Kritik an „Studie“ über Suizidversuche

Diese Studie über Suizidversuche schien ein starkes Argument zu sein: Der Leiter der Essener Kinder-Intensivstation Christian Dohna-Schwake hatte gemutmaßt, dass allein von März bis Mai 2021 insgesamt 500 Kinder einen Suizidversuch unternommen hätten. Nun stellt sich heraus, dass die Studie noch gar nicht veröffentlicht ist. Überdies ist in dieser Untersuchung die Zahl der Kinder, die sich das Leben hätte nehmen wollen, mit 93 beziffert. Die Zahl 500 ist eine Hochrechnung auf alle Kinder-Intensivstation in Deutschland. Professor Dohna-Schwanke hatte die Schulschließungen mit den Suizidversuchen in Verbindung gebracht. Der zweite Lockdown der Schulen habe sich hingezogen wie Kaugummi, sagte Dohna-Schwake. Es sei anzunehmen, „dass da Kinder, die vielleicht auch schon depressiven Verstimmungen gelitten haben, dann eben gedacht haben, ok, das ist jetzt mein Hilferuf. Ich muss da irgendwie rauskommen.“ Der Professor berief sich dabei „auf den gesunden Menschenverstand.“

Kinderpsychologe: Suizidversuche von Jugendlichen nicht instrumentalisieren

Der Leipziger Kinderpsychologe Julian Schmitz übte nun gegenüber Bildung.Table Kritik an der Suizidstudie. Schmitz rät davon ab, Suizidversuche von Kindern oder Studien darüber in der Debatte für oder gegen Distanzunterricht zu instrumentalisieren. Die einzige echte valide Interpretation sieht Schmitz hierin: Kinder und Jugendliche, die unter Vereinsamung gerade in der Corona-Zeit litten, „haben oft keinen oder keinen leichten Zugang zu psychosozialer Versorgung.“

Dohna-Schwake hatte in einem Podcast von der dramatischen Erhöhung von Suizidversuchen unter Jugendlichen wegen des Lockdowns berichtet. Im Vergleich zum Jahr 2019 (37 Fälle) seien die 93 möglichen Selbsttötungsversuche, die er gezählt hatte, eine Steigerung von 300 Prozent. Im ersten Lockdown Anfang 2020 war die Zahl der Suizidversuche sogar zurückgegangen. Dohna-Schwanke hatte auch da eine Studie begonnen – sie dann aber abgebrochen, weil sich zwei Suizidversuche als unbeabsichtigte Fensterstürze herausgestellt hatten. Die noch nicht veröffentlichte Studie des Essener Professors hatte ein massives Presseecho ausgelöst. Eine Zeitung hatte fälschlicherweise getitelt: „500 Kinder nach Suizidversuchen auf Intensivstation“. Eine derart effekthascherische Berichterstattung bei Suiziden ist gefährlich und verstößt gegen den Pressekodex. Man nennt dies den so genannten Werther-Effekt: berichtet die Presse vermehrt über Suizide, steigt die Zahl der Selbsttötungen. Auf eine Anfrage von Bildung.Table reagierte Dohna-Schwake bis Redaktionsschluss nicht.

Leistungsdruck und Corona erhöhen psychische Belastung

Der Leipziger Psychologe Professor Julian Schmitz zweifelt nicht die Validität der Suizidversuchs-Erhebung seines Kollegen Dohna-Schwake in Essen an. „Es kommt aber darauf an, wie man die Daten interpretiert – und welche Konsequenzen man empfiehlt.“ Eine gerade veröffentlichte Studie aus Basel zeige zum Beispiel, dass die Schule und der Präsenzunterricht nicht unbedingt gegen Depressivität und suizidalen Neigungen helfen. „Im Gegenteil, schulischer Druck ist Teil des Problems. Hoher Leistungsdruck ist an sich schwierig, in Kombination mit der Vereinsamung und der Verunsicherung der Schüler durch Corona kann er gefährlich werden“, sagte Schmitz. Der Professor an der psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche in Leipzig fordert von Lehrern, die Präsenz an Schulen nicht dazu zu benutzen, noch eine Prüfung nach der anderen durchzubringen. cif

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