Krisenstab Bildung, jetzt!

Florian Nuxoll fordert, dass ein Krisenstab Bildung die irrlichternde Arbeit der KMK übernimmt
Florian Nuxoll fordert, dass ein Krisenstab Bildung die irrlichternde Arbeit der Kultusminister übernimmt

Gastbeitrag von Florian Nuxoll

Die Schulen in Deutschland stehen aktuell vor zwei riesigen Herausforderungen. Auf der einen Seite müssen Schulen auf die Digitalisierung reagieren. Hier scheint bereits die Bereitstellung der Infrastruktur wesentlich komplizierter zu sein, als man denken würde. Weitaus komplexere Aspekte, wie zum Beispiel die Entwicklung überzeugender Unterrichtskonzepte, die Fortbildung von Lehrkräften und die Entwicklung von lehr- und lernwirksamer Software für die Kultur der Digitalität heißen die Baustellen. Auf der anderen Seite muss die Kultusministerkonferenz (KMK) dringend die Folgen der Lockdowns, der Fernunterrichtsphasen und der hybriden Lernszenarien angehen. Für beide Herausforderungen braucht es Zeit – und einen Krisenstab Bildung.

Im Frühling diesen Jahres haben die Wirtschaftswissenschaftler Anna Rohlfing-Bastian und Gunther Glenk einen Airfiltercalculator entwickelt, ein Tool zur Berechnung von Kosten für Raumluftfilter für Schulen. Mit wenigen Klicks können Schulträger sehen, welche Kosten pro Schüler/pro Jahr für verschiedene Modelle und Einsatzszenarien auf sie zukommen. In den deutschen Klassenräumen stehen aber bis heute nur selten Raumfilter. Entweder die Kultusminister scheuten die Kosten. Oder sie rechneten nicht damit, dass sich die Corona-Lage wieder verschärfen würde. Beides ist schwer verzeihlich.

Zwei längere Schuljahre – Vor- und Nachteile

Relativ früh im Verlauf der Pandemie äußerten Politiker jeder Couleur, dass offene Schule höchste Priorität hätten. In der Praxis hatten diese Äußerungen aber kaum Konsequenzen. Wenn man aber die Forderung nach geöffneten Schulen ernst genommen hätte, hätte man an anderer Stelle früher reagieren müssen. 50.000 Zuschauer beim Spiel 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach führen dazu, dass Schulen früher oder später wieder schließen müssen. Volle Restaurants und Einkaufszentren führen dazu, dass die Schulen die Schließung droht. Wenn eine Impfpflicht erst das letzte Mittel sein darf, bedeutet das, dass Schulen die Türen zumachen müssen. Es gibt (vermutlich) gute Gründe, die Zuschauer beim Fußball, die Kunden im Gastgewerbe und die Ungeimpften machen zu lassen, was sie machen wollen. Aber es hat enorme Konsequenzen für jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler.

Anna Mayr griff die Idee des Leiters eines Berliner Gymnasiums auf: zwei längere Schuljahre. Das aktuelle und das folgende Schuljahr dauern dann sechs Monate länger. Damit würde das aktuelle Schuljahr bis Dezember 2022 gehen und das folgende bis zum Sommer 2023. Danach kehrt man wieder in den normalen Rhythmus zurück. Die Idee klingt nicht nur schockierend einfach, sondern sie ist es auch. Man bräuchte keine neuen Lehrkräfte, Klassenräume und so weiter.

Natürlich ist es keine Win-Win-Win Situation. Kindergärten müssten ihre Vorschüler sechs Monate länger in der Einrichtung behalten und könnten daher neue Kinder erst verzögert aufnehmen. Das würde junge Eltern treffen, die damit gerechnet haben, ihr Kinder zum Sommer 2022 in die Betreuung zu geben. Diese Eltern bräuchten Unterstützung. Dafür könnte man die eine Milliarde Euro der Aktion Rückenwind verwenden. Die sind bislang ohnehin nicht wirklich in den Schulen angekommen. Arbeitgeber müssten sechs Monate länger auf neue Schulabgänger warten. Das müsste die Bundesregierung auch abfedern.

Der Krisenstab Bildung würde festlegen, was versäumt wurde

Wir brauchen einen Krisenstab Bildung. Jetzt! Denn Lehrkräfte müssen am Anfang des zweiten Halbjahres wissen, was der Plan ist. Sie können nicht wieder am späten Freitagabend Rundmails aus den Ministerien für den Schulbetrieb am Montag bekommen. Von einem Krisenstab mit klaren Regeln versorgt, könnten Klassenlehrer zusammen mit den Fachlehrern planen, wie sie sowohl Lerndefizite, als auch soziale Defizite am besten angehen können. So können Schulen zusätzliche Projekttage oder sogar Projektmonate vorbereiten. Sie könnten gegebenenfalls Stundenpläne kürzen, damit Kinder und Jugendliche die so wichtigen Angebote von Vereinen wieder nutzen können.

Diese zwölf zusätzlichen Monate würden ebenfalls bei der zweiten oben erwähnten Herausforderung helfen, der Digitalisierung. Denn Schulen können sich nur dann nachhaltig und sinnhaft mit der Kultur der Digitalität beschäftigen, wenn sie dafür Zeit haben. Zeit für Fortbildungen, Zeit fürs Ausprobieren und Zeit für Diskussionen. Ohne diese zusätzliche Zeit werden die Schulen die nächsten Jahre damit verbringen, die durch Corona verursachten Defizite aufzuholen. Die Digitalisierung würde wieder hintangestellt.

Der Krisenstab muss besetzt sein mit Experten aus der Theorie und Praxis. Neben Bildungsforschern und Kinderpsychiatern müssen Schulleiter, Lehrkräfte und Vertreter von Vereinen sofort beginnen, eine Lösung zu finden. Damit jenen Schüler, die Schulen und Lehrer unter den Bedingungen von Corona unterrichteten, nicht lebenslang darunter leiden. #mehrZeitfürSchüler

Florian Nuxoll ist Lehrer, Autor, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Tübingen (intelligente Tutorsysteme), Fortbildner und Podcaster bei Die Doppelstunde von Westermann.

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