Design-Thinking-Buch vergisst Schüler und Lehrer

Ein Gastbeitrag von Tobias Schreiner

„Innovation kann man lernen“ lautet der Untertitel des Sammelbands zu Design Thinking in der Bildung. Die Herausgeber Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) in Potsdam und Dr. Timm Krohn, CEO der dortigen HPI Academy, in 18 Kapiteln Erfahrungen, Methoden und Reflexionen zum Design Thinking in der Ausbildung aus den unterschiedlichen Perspektiven von 30 Expert:innen des HPI-Netzwerks zusammengestellt haben. Mit dieser fast 500 Seiten fassenden Aufsatzsammlung unterstreicht das HPI den eigenen Anspruch, der „führende Hub im Bereich Design Thinking“ europaweit zu sein. 

Design Thinking als Tranformationstool zur Kultur der Digitalität

Nun ist Design Thinking keineswegs unumstritten oder alternativlos. Manche kritisieren das Konzept als unscharf oder – mit der Basis menschenzentrierter Gestaltungsprozesse im Hinterkopf – als alten Wein in neuen Schläuchen. Andere bemängeln, dass die Komplexität aktueller Herausforderungen weniger multidisziplinäre Teams, sondern mehr die Fähigkeit zu intrapersonal-interdisziplinärem Denken benötige.

Dennoch hat sich Design Thinking in den letzten 15 Jahren in vielen Kontexten als Innovationsansatz etabliert. Es hilft, komplexe Probleme anzugehen und Veränderungen zu steuern. Früher fand es nur als Methode für die Entwicklung von Produktinnovation Anwendung. Das HPI erweiterte Design Thinking durch seine Arbeit zu einem kompletten Ansatz für Strategieentwicklung und Transformationsmanagement in einer Kultur der Digitalität.

Das Bildungswesen: behäbig, konservativ, aus der Zeit gefallen

Demgegenüber wirkt das Bildungswesen – ganz gleich ob Schule, betriebliche oder universitäre Bildung – oft behäbig, konservativ, fast aus der Zeit gefallen. „Eine Technologie des 21. Jahrhunderts passt nicht mit einer Pädagogik aus dem 20. Jahrhundert und einer Schularchitektur aus dem 19. Jahrhundert zusammen“, brachte PISA-Chef Andreas Schleicher das Problem auf den Punkt. 

Das vorliegende Buch will nach eigenem Anspruch ein größeres Verständnis für das Potenzial von Design Thinking in der Bildung ermöglichen. Es richtet sich „an Menschen, die in unterschiedlichsten Bildungskontexten arbeiten oder sich für diese interessieren“. 

Löst es dieses Versprechen ein? Ja und nein: Jede an Bildung interessierte Person wird sicherlich ein, vermutlich mehrere Kapitel des Buches mindestens interessant, womöglich hoch spannend und erkenntnisreich finden; das garantiert die Vielfalt der Themen und Autor:innen. Design-Thinker, so ist zu lesen, würden ein gründlicheres Problembewusstsein entwickeln. Sie verfolgten im Team einen nutzerfokussierten Denk- und Lösungsansatz verfolgen. Am Ende übersteige die Problemlösekraft des Teams die Summe addierten Spezialwissens. Wie das ganz konkret umsetzbar ist, erläutern die einzelnen Kapitel auf zahlreichen Ebenen.

Viele New-Work-Buzzwords, kein Wort zu den Kosten der Zertifizierung

Dabei ist die Tonalität durchwegs bestimmt von einer großen Begeisterung für die eigene Arbeit; aber das muss ja nicht negativ sein, sieht man einmal vom offensichtlichen Werbeblock (Kapitel 15: Das Zertifizierungsprogramm für Design-Thinking-Coaches an der HPI Academy) ab, der zwar kein New Work Buzzword weglässt, dafür aber den durchaus stattlichen Kostenbeitrag ausspart. Die 17.500 Euro findet man erst, wenn man auf der Homepage der HPI Academy danach sucht.

Schuldig bleibt die Sammlung die Einlösung ihres Versprechens, sich an Menschen aus unterschiedlichsten Bildungskontexten zu richten. Wenn von Bildung die Rede ist, von Lernenden und Lehrenden, ist fast ausschließlich der Bereich (post-)akademischer (Aus-)Bildung gemeint, es geht also um Studierende und Professionals. Der Bereich der primären und sekundären (Schul-)Bildung (K12) bleibt außen vor – abgesehen von der gelegentlichen Forderung, sich wandeln zu müssen. Eine Laudatio auf die hauseigene „HPI Schul-Cloud“ gibts außerdem.

Stanfords d.school ist Ideenschmiede für schulische Bildung

Und das ist sehr schade, unterhält doch die d.school Stanford sogar ein eigenes K12 Lab als kreative Ideenschmiede für den Bereich der schulischen Bildung und es wäre nicht nur interessant, sondern würde auch die potenzielle Leserschaft auch erheblich erweitern, würde man auch über diese Ansätze und Erkenntnisse etwas erfahren.

Zusammenfassend bietet die vorliegende Sammlung einen interessanten, abwechslungsreichen Einblick in die breit gefächerte Arbeit zum Design Thinking am HPI und dessen internationalem Netzwerk. Für Menschen mit einem beruflichen Schwerpunkt im nichtakademischen Bildungsbereich leider kaum praxisbezogene Anregungen dabei sind.

Meinel, Christoph / Krohn, Timm (Hrsg): Design Thinking in der Bildung. Innovation kann man lernen. Wiley-VCH, Weinheim, 480 Seiten, € 34,99. Tobias Schreiner ist bayerischer Schulleiter und Vorreiter digitaler Bildung.

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