Der Staub des letzten Jahrtausends

Matthias Fischbach im Portrait: Alte Software, wenig Flexibilität: Matthias Fischbach (FDP) will das zentralistische Schulsystem in Bayern umbauen.
Alte Software, wenig Flexibilität: Matthias Fischbach (FDP) will das zentralistische Schulsystem in Bayern umbauen.

Der Lehrermangel im Freistaat ist eklatant. Direkt zum Schulstart wurde in einigen bayerischen Schulen der Pflichtunterricht gestrichen, mancherorts werden ganze Klassen tageweise nach Hause geschickt, weil die Lehrerin erkrankt ist und niemand einspringen kann. Der Personalmangel trifft die Grund- und Mittelschulen mit besonderer Wucht. Nur: Dem Kultusministerium fehlt eine Strategie. 

Dafür müsste die Staatsregierung den Lehrermangel zunächst beziffern können. Doch die Grund- und Mittelschulen verwenden immer noch das Planungsprogramm „Persona-SVS“ – eine Software aus dem letzten Jahrtausend. Gleichzeitig liefert das „neue“ Programm zur Schulverwaltung ASV auch über 15 Jahre nach Projektstart immer noch nicht die erhofften tagesaktuellen Daten auf Knopfdruck. Belastbare Daten zur Unterrichtssituation gibt es daher erst im Februar des Folgejahres. 

Es ist Zeit, das zentralistisch organisierte Schulsystem umzubauen. Jetzt. Die Schulen brauchen mehr Verantwortung und einen größeren Entscheidungsspielraum vor Ort. Schon dieses Jahr wäre hier mehr möglich gewesen. Sechs Impulse.

(1) Neue Jobmodelle

Das gleiche Einstiegsniveau für alle Schularten auf A13 kann nur ein erster Schritt sein. Es ist überfällig, gute Lehrkräfte als Angestellte mit unbefristeten Verträgen zu werben und sie zu Beamten gleichwertig zu bezahlen. Stattdessen müssen sich die jungen Menschen entscheiden: zwischen einer Verbeamtung auf Lebenszeit und Aushilfsverträgen, die normalerweise auf ein Schuljahr befristet sind. Die feste Bindung an den Staat als Dienstherren und der starre Rahmen der Verbeamtung schrecken viele Berufseinsteiger genauso ab wie ein prekärer Aushilfsjob.

Die Schulverwaltung sollte Abschlüsse aus anderen Ländern einfacher und schneller anerkennen, was teilweise schon zwischen den Bundesländern zu Problemen führt. Für Bewerber aus Ländern außerhalb der EU ist das Anerkennungsverfahren praktisch komplett verschlossen. Die FDP-Fraktion will das mit einem gerade eingebrachten Gesetzentwurf ändern. 

(2) Freiheit bei der Personalsuche

Die Schulleiter sollten ein eigenes, dauerhaftes Personalbudget verantworten. Aus diesem Topf könnten sie neben angestellten Lehrkräften auch pädagogische Assistenzen und sogenannte „Teamlehrer“, die in der Corona-Pandemie über Sonderprogramme an die Schulen kamen, bezahlen. Die Schulleiter wären damit nicht mehr an starre ministeriale Fristen gebunden, sondern hätten mehr Freiheit in der Personalakquise. Nur dann lohnt sich der Aufwand wirklich und bringt echte Entlastung. 

In diesem Modell braucht es nicht ständig neue bürokratische Anstellungsverfahren, die sowieso dringend entschlackt werden müssten. Dazu kommt das Problem der Schulauswahl: Bewerber sagen ihre Stelle wieder ab, weil das Ministerium sie ans andere Ende von Bayern schickt. Wer will für so einen Arbeitgeber arbeiten? Der Weg zur Wunschschule sollte offenstehen, eine Direktbewerbung von der Ausnahme zur Regel werden und die Schulleitung die nötigen zeitlichen Freiheiten erhalten.

