Das Admin-Drama

Ein Gastbeitrag von Simon Rott (Twitter Thread)

In Baden-Württemberg teilen sich Land und Schulträger die Aufgaben an Schulen, so auch (theoretisch) in der IT. Die „Digitalisierungshinweise für Schulen in öffentlicher Trägerschaft“ von Juli 2019 sollen regeln, wer wofür zuständig ist. Dort findet sich eine 50 Punkte lange Tabelle. Die meisten Punkte, die dem Land obliegen, übernehmen entweder die Schulleitung oder die „Netzwerkberater“ vor Ort. Viele Kommunen können oder wollen ihren Aufgaben nicht nachkommen, daher landen auch die oft an der Schule. 

Netzwerkberater“ sind reguläre Lehrkräfte, und sie heißen so, weil die eigentliche Idee ist, dass sie das Kollegium im Umgang mit dem Netzwerk beraten. An den meisten Schulen nennt man sie jedoch Netzwerker oder Admins, denn das trifft es meist besser. (Disclaimer: ich bin unser Admin) 

Regelung mit einem 23 Jahre alten Erlass

Für ihre Tätigkeit bekommen die Admins Anrechnungsstunden, sie müssen also weniger unterrichten. Die Details regelt ein Erlass des Kultusministeriums, der mehr als 20 Jahre alt ist: er stammt vom 23. Juni 1998 und wurde seitdem nicht mehr verändert. Dieser Erlass besagt, dass die Schule eine Stunde aus ihrem allgemeinen Entlastungskontingent nehmen soll, ab 25 Computern gibt es eine weitere und ab 51 Computern zwei weitere Stunden. Damit endet die Skala – mit Ausnahme der beruflichen Schulen. Viele Admins bekommen zwei oder drei Anrechnungsstunden. Sie unterrichten zum Beispiel eine fünfte Klasse in Geografie weniger (das bedeutet zwei Stunden Ermäßigung), kümmern sich dafür um das Netzwerk an ihrer Schule. 

Was das umfasst, schildere ich aus meiner persönlichen Erfahrung. 

Wir sind eine sehr kleine Schule mit nur ca. 320 Schüler:innen und knapp 40 Kolleg:innen. Für diese kümmere ich mich um Server, Wlan im ganzen Gebäude, Projektionsmöglichkeiten, 57 feste PCs, circa 20 Notebooks, acht Drucker, und 250 schuleigene Tablets

Wir arbeiten mit Moodle, gehostet bei „Baden-Württembergs extended Lan„, kurz Belwue, E-Mail-Adressen und Verteilern, Threema work als Messenger vor Ort, mit „pädagogischen Musterlösungen“ des Landesmedienzentrums sowie dem Schulmanager für den Vertretungsplan. Es müssen jeweils Accounts gepflegt, neue User, Klassen und Kurse angelegt, alte gelöscht werden. 

Passwörter werden oft vergessen

User vergessen (oft) Passwörter. Sie haben Fragen, Wünsche und Probleme und wenden sich damit an den Admin. Um Standardprobleme abzupuffern, betreiben wir einen Moodle-Kurs „Hilfe“ für Schüler:innen, und eine Wissensdatenbank mit einem Ticketsystem für Kolleg:innen. Bei mehr als 300 Geräten geht auch mal was kaputt, dann kümmern wir uns um Ersatz, Reparatur, Abwicklung mit Versicherung, Neueinrichtung und so weiter. Natürlich begleiten wir Neue, sorgen für internen Austausch und Fortbildung und sind für Fragen immer da. Wir verwalten die Tablets mit einem ProfileManager vor Ort, ziehen aber gerade zu Jam school um, kaufen und verwalten Apps, haben zusätzlich zu Papier digitale Schulbücher von verschiedenen Verlagen, welche auch Accounts benötigen und deren Lizenzen zugeordnet werden müssen. 

