ZUM – der stille OER-Riese

ZUM verteilt OER-Materialien.
Offen und nicht-kommerziell verteilt die ZUM Lernmaterialien (Screenshot).

25 Jahre ZUM sind auch 25 Jahre Internetgeschichte im deutschen Schulsystem. Und alleine diese Tatsache dürfte so einige überraschen. Die kleine Gruppe von engagierten Lehrer:innen tat sich Mitte der 90er-Jahre zusammen. Sie luden Schulmaterial im Internet hoch, um es mit Kolleg:innen zu teilen. Damals war das Internet noch teuer und nur die wenigsten nutzten es regelmäßig. Und was OER oder Open Educational Resources sind, wusste kaum jemand – dabei hat die ZUM offene Lernmaterialien irgendwie miterfunden.

„Die ZUM war damals ihrer Zeit zehn oder fünfzehn Jahre voraus“, sagt Medienpädagoge und OER-Experte Jöran Muuß-Merholz. Das World Wide Web als Lern- und Lehrhilfe zu verstehen, wie es auf der Homepage heißt, war vor 25 Jahren in einer Zeit von Overheadprojektoren und selbstgemalten Arbeitsblättern eine vorausschauende Idee. Zumal kaum eine Schule damals überhaupt Zugang zum Internet hatte. Doch die „Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet“, wie sich die Gruppe aus Lehrer:innen damals taufte, erkannte das Potenzial der Online-Vernetzung für die Schule und das Lernen.

Und auch wenn der Name der Initiative nach Vintage klingt, hat sich der eingetragene Verein im Gegensatz zu einigen kurzlebigen Bildungsstartups bis heute gehalten – ohne große Geldgeber, getragen von ehrenamtlicher Arbeit. „Wir verstehen uns weiterhin als Pioniere im Internet“, sagt Klaus Dautel. „Wir sind ein kreativer Anbieter und erstellen nicht nur Unterrichtsmaterial, sondern bieten eine Plattform, die Schüler und Lehrer gemeinsam nutzen können, um Unterrichtsprozesse zu entwickeln.“

Bildungswiki und Datenbank: kostenfreie Lerninhalte mit Qualität

Von 2004 bis 2021 pflegte das ZUM ein Bildungswiki, das zwar seinen Betrieb einstellen musste, aber lange als Referenz für freie Lernmaterialien mit Creative Commons-Lizenz galt. Dafür gewann das Wiki im Jahr 2016 den OER-Award. Es verstand sich als offene Plattform für alle Interessierten, für unterschiedliche Fächer und für zahlreiche Themen. Doch das ZUM-Wiki wurde zu undynamisch für die heutigen Anforderungen im Netz.

Deshalb gibt es die besten Inhalte aus dem Wiki nun bei ZUM-Unterrichten in neuen interaktiveren Darstellungsformen. Für insgesamt neun Fächer, darunter Chemie, Deutsch oder Ethik, können Lehrerinnen und Lehrer aus dem deutschsprachigen Raum, Lernmaterial kostenlos nutzen. Und, – so die Idee der Mitmach-Plattform – die Lehrkräfte können ihre eigenen Materialien mit anderen teilen. Vorausgesetzt, sie erfüllen die ZUM-Richtlinien, sprich, die Arbeitsblätter und Lernmaterialien erfüllen didaktische Standards.

Jöran Muuß-Merholz: „ZUM stellt ihr Licht unter den Scheffel“

Damit hat ZUM schon längst das geschafft, worüber sich bis heute sämtliche Kulturminister:innen und Bildungsinitiativen den Kopf zerbrechen: Wie schaffen wir es, das Bildungssystem zu digitalisieren, Lizenzen und Daten zu schützen, Qualitätsregeln zu beachten und dabei trotzdem den Überblick über all die Angebote zu behalten? „Wir fühlen uns weiterhin als Pioniere im Internet“, sagt Klaus Dautel. „Wir verstehen uns als kreativer Anbieter und erstellen nicht nur Unterrichtsmaterial, sondern bieten eine Plattform, die Schüler und Lehrer gemeinsam nutzen können, um Unterrichtsprozesse zu entwickeln.“

Doch laut und bunt ist die ZUM-Truppe nicht. Die Homepage ist weit entfernt davon, was man heute unter modernem Webdesign versteht. Mokka-gelber Header, ein Logo, das auch die Älteren sehr an die eigene Schulzeit erinnert. Dafür aber: übersichtlich, schnell verständlich und umfangreich

Die ZUM-Mitglieder hätten schon immer „ihr Licht unter den Scheffel gestellt“, sagt OER-Experte Jöran Muuß-Merholz. Er hat sie auf etlichen Barcamps oder Bildungskonferenzen erlebt. ZUM ist eben mehr Sein als Schein. Andere Bildungs-Initiativen bezahlen PR-Experten. Die ZUM-Mitglieder überlegen lieber, wie sie Unterrichtsangebote noch besser für ihre Kolleg:innen und deren Schüler:innen bereitstellen können.

Jedes Startup ist nach drei Monaten lauter als die ZUM

Dass ZUM keine Marke, sondern vor allem Inhalt ist, hat natürlich Vorteile. Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Qualität der zur Verfügung gestellten Materialien und Unterrichtsideen. Trotzdem findet Jöran Muuß-Merholz, dass der ZUM-Verein sich mit starkem Selbstbewusstsein in die Bildungslandschaft einmischen kann. Jedes zweite Bildungsstartup mit Instagram-Kampagne und Hochglanz-Website trete nach drei Monaten lauter auf, als die ZUM nach 25 Jahren.

ZUM sei ein „stiller Riese„, sagt Muuß-Merholz. „Ich bin mir sicher: Würde man den Lehrern heimlich über die Schulter, könnte man feststellen, dass viele das ZUM-