg

Die Förderlogik der BA basiert noch immer zu großen Teilen auf einer Inputfinanzierung von (während Corona großteils unbesetzten) Teilnehmerplätzen und nicht auf der tatsächlichen Vermittlung. Ein System, das junge Menschen kaum noch erreicht und sich nicht am Erfolg misst, ist kaum tragbar und gefährdet neben dem individuellen Fortkommen der Jugendlichen, massiv die Wirtschaft. Denn eins wird immer deutlicher: Für die Fachkräftesicherung brauchen wir jeden Kopf! Setzte das Übergangssystem zukünftig verstärkt auf eine Impactfinanzierung, würde dies innovative Lösungsansätze fördern. Die Finanzierung nachhaltiger Vermittlung, nicht der Betreuung, muss im Vordergrund stehen. Das Übergangssystem ist wichtig und hat seine Berechtigung, doch muss es den neuen Herausforderungen disruptiv entgegentreten. Weniger Formalismus und mehr social Business.

Raphael Karrasch ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Unternehmens Joblinge in Essen, einem von bundesweit 30 Standorten. Dort soll jungen Menschen zwischen 15 und 27 Jahren der Anschluss an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Der Diplom-Sozialpädagoge arbeitete zuvor zwölf Jahre lang für verschiedene Bildungsträger in Arbeitsmarktprogrammen der Bundesagentur. Er selbst absolvierte nach einer Ausbildung zum Kunststoff-Formgeber die Mittlere Reife und das Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg.

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