„Innovationen werden nicht gefördert“

Man sieht Margit Wietzorrek: Sie will Bildungsreform
Margit Wietzorrek, Lehrerin an einem Wirtschaftsgymnasium und Kommunikationsberaterin

Ein Gastbeitrag von Margit Wietzorrek

Der zweite Hackathon „Wir für Schule“ ist jetzt schon ein paar Tage her (Bildung.Table berichtete). Ich habe die Debatte darüber nicht wirklich verfolgt. Das liegt vor allem daran, dass mich der Hackathon im vergangenen Jahr sehr inspiriert hat – und vieles veränderte, mein Lernen, mein Arbeitsleben und mich selbst. Mir ist es auch ein bisschen egal, ob Verena Pausder, wie Kritiker behaupten, dadurch noch berühmter oder reicher wird (Bildung.Table). Für mich ist entscheidend, dass von dort ein Impuls ausgeht – einer, an dem sich jeder beteiligen kann. 

Das kann ich an meiner eigenen Biografie zeigen. Ich habe bei „Wir für Schule“ faszinierende und engagierte Leute getroffen, mit denen ich gleich weitere Veranstaltungen begonnen habe. Ich war, ehe ich Lehrerin wurde, zehn Jahre als Personalleiterin in einem internationalen Unternehmen tätig. Dann wechselte ich in die Schule, und mir ging es danach nicht besonders gut. In den folgenden zehn Jahren hungerte ich in dem System kognitiv aus. Ich habe trotzdem sehr guten Unterricht gemacht, sagen meine Schüler:innen. Das lag vor allem an meiner nebenberuflichen Tätigkeit. Aber der Hackathon war ein Anstoß für mich, mit anderen Bildungsenthusiasten außerhalb des Systems zusammenzuarbeiten. Gemeinsam kann man viel mehr erreichen – und die Folgen wirken.  

Bildungsreform muss digitale Werkzeuge einbinden

Meine Schüler:innen etwa danken es mir. Weil sich mein Unterricht stark verändert hat. Durch „Wir für Schule“ bin ich nicht nur neuen, engagierten Menschen begegnet – Lehrern, Aktivisten, Erziehern, Leuten aus der Wirtschaft, ein paar Verrückte – im positiven Sinne – sind vielleicht auch dabei gewesen. Ich nutze seitdem aber auch eine Vielzahl von digitalen Tools, die ich vorher nicht kannte. Diese anzuwenden ist für mich inzwischen selbstverständlich, ja unersetzlich geworden. Auch dadurch hat sich das Verhältnis zu meinen Schüler:innen verändert. Es hat meinen Unterricht, genauer das Lernen mit meinen Schüler:innen, viel besser gemacht. Das geht von den Video-Konferenzen mit all ihren Details bis zu den kollaborativen Plattformen wie Trello oder Miro-Bord. Das sind alles Werkzeuge, die im Wesentlichen auf eines abzielen: Kooperation. Zusammenarbeit mit Lehrer:innen, aber auch mit Schüler:innen – und zwar auf eine andere Art, auf Augenhöhe. Ich habe eine Haltung angenommen, in der Lernende zu Lehrenden und Lehrende zu Lernenden werden. Mein persönliches Lernfeuer wurde zum Glück wieder entfacht. Lebenslanges Lernen ist wieder ein Teil von mir geworden und von meinem Unterricht.  Ob der Hackathon das Schulwesen verändert? Ich weiß es nicht, für mich hat er schon mal viel verändert. Und das zählt. 

Es ist mir übrigens überhaupt nicht egal, ob sich das Schulsystem verändert. Denn eins ist vollkommen klar: so können wir nicht weitermachen. Sonst verlieren wir viele Schüler:innen. Wenn die Hälfte einer Institution sagt, sie fühle sich nicht selbstwirksam, dann ist das für jede Organisation schlecht – wenn laut OECD aber mehr als 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen das über Schule sagen, dann ist das in meinen Augen eine Katastrophe. Wir versagen ihnen das, was das wichtigste für sie ist – genau wie für uns als Gesellschaft: dass sie sich entwickeln können, dass sie Selbstvertrauen gewinnen und bereit sind, sich zu verändern. Und die Welt.

Schule nimmt Schüler:innen nicht richtig ernst

Es hieß, dass der Hackathon der Wirtschaft nutzt. Erstens habe ich nicht bemerkt, dass in meinen Arbeitsgruppen und Teams eine unsichtbare Hand Regie geführt oder ein Unternehmen oder ein fremdes Interesse mich an irgendwas gehindert hätte. Ich glaube, zweitens, dass wir ohne die Wirtschaft und ohne engagierte Menschen nichts verändern werden. Die Wirtschaft ist, ob wir das wollen oder nicht, der wichtigste Abnehmer junger Menschen. Was 100prozentig stimmt: Ich glaube, dass viel mehr Lehrer:innen bei Reformbemühungen von Schule mitmachen sollten. Ohne uns Lehrende wird es keinen Wandel geben. Wir stehen doch vor der Situation, dass wir eine Schule betreiben, die ihre Schüler:innen gar nicht mehr richtig ernst nimmt. Wir haben im Laufe der Zeit eine bürokratische Organisation errichtet, in der die Aktiven, die Veränderer und Innovatoren nicht mehr so richtig zum Zuge kommen. Weil die ganze Organisation eher auf die Einhaltung von Regeln zielt, als auf Anpassung an die Schüler:innen und die Welt von morgen. Im Grunde wird hier Dienst nach Vorschrift gemacht. Viele Schulleiter:innen sowie übergeordnete Stelleninhaber:innen befördern Innovationen nicht, sondern verhindern sie. Wir bewegen uns zunehmend in einer Blase, die mit der Wirklichkeit da draußen immer weniger zu tun hat.

