Schulen sollen möglichst viel selber machen

Pädagoge Jens Großpietsch: Schulen sollen möglichst viel selber machen
Pädagoge Jens Großpietsch

Gastbeitrag von Jens Großpietsch

Bis zum Beginn der Sommerferien war ich stark in den schulischen Betrieb an der Freudbergschule eingespannt, an der ich als pädagogischer Berater tätig bin. Dazu gehörte die Übernahme des Vertretungsunterrichts für einen längeren Zeitraum in einer Klasse mit jahrgangsübergreifendem Lernen der 7. – 9. Klasse. Das fiel in die Zeit, als eigentlich drei Schüler:innengruppen parallel unterrichtet wurden: zwei Gruppen, die abwechselnd zur Schule kamen, und jene Gruppe von Schüler:innen, die aus unterschiedlichen Gründen ganz zu Hause unterrichtet wurden. Eigentlich war da sogar noch eine vierte Gruppe, nämlich die Schüler:innen, die jeden Tag in der Schule waren. Das nicht nur beobachtend zu erleben, sondern praktisch von der Vor- bis zur Nachbereitung war eine wichtige und neue Erfahrung.

Nun sind die technischen Voraussetzungen bei uns zum Glück gut, und die Schüler:innen beherrschten schon vorab viele Tools. Trotzdem war es eine sehr (!) herausfordernde, interessante, anstrengende Zeit. Was ich von manchen anderen Schulen hörte und las, erfreute mich teilweise: Etliche Kolleg:innen setzten trotz aller Einschränkungen pädagogisch neue Dinge um. Zugleich machte es mich auch zornig. Warum? Je weiter man nach „oben“ schaute, umso schlimmer wurde es, nein ist es: Eine Schulsenatorin, die nicht weiß, wie Schule funktioniert, und eine Schulbehörde, die fern jeder schulischen Praxis agiert. Nur mal ein Beispiel: wenn freitagabends die Nachrichten eintrudelten, wie man ab Montag Schule zu betreiben hätte, dann ist die Einbeziehung von Kolleg:innen und Eltern gar nicht möglich; genau diese Praxis wird auch im aktuellen Schuljahr wieder fortgesetzt.

Schulen wollen mehr Steuerung, statt mehr Freiheit

Die Politik glaubt, durch Verordnungen im Detail Schule steuern zu können, sie hat keine pädagogisch langfristigen Ziele oder reagiert kurzfristig auf Notsituationen, die in Wahrheit absehbar waren. Das endet zumeist fantasielos. Viele Stimmen in der Gesellschaft, aber auch viele Schulen fordern mehr Steuerung – anstatt mehr Freiheit. Die Wahrheit ist, dass die Schulen, die möglichst viel selbst in Hand genommen haben, noch am besten über die Runden kamen. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber selbst da, wo es möglich war, haben viele Schulen und einige Lehrer:innen nicht einfach das gemacht, was möglich und nötig war – sondern haben sich Sorgen um ausgefallene Tests gemacht oder kopierte Arbeitsblätter aus der Schule abholen lassen.

Gut an dieser Zeit war, dass es etliche Problemfelder deutlicher machte. Es wird nun nicht mehr darüber diskutiert, ob man digitale Endgeräte für alle Schüler:innen und Lehrer:innen zur Verfügung stellen solle, sondern bestenfalls darüber, ab welchem Alter und insbesondere, wie die Geräte genutzt werden sollen. Lustig fand ich die „Erkenntnis“ im Jahr 2020, dass ein digitales Endgerät ein selbstverständliches Dienstwerkzeug für Lehrer:innen sei. Eher traurig sind viele andere Bereiche, wo Schulen auf eine zentrale Lösung eigentlich angewiesen sind. Es ist zum Beispiel kaum zu glauben, dass die Schulbehörden immer noch nicht in der Lage sind, den Schulen eine datenschutzkonforme kostenlose Schulcloud zur Verfügung zu stellen.

Schulen sind in Berlin (Deutschland) weiterhin gut beraten, so viel wie möglich einfach mal selber zu machen – und eben nicht auf staatliche Lösungen zu hoffen. Die staatlichen Institutionen sind oftmals nicht in der Lage, die Daten zu erheben, die für eine zentrale Steuerung nötig wären. In Berlin verlassen 700 Lehrer:innen das Bundesland – und der Senat befragt sie nicht mal, warum sie gehen.

