Corona und Ferien machen Achtklässler schlauer

Top-Leistungen, die nicht zählen: Baden-Württembergs Achtklässler legten mitten in der Pandemie deutlich zu.

Das ist der bisher überraschendste Schulleistungstest seit Beginn der Coronakrise. In Baden-Württemberg schneiden Achtklässler in Vergleichsarbeiten (Vera) auf dem Höhepunkt der Pandemie deutlich besser ab als vor und nach Corona. In Deutsch ist dies beim Lesen zu sehen. Die Hälfte der 14-jährigen Schülerinnen und Schüler lag im Jahr 2021 auf einer der beiden höchsten Kompetenzstufen im Lesen. Vor Corona waren dies nur 35 Prozent, nach Corona nur 34 Prozent. Den Wert ermittelten die Lehrer nach einer fünfmonatigen Coronapause der Sekundarstufen (bis Mai 2021). Die Tests fanden laut dem 2021er-Bericht nach den Sommerferien im September 2021 statt. Mit anderen Worten: Die Schüler hatten offenbar während Corona und in den Ferien deutliche Lernzuwächse beim Lesen erzielt. Das ergibt sich aus den Vergleichsarbeiten der Klasse acht, kurz „Vera 8“, die Baden-Württemberg am Freitag veröffentlichte. 

Bisher geht man davon aus, dass digitales Lernen von zu Hause die Kompetenzen vor allem benachteiligter Schüler stark in Mitleidenschaft zieht. Die Kultusminister sprechen – ohne sich auf Messungen zu beziehen – pauschal von einer Lernlücke von 25 Prozent. So viel weniger hätten die Schüler gelernt. Sieht man sich Vera der Achtklässler im Südwesten rund um Corona an, stellt sich das in allen Schulformen anders dar. An Gymnasien schnellte der Anteil der Spitzenleister (Kompetenzstufen IV und V) von 62 Prozent auf 87 Prozent während Corona. An den Gemeinschaftsschulen stieg dieser Wert von 16 Prozent auf 27 Prozent Topschüler

Zuwachs der Topleser in Englisch während Corona: plus 16 Prozent 

In Englisch lagen bei den Schülern in Baden-Württemberg 36 Prozent vor Corona in der Spitzengruppe. Mitten in der Coronakrise waren es 52 Prozent. Diese starke Leistungssteigerung um 16 Prozentpunkte der Schülerschaft lassen sich nicht dadurch erklären, dass weniger Schulen am Test teilnahmen. Vera ist laut Teststrategie „für die öffentlichen allgemein bildenden Schulen in Baden-Württemberg verpflichtend.“ Das Kultusministerium schrieb dazu: „Die Vera-Ergebnisse aus dem Jahr 2021 eignen sich nicht für Vergleiche mit den Vorjahren. Die Aufgaben wurden nicht dafür angepasst.“ Diese Aussage ist abwegig. Die Idee von Vergleichsarbeiten ist der Vergleich. Sie sollen gerade nicht auf besondere Situationen angepasst werden. Sie nehmen stets die gleichen Kompetenzabfragen vor. Das Berliner IQB sagte auf Anfrage, die Schüler seien erst im September getestet worden – das stehe einem Vergleich entgegen. Soll das heißen, Lernzuwächse in Digitalunterricht und Ferien zählen nicht?

Insgesamt sind die Ergebnisse von Vera 8 für das Jahr 2022 ernüchternd. Im Lesen erreichen 13 Prozent der Schüler die Kompetenzstufe 2 nicht. Diese Schüler gelten als Risikoschüler, deren weitere Lernbiografie gefährdet ist. In Orthografie befinden sich sogar 19 Prozent der Schüler in den untersten Leistungsgruppen. Im Leseverstehen in Englisch sind es 18 Prozent. In Mathematik bleibt ein Drittel der 14-jährigen Schüler des Hightech-Landes unter Kompetenzstufe 2. „Die Vera-Ergebnisse zeigen einmal mehr auf, dass wir Nachholbedarf haben, was die Vermittlung von Basiskompetenzen angeht“, kommentierte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). Christian Füller

Mehr zum Thema

    Exklusiv: Fast alle Schüler wollen digital lernen
    Studienkreis: Deutlicher Anstieg bei Lese-Förderung
    Ukrainer ohne Schulplatz: Nothilfeprogramm gefordert
    Baden-Württemberg erprobt Sozialindex