Wie könnte man Schule verändern? Erstens, müsste man Schulen Freiheit geben. Sie müssen selber bestimmen können, was sie machen wollen. Zweitens, müssen wir dann Schulleitern:innen die Möglichkeit geben, sich fortzubilden und sich weiterzuentwickeln. Sie müssen den Mut haben, ihre Schule digital und pädagogisch neu aufzustellen. Mir geht es dabei nicht um die Digitalität als Selbstzweck, mir geht es um die pädagogische Transformation der Schule, die sich verändern muss. Wenn eine Schule die Transformation nach einem oder zwei Jahren nicht geschafft hat, dann muss aus dem Team der Schule oder von extern vielleicht jemand anderes ran. Notfalls muss man Schulleiter:innen in den Ruhestand schicken, denn der gesellschaftliche Schaden ist weit größer als die zu zahlende Pension. Die Veränderungsprozesse dauern nicht selten zu lang.

In jedem Kollegium gibt es Schätze

In jeder Schule gibt es sehr gute Lehrer:innen. Viele von ihnen trauen sich aber nicht mehr, Veränderungen anzustoßen oder sie arbeiten sich an den verkrusteten Strukturen ab. Das Ende ist dann nicht selten die innere Kündigung oder der Burn Out. Ohne engagierte Lehrer:innen kommen wir aber nicht weiter. Wir müssen versuchen, diese Lehrer:innen wiederzugewinnen. Wir sollten daher auf Schatzsuche gehen, denn in jedem Kollegium gibt es Schätze. Deswegen lautet mein dritter Vorschlag: Die Lehrer:innen müssen ermutigt und gestärkt werden in ihrer Veränderungsfähigkeit. Es kann nicht sein, dass bei uns viele Lehrer:innen in die innere Emigration gehen. Weil sie nicht glücklich sind, weil sie sich gelähmt fühlen, weil die Schule als bürokratische Organisation sie erstickt. Ich bin mir sicher, wir werden alle viel zufriedener und glücklicher sein, wenn wir diesen Apparat zu einer lernenden Organisation verwandeln. Wer, wenn nicht Schule, sollte eine lernende Organisation sein? Wir Lehrer:innen müssen wieder brennen für Lernen, für lebenslanges Lernen. Nur so können wir unseren Schüler:innen ein Vorbild sein und ihnen Lernen als eine tiefe, innere Befriedigung vermitteln. Ohne diese Haltung werden wir die Herausforderungen der Zukunft nicht meistern.

Ich war Mitglied des Zukunftsrates des Hackathons, um einen neuen Lehrplan für das 21. Jahrhundert zu entwerfen. Interessanterweise finde ich, dass wir bereits ganz gute Lehrpläne haben. Sie sind kompetenzorientiert und enthalten Öffnungsklauseln. Das heißt, wir könnten sofort anfangen. Das können wir aber nur gemeinsam und hier liegt der Schlüssel des Wandels: die Arbeitszeit. Wenn man sich anschaut, wie Lehrer:innen bisher ihre Arbeitszeit verbringen, nämlich vor allem als Einzelkämpfer, dann ließe sich durch Kooperation viel Zeit für Innovation gewinnen. Es ist zum Beispiel nicht sinnvoll, dass in einer Berufsschule zehn Lehrer:innen dieselbe Schulstunde über die Rentenversicherung vorbereiten. Dafür reichen zwei Kollegen:innen, die für ein Team etwas vorbereiten – während andere etwas anderes zusammenstellen. Das setzt Arbeitszeit frei, vor allem aber Kreativität, Innovationsbereitschaft und Spaß. Schulverwaltungen müssen digital werden, Prozesse digital unterstützt werden. Wir brauchen nicht weitere Manpower, sondern effiziente Verwaltungsprozesse, durch die wir auch lernen.

Die große Frage für mich ist, wann gehen wir aus der kollektiven Verantwortungslosigkeit heraus und jeder übernimmt die Verantwortung, für die er auch bezahlt wird. Wir wissen, wohin wir wollen, wir kennen den Weg dorthin und wir haben genügend finanzielle Mittel. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Unser Schulsystem stammt aus einer vergangenen Zeit. Wir dürfen nicht einfach stehen bleiben im Industriezeitalter

Margit Wietzorrek ist Lehrerin für BWL und VWL an einem Wirtschaftsgymnasium. Sie hat nach dem Hackathon „Wir für Schule“ die Gesellschaft für Lebenslanges Lernen mitbegründet www.lll4future.de

Mehr zum Thema

    ChatGPT – „Verbot wird nicht funktionieren“
    Der KI-Bot ChatGPT wird eine wichtige Rolle in Schulen spielen. Davon ist der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, überzeugt. Ein Gastbeitrag über den richtigen Umgang mit der Künstlichen Intelligenz – und warum ein Verbot illusorisch ist. weiterlesen →
    Bild von Experts Table
    von Table Experts
    Die unehrliche Statistik der Bundesagentur
    Das Bundesinstitut für Berufsbildung veröffentlicht heute seine diesjährige Statistik zur Lage am Ausbildungsmarkt. DGB-Experte Jan Krüger wartet sehnlich darauf, denn die Daten der Bundesagentur für Arbeit seien mangelhaft. weiterlesen →
    Bild von Experts Table
    von Table Experts