Private Schulen werden faktisch behindert

Was ich in den letzten Jahren gelernt habe, sind die großen Vorteile einer Schule in privater Trägerschaft, einer kleinen Schule, einer Neugründung. Dazu gehört leider auch die Erfahrung, wie Schulen in privater Trägerschaft Steine in den Weg gelegt werden. Sie werden faktisch behindert, Schüler:innen aus bildungsfernen Elternhäusern aufzunehmen. Es ist schwer zu glauben, wie vorurteilsbeladen die meisten bildungspolitisch verantwortlichen Personen Privatschulen gegenüber stehen. Und es ist traurig, wie wenig sie bereit sind, sich sachkundig zu machen. Die, die es besser wissen, trauen sich innerparteilich nicht. „Du weißt doch, wenn ich das innerparteilich vertrete, was dann los ist“, bekomme ich zu hören. 

Davon haben wir uns an der Freudbergschule nicht hindern lassen. Die „technische“ Ausrüstung war vom ersten Tag an gut. Unsere Lehrer:innen bekamen schon immer ein Dienstlaptop, WLAN läuft stabil und wenn nicht, wird schnell nachgebessert. Die Nachfrage für Schulplätze an unserer Schule übersteigt um ein Vielfaches die Plätze, die wir anbieten können. Wir könnten mehrere Grundschulen betreiben – und inzwischen ebenso viele Oberschulen. Der erste Jahrgang der Grundschule geht jetzt in die Oberschule über, die Übergangsquote liegt bei 90 Prozent. Der erste Jahrgang hat mit der zehnten Klasse unsere Schule abgeschlossen, mit überaus erfreulichen MSA-Ergebnissen. Die Präsentationsprüfungen waren für mich als Prüfer ein Highlight meiner pädagogischen Praxis

Palästina-Konflikt im israelisch-palästinensischen Duett

Zwei Beispiele: Das Thema „Der Palästinakonflikt“ bearbeiteten und präsentierten zwei Mädchen, gute Freundinnen. Ein Mädchen mit jüdischem Hintergrund und das andere mit palästinensischem Hintergrund. Nicht nur die Kombination war toll, sondern auch inhaltlich und in der Form war das großartig. Ein anderer Schüler beschäftigte sich mit Architektur in Sardinien – gründlich recherchiert, gut vorgetragen und konnte auf alle Nachfragen antworten. Ihn interessierte die Note eher am Rande – er wollte mit uns Lehrer*innen gern inhaltlich weiter über sein Thema sprechen.

Die Möglichkeiten für Schüler:innen aus bildungsfernen Elternhäusern an unserer Schule sind noch einmal deutlich besser als z. B. an der Heinrich-von-Stephan-Schule, wo ich lange Schulleiter war. Die Schüler:innenmischung ist deutlich besser steuerbar. Die Möglichkeiten, über den reinen Unterricht hinaus, also der individuellen Betreuung auch neben der Schule, sind deutlich besser machbar. Viel mehr Lehrer:innen haben diese Schüler:innen im Fokus bzw. wissen, dass wir als Schule den Anspruch haben, besonders für diese Schüler:innen da zu sein. Nicht zuletzt, weil der Schulgründer, Nizar Rokbani, ausdrücklich will, dass an seiner Schule alle Kinder eine Chance bekommen, egal welcher Herkunft sie sind. 

Lehrerkandidaten, die Fächer statt Kinder unterrichten

Zu den pädagogischen Kräften gäbe es viel zu schreiben. Sie als Schule selber aussuchen zu können (immer unter Beteiligung von Kollegen:innen), sie gegebenenfalls auch kündigen zu können (was bisher nur ganz selten vorkam) und Strukturen vorgeben zu können, die etwa Kooperation unumgänglich machen – das ist wunderbar. Pädagogische Vorgaben, auf die sich die alle Kollegi:nnen einstellen müssen machen zu können – das ist sehr hilfreich. Viele unserer Bewerber:innen sind leider für wichtige Lernbereiche gar nicht ausgebildet. Sie studieren Fächer, müssen aber Schüler:innen unterrichten. Der Morgenkreis taucht vielleicht noch auf, der Klassenrat eher nicht. Das Lernen von Basiskompetenzen („Was ist das denn?“ lautete eine Lehrer:innenfrage beim Einstellungsgespräch, und er/sie war gut!) oder dass die Schüler:innen fast einen kompletten Tag in der Woche an ihren eigenen Themen arbeiten – das alles wird in Lehrerseminaren offenbar weder theoretisch noch praktisch gelehrt/gelernt.

Was mich am meisten interessiert: Wie können die Kinder aus bildungsfernen, eher armen Elternhäusern so gestärkt werden, dass sie, auch über die Schulzeit hinaus, erfolgreich ihr Leben bestreiten

Jens Großpietsch ist Konrektor an der Freudbergschule. Er wurde gerade vom Tagesspiegel zum „Berliner der Woche“ erhoben. Für Bildung.Table hat der ehemalige Schulleiter des „Wunders von Moabit“, der berühmten Heinrich-von-Stephan-Schule, sein Coronajahr zusammengefasst.

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