NRW zahlt Tablets für benachteiligte Schüler mit Sozialgeld der EU

In NRW setzt das Bildungsministerium zur selbst proklamierten „digitalen Aufholjagd“ an. Aus Töpfen des Bundes, Landes und der EU fließen zwischen 2020 und 2025 knapp zwei Milliarden Euro in Digitalisierung, rechnete das Ministerium aus. Nun kündigte Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) an, Schülerinnen und Schüler aus belasteten Verhältnissen besonders zu unterstützen und allein dafür 184 Millionen Euro ausgeben zu wollen. Das EU-Geld stammt zum größten Teil aus der Recovery Assistance for Cohesion and the Territories of Europe, der Wiederaufbauhilfe für die Kohäsion und die europäischen Territorien.

Die Aufholjagd heißt offiziell „Digitalstrategie Schule NRW“. Sie wird allerdings nur zu etwa einem Viertel vom Land selbst bezahlt. Aus drei Handlungsfeldern setzt sich die Strategie zusammen, mit der NRW in die digitale Zukunft springen und Versäumtes aufholen möchte. So sollen, erstens, Schulen und Unterricht weiterentwickelt und der Fokus auf pädagogische und didaktische Chancen von Digitalisierung gelegt werden. Zweitens, sollen Lehrkräfte unterstützt und qualifiziert werden sowie, drittens, der Zugang zu digitalen Medien und Infrastruktur geschaffen und sichergestellt werden.

Die Situation in Schulen während Corona, insbesondere zu Zeiten des Fernunterrichts, war besonders schwer für Kinder an besonders belasteten Schulen. Sei es, weil deren Eltern viel arbeiten mussten oder eine andere Muttersprache sprechen. Die EU unterstützt gezielt stark benachteiligte Regionen als Reaktion auf Corona. Dieses Geld soll vor allem an die Ärmsten der Armen gehen. NRW investiert nun mithilfe dieser Fördermittel 184 Millionen Euro in digitale Endgeräte – insgesamt erhält das Land aus Brüssel 112 Millionen Euro. Aus dem React-EU-Fonds werden unter anderem Armentafeln in Bulgarien und Portugal bezahlt. Auch in NRW erfolge die Verteilung auf „Grundlage sozialer Faktoren“, das heißt, die Endgeräte gehen an 370.000 Schülerinnen und Schüler in den Problemregionen des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes.

Segen für Digital-Schulen, aber Probleme mit Schul-IT der Träger

„Die digitale Teilhabe von heute sichert morgen die Bildungschancen unserer Kinder und Jugendlichen“, sagte Yvonne Gebauer, Ministerin für Schule und Bildung. Der Verband Bildung und Erziehung sieht in der angekündigten Anschaffung jedoch nur eine überfällige Maßnahme. Es sei höchste Zeit, sagte der VBE-Landesvorsitzende Stefan Behlau, „dass eigentlich Selbstverständliches nicht nur mittels einer theoretischen Strategie, sondern auch durch praktische Umsetzung und Unterstützung selbstverständlich wird.“

Eine digitalaffine Lehrerin lobte gegenüber Bildung.Table einerseits die Zielsetzung der neuen Geräteoffensive. Die Geräte seien ein Segen für digitalaffine Schulen. Schulträger machten sich plötzlich Gedanken über 1:1-Ausstattungen – das sei vor kurzem noch undenkbar gewesen. Andererseits gebe es grundsätzliche strukturelle Probleme: „Die Wahrheit ist auch, dass fantasielose Schul-ITs in den Rathäusern aus den ausgegebenen Geräten ´closed shops´ machen. Tablets dürfen nicht mit dem Drucker verbunden werden, eine Installation von Apps wird verhindert oder bei zentraler Verwaltung ´verschleppt´ und einige Lehrer:innen dürfen die Geräte nicht mit nach Hause nehmen. Das ist dann kein Ausstattungs-, sondern ein Ausschaltungsprogramm.Robert Saar

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