Lern-Abenteuer statt Lernmanagementsysteme

Armin Hanisch: Lernabenteuer statt Lernmanagementsystem
Armin Hanisch, Informatiker, Fortbildner, Autor

Gastbeitrag von Armin Hanisch

Als jemand ohne Pädagogikstudium, aber mit mehr als 25 Jahren Erfahrung in der Erwachsenenbildung und mit einem Hintergrund in Softwareentwicklung, nehme ich eine Perspektive ein, die eventuell einige neue Gedanken in die Diskussion um Lernmanagementsysteme (LMS) einbringt. Das Gespräch um LMS kreist viel um Systeme, Pflichtenhefte und Standardisierung. Relativ wenig kommt die Sicht Lernender vor. Die Anforderungen vernetzten, differenzierenden Lernens fehlen fast völlig.

Meiner Meinung ist die Frage nicht „LMS oder nicht und wenn ja, welches“, sondern eine ganze andere. Ich würde sie gerne aus der Definition der beiden Systeme entwickeln: Lernmanagement und Lernerfahrung. Oder anders gesagt: wie lassen sich Unterrichtsprozesse jedem Kind so anbieten, dass es sich vertieft damit beschäftigen kann?

Ein LMS ist ein learning management system, bei dem der Schwerpunkt auf dem Begriff Management liegt. Ein LXP ist ein learning eXperience system, also ein System zur Gestaltung einer Lernreise, einem Abenteuer. Es geht bei beiden Ansätzen darum, wer diese Lernreise steuert und wer die Zielorte der Reise festlegt. Bei einem LMS handelt es sich um einen „Lern-Katalog“, aus dem ich als Lernender vorgegebene Inhalte und Lernpfade auswähle. Der Hauptaspekt liegt hier auf einem einheitlichen Angebot und der Maxime, dass das LMS nicht verlassen werden muss. Sollte es verschiedene Lernpfade zu einem Ziel geben sollte, müssen diese in einem LMS alle vorgedacht sein, und zwar von einem Team an Inhaltsproduzenten (in fast allen Fällen dem Lehrpersonal). Was es da dann nicht gibt, das gibt es eben nicht.

Die lernende Person steuert die Lernexpedition

Bei einem LXP hingegen entsteht das Netz der Lernpfade durch die Arbeit der Lernenden mit dem System. Personalisierung des Lernens durch die lernende Person ist eines der architektonischen Grundprinzipien eines guten LXP. Die Inhalte werden in der Regel nicht durch die Lehrpersonen vorgegeben, sondern entstehen durch den eigenen Lernprozess, die Zusammenarbeit und den Austausch mit anderen Lernenden. Lernende und Lehrende sind gleichberechtigte Partner in einem „Garten des Lernens.“

Gerade in einer sich deutlich wandelnden Welt außerhalb der Schule ist ein Lernmanagementsystem heute zu starr und langsam. Hier bietet die Mitarbeit der Lernenden und die Auslese sinnvoller Inhalte einen deutlichen Vorteil. Ein wesentlicher Vorteil des LXP ist also die Interaktion der Lernenden, sei es in Form von Diskussionsmöglichkeiten, sozialer Interaktion oder Empfehlungs- und Ranking-Systemen. Ein LMS hat immer die Einzelperson als Ziel. Damit ist „schülerbasiertes Lernen“ gemeint, aber in dem Sinne, dass die Inhalte auf die einzelnen Schüler:innen ausgelegt sind. Denn letztlich geht es ja darum, in einem Lehrplan eine Auswertung in Form von Noten oder der Dokumention des (Nicht)Erreichens von Lernzielen zu bekommen.

Ausrichtung am kindlichen explorativen Lernen

Ein LXP hat dagegen eine andere Ausrichtung, die sich eher am kindlichen, explorativen und intrinsisch motivierten Lernen orientiert. In einem guten LXP in der beruflichen Bildung gibt es kaum Einschränkungen, welche Inhalte sich Lernende zu welcher Zeit und in welcher Folge erarbeiten. Ein learning experience system fördert den Austausch über Ressourcen und Lernpfade, entwickelt durch die Interaktionen von Lehrenden und vor allem der Lernenden untereinander wesentlich bessere Differenzierungen und Inhaltstiefen als es ein fix kuratiertes Angebot bieten kann. 