Für all das sind vom Kultusministerium laut der 1998er-Liste drei Stunden weniger Unterricht vorgesehen. Das ist natürlich unrealistisch – um es freundlich zu sagen. Um es deutlich zu sagen: wer seine Aufgaben als Netzwerker, Admin und die als Lehrkraft ernst nimmt, der geht unter. Hinweise darauf werden (vom Ministerium) gerne damit beantwortet, dass einige der Aufgaben ja Aufgabe des Schulträgers seien. 

Das stimmt natürlich. Jedoch würde die Zeit auch dann (bei weitem) nicht reichen, wenn man nur die Aufgaben des Netzwerkberaters machen würde, zudem ist bei den meisten Schulträgern unrealistisch, allen Aufgaben vollumfänglich nachzukommen. Es gibt Vorzeigeschulträger: Das sind oft große Städte mit Stadtmedienzentren, welche die Economies of Scale nutzen können. Beim Rest bleiben viele der Aufgaben an Schulen hängen, da Schulträger die Aufgaben nicht leisten können, zum Beispiel weil sie gar keine IT-Abteilung haben

Viele Admins macht die Aufgabenflut kaputt

Gerne wird auch auf die „Zusatz-VerwaltungsvereinbarungAdministration‘ zum DigitalPakt“ verwiesen. Dort sind in der Tat Gelder für IT-Angestellte der Schulträger oder Dienstleister vorgesehen. Die decken jedoch nur den Zeitraum bis 2024 ab, die Folgefinanzierung ist ungeklärt. Das führt dazu, dass Schulträger ungern Stellen oder Ansprüche schaffen. Nicht weniger schwierig ist, dass IT-Stellen oft nicht besetzt werden können. In der Wirtschaft fehlen ebenfalls ITler, und da gibt es viel mehr Geld. Man könnte auch Dienstleister beauftragen, aber an gute Leute zu kommen ist – insbesondere auf dem Land und als kleine Schule – eine große Herausforderung.

Selbst wenn man einen guten Dienstleister hat, so ist natürlich dennoch viel Koordination und Absprache mit diesem erforderlich, was wiederum  Zeit in Anspruch nimmt. Manche Schulen versuchen ihre Admins durch andere Stunden zu entlasten, da allen klar ist, dass die zwei bis drei Stunden bei weitem nicht reichen. Das geht dann aber auf Kosten anderer, wichtiger Bereiche (Arbeitsgemeinschaften etwa oder Pool-Stunden). 

In der Pandemie waren und sind Admins extrem belastet, viele gehen gerade an der Aufgabenflut – man kann es nicht anders ausdrücken – kaputt.  

Wertschätzung hält uns im Job

Viele Admins halten das Ganze nur aus, weil sie sehr viel Wertschätzung an der Schule erfahren. Die nicht vorhandene Wertschätzung von oben frustriert jedoch und führt zu Resignation. Viele würden am liebsten hinschmeißen, tun das aber nicht, aus Verantwortung der Schule, den Kollegen und Schülern gegenüber. Die Aufgabe abzugeben ist oft kaum möglich.

Zwar gibt es bereits Ansätze, die Beziehungen zwischen Land und Schulträgern neu zu strukturieren, und dies ist beispielsweise in Baden-Württemberg auch im Koalitionsvertrag als Ziel genannt. Bis dahin müsste man jedoch dringend eine Übergangslösung finden. Diese wird kurzfristig vermutlich nur mit mehr Anrechnungsstunden für die „Netzwerkberater“ vor Ort möglich sein, denn alles andere braucht Zeit.

Selbst wenn diese zusätzlichen Stunden nicht kommen würden – ich mache weiter.

Simon Rott ist Lehrer einer Schule in Baden-Württemberg.
Korrekturanmerkung: Die neue Landesregierung prüft bisher nicht, die Ermäßigungsstunden für Admins zu erhöhen. Und Simon setzte diesen spannenden Thread auch nicht als Antwort auf die @BoschAcademy ab. Sorry! Christian Füller

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