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(3) Schwangerschaft und Covid

Das Betretungsverbot für die rund 3.000 schwangeren Lehrkräfte (Hintergrund) sollte durch eine praktikable individuelle Lösung ersetzt werden. Zwar hat das Kabinett nach dem Schulstart neue Regeln angekündigt. Doch erst kurzfristig, am Freitag vor dem Inkrafttreten, informierte das Ministerium in einem 79-seitigen Schreiben über die notwendigen Schritte. So etwas muss doch schneller gehen und – nach Rücksprache mit dem Arzt – ohne eine solche bürokratische und rechtliche Zumutung.

Das Ministerium legt Schwangeren und Schulleitungen mit den überbordenden Vorschriften zur Gefährdungsbeurteilung eher Steine in den Weg, als dass mit peniblen Vorgaben in der Praxis tatsächlich mehr Sicherheit geschaffen würde. Leider ist diese Informationspolitik durch Bayerns Kultusministerium mittlerweile symptomatisch und alles andere als ein Aushängeschild für das Lehramt.

(4) Rentner und Pensionisten im Klassenzimmer

Um einen längeren Schuldienst für ältere Lehrkräfte attraktiv zu halten, reichen immer neue Aufrufe des Ministeriums nicht. Was es braucht: mehr Wertschätzung für ihre Erfahrung, ein ernstzunehmendes betriebliches Gesundheitsmanagement und durchdachte Angebote für einen gleitenden Übergang in die Pension. Ein solches Konzept fehlt. Das Kultusministerium hat trotz einer Fristverlängerung meine parlamentarische Anfrage dazu noch nicht beantwortet.

(5) Teilzeit als Chance begreifen

An Bayerns Grundschulen arbeiten 60 Prozent der Lehrkräfte in Teilzeit, ein Drittel von diesen sogar unter 50 Prozent. Wir könnten große Reserven durch das Aufstocken von Teil- auf Vollzeit heben. Dafür schlagen wir vor: Die Staatsregierung soll eine einmalige Prämie zahlen und gleichzeitig allen Lehrkräften durch zusätzliche Verwaltungskräfte eine Entlastung von Pflichten außerhalb des Unterrichts garantieren. Es ist übrigens kein Widerspruch, auch Teilzeitausbildungen zu ermöglichen. Denn eine zusätzlich ausgebildete Lehrkraft in Teilzeit ist besser als eine komplett fehlende Lehrkraft. Ein Antrag von unserer Fraktion hierzu wird in der Plenarsitzung am heutigen Mittwoch beraten.

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(6) Qualitätsprogramme für den Quereinstieg

An allen Schularten sollten wir zügig Programme für Quereinsteiger einrichten. An den Mittelschulen wurde ein solches kürzlich mit heißer Nadel in der Not gestrickt. Das ist der falsche Ansatz. Statt Sondermaßnahmen sollte es ein generelles Angebot geben – mit einem durchdachten pädagogischen Konzept. Ein eignungsorientiertes Auswahlverfahren, ein modularisierter Vorbereitungsdienst, der ständig in wissenschaftlicher Begleitung weiterentwickelt wird, und ausreichend Ressourcen für die Begleitung an der Schule sind die Basis für einen gelingenden Quereinstieg.

Nur wenn die Politik grundlegende Reformen anpackt und den Lehrerberuf vom Staub des letzten Jahrtausends befreit, können wir die aktuellen Herausforderungen meistern. Dafür braucht es mehr Mut, auch heiße Eisen anzufassen!

Matthias Fischbach sitzt seit 2018 für die FDP im Bayerischen Landtag, aktuell als parlamentarischer Geschäftsführer und bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Er war von 2011 bis 2013 Landesvorsitzender der Jungen Liberalen, studierte Volkswirtschaftslehre in Konstanz und München und arbeitete vor seiner Zeit im Landtag als Unternehmensberater in der Finanzwirtschaft.

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