Natürlich beschweren sich Eltern, wenn die Kinder sich ein halbes Dutzend Accounts merken müssen, weil externe Tools eingebunden werden oder wenn das Schul-LMS nicht „mobile first“ entworfen wurde. Das sind aber technische Implementierungsdetails, die während der Informationsbereitstellung zu lösen sind. Niemand würde die Installation einer Wasserversorgung im Schulgebäude davon abhängig machen, ob es sich um 3⁄4 Zoll oder 1⁄2 Zoll Anschlüsse handelt. Im Softwarebereich werden darüber hitzige Diskussionen geführt. 

Diese Themen sind aber in meinen Augen überhaupt nicht die wesentliche Frage. Zugang und System haben nichts mit dem Lernen und den Inhalten zu tun. Viel wichtiger ist die, wer die Lernreise steuert und die Anlegestellen dieser Reise festlegt. Gleiches gilt für die „Learning Analytics“: Die Diskussion darüber ist erst einmal müßig. Wenn ich Lernpfade und Lernniveaus empfehlen möchte, dann brauche ich immer Daten. Ob diese in einem Computersystem oder dem Hirn einer Lehrkraft liegen, ist für die Güte der Empfehlung erst einmal unerheblich. Die interessante Frage ist, welche Daten ich benötige, um eine valide Empfehlung abzugeben und ob diese Empfehlung überhaupt besser sein kann als die aus der peer group der Lernenden.

Der Lernende entscheidet, wann und wie er auf Inhalte zugreift

Auch der Zugang ist bei einem LXP immer „learner’s device first“. Die „learning experience“ steht im Vordergrund, das bedeutet, dass Lernende unabhängig von Zeit, Ort und Gerät Zugriff auf die Inhalte haben. Das stellt eine große Herausforderung dar, wenn die Lehrenden in einem klassischen LMS die Inhalte vorproduzieren wollen. Diese müssen dann responsiv in einem fluiden Layout vorliegen, was beispielsweise die Verwendung von PDF-Arbeitsblättern als nicht „reflow“-fähiges Format ausschließt. Die in der Grundarchitektur eines LXP vorhandenen Interaktionsmöglichkeiten (Chats, Wikis, sozialer Austausch, Videoportale und Mediatheken mit den passenden Metadaten) sind in den meisten LMS aufgrund der anderen Zielsetzung auch eher rudimentär vorhanden.

Elementares Ziel ist es, das Lernen zu erleichtern, zu fördern und den Austausch der Lernenden untereinander in einer möglichst breiten Differenzierung zu bieten. Ob dies durch eine Sammlung von Tools unter einer gemeinsamen Oberfläche (oder einem einzelnen gemeinsamen Login, einem „single sign on“) erfolgt, ist erneut technisches Implementierungsdetail. Viel wichtiger ist der letzte Punkt, auf den ich eingehen möchte: Die Nutzung des LXP flexibel anhand der Kompetenzen und Erfahrungen der Lernenden zu gestalten.

Nicht der Lernende soll sich quälen, sondern der Lehrende

Ein System für den Primarbereich muss Lernende noch wesentlich mehr an die Hand nehmen, als es das für eine Sekundarstufe II tun muss. Der ideale Ansatz wäre, Lernende von vornherein in ein solches Projekt einzubeziehen und aus der „Nutzerperspektive“ zu entwerfen. Kein System außerhalb der Schule wird ohne die Ideen und Fähigkeiten künftiger Nutzer:innen gestaltet oder gar eingeführt. Lehrkräfte sollten sich daher klarmachen, dass nicht sie die Nutzer:innen eines LMS oder LXP sind, sondern die Schülerinnen und Schüler. Um es mit einem geflügelten Wort für Autoren zu sagen: „Nicht der Leser soll sich quälen, sondern der Autor!“

Zugänglichkeit, Verfügbarkeit und die Förderung des Austauschs der Lernenden untereinander, das gemeinsame Kuratieren von Lerninhalten und der eigene Takt des Lernens sind die wichtigsten Faktoren für ein gutes Lernportal. Andernfalls kann ein LMS leicht zu einer PDF-Schleuder einer stupiden Halde von Klickstrecken verkommen.

Armin Hanisch kam über den Amateurfunk zum Computer. Derzeit kümmert er sich bei der Bank für Sozialwirtschaft um Datenmigrations- und Testprojekte. Hanisch hat Erfahrungen als Analytiker, Consultant, Softwareentwickler, Projektleiter und Trainer gesammelt. Der Text erschien zuerst auf seinem Blog.

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