„EdTechs, drängt nicht ins Metaverse!“

Lehrer, Unternehmensberater, Risikokapitalgeber: Hannes Aichmayr.

Spätestens seit sich Facebook zu Meta umbenannt hat, ist das Metaverse in aller Munde. Sein Education Virtual Reality Lab lässt sich der Konzern 150 Millionen Euro kosten. Aber auch andere Player versprechen sich Großes vom vollkommenen Eintauchen in Lernwelten. Mit 147 Millionen Euro ist Labster, das auf virtuelle Laborsimulationen setzt, eines der bestfinanzierten EdTechs in Europa. Und HolonIQ schätzt, dass 2025 etwa 12,6 Milliarden Euro in Virtual-Reality-Anwendungen für den Bildungsbereich fließen werden. Mehr als doppelt so viel wie in andere Technologien. Kaum eine Bildungsmesse vergeht in diesem Jahr, ohne dass Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR) und Metaverse zu den Rettern der Bildung hochstilisiert werden. Dabei ist Vorsicht geboten.

Das Metaverse soll, einfach gesagt, die nächste Generation des Internets sein. Nutzer können Kontakte knüpfen, sich austauschen, spielen und lernen. Augmented und Virtual Reality schaffen ein interaktives und virtuelles Äquivalent unserer physischen Welt – und somit auch der Lernangebote. So rufen einige bereits die nächste Revolution des Lernens aus. Damit geraten wir aber in eine Zeitschleife, in der die Bildungsdiskussion sich verfängt.

Zuckerberg: „Awesome Education“

Vor genau einhundert Jahren sprach Thomas Edison davon, dass das Medium Film das Bildungssystem revolutionieren und innerhalb weniger Jahre Schulbücher zu einem Großteil, wenn nicht gar komplett, verdrängen werde. Bewegtbild würde, so die Hoffnung, beim Lernen eine hundertprozentige Lerneffizienz erreichen. Ähnliche Versprechungen gab es beim Aufkommen der ersten computergestützten Unterrichtsprogramme in den sechziger Jahren.

Spulen wir nun in das Jahr 2022 vor, erleben wir ähnlich optimistische Behauptungen in Bezug auf die Potenziale des Metaverse für die Bildung. Lernen soll spannender, individueller, angewandter und dadurch letztendlich besser werden. Oder wie es Mark Zuckerberg in einfachen Worten beschreibt: „Education in the Metaverse is going to be awesome“. Wenn wir jedoch einen Blick auf die digitale Bildungslandschaft werfen, zeigt sich ein anderes Bild. Eine pädagogische Revolution ist im Digitalisierungsschub der vergangenen Jahre nach wie vor ausgeblieben. Viele EdTech-Anwendungen beschränken sich auf die Vermittlung mathematischer Kompetenzen oder das Erlernen neuer Vokabeln (worin sie nachweislich eine erhöhte Wirksamkeit haben). Es ist zu befürchten, dass Bildung im Metaverse lediglich auf Gaming, wie es aktuell der Fall ist, und sehr spezifische Lernanwendungen beschränkt bleibt.

Nutzen in Chirurgie oder chemischer Industrie

Technologie ist nie ein Selbstzweck, sondern soll dort zur Anwendung kommen, wo Nutzen gestiftet wird. Erst muss das Lernziel stehen, dann die Frage nach der Technologie gestellt werden. Einen Nutzen haben auch immersive Technologien beim Lernen. Sie eignen sich, wenn die reale Auseinandersetzung mit einem neuen Konzept (1) gefährlich, (2) unmöglich, (3) kontraproduktiv oder (4) zu teuer ist. Eine sinnvolle Anwendung ergibt sich daher in sehr spezialisierten Bereichen. Das kann die Aus- und Weiterbildung in der Chirurgie sein, weil sie ansonsten aufwendig und teuer ist. Oder die Schulung von Laborpersonal in der chemischen Industrie, weil die Praxis mit Gefahren einhergehen kann. Das Metaverse hingegen als Allheilmittel zu präsentieren, ist eine falsche Versprechung und lenkt von drängenderen Problemen ab.

Es besteht kein Zweifel daran, dass EdTechs dabei helfen können und müssen, Lernen spannender, nachhaltiger und relevanter zu gestalten. Wenn wir gerade auch in den letzten zwei Jahren entstandene Bildungslücken schneller schließen wollen, führt kein Weg an digitalen Bildungsangeboten vorbei. Zentral bleibt jedoch das Zusammenspiel mit den Pädagoginnen und Pädagogen sowie die Frage nach der Kombination aus analog und digital.

Wir müssen die Anwendungsbereiche finden, wo digitale Angebote nachweislich zu gesteigertem Lernerfolg führen. Gerade in Bezug auf diese Frage fehlt leider in den meisten Fällen die nötige Empirie. Neue Methoden wie Learning Analytics und KI-gestützte Anwendungen können helfen, diese Empirie zu liefern – und gleichzeitig Lernen gezielter auf den oder die Lernende abzustimmen. Darauf sollten sich EdTechs konzentrieren, anstatt hunderte Millionen Euro in den nächsten großen Hype und die Spielerei mit VR oder dem Metaverse zu investieren.

Hannes Aichmayr ist Associate bei Brighteye Ventures, einem großen Risikokapitalfonds für EdTechs. Zuvor arbeitete er in einer Strategieberatung, leitete einen EdTech-Inkubator für die österreichische Regierung und war mit Teach for All zwei Jahre Mittelschullehrer in Wien. In Harvard erwarb er einen Master of Education und veröffentlicht wöchentlich einen Newsletter zur Edtech-Szene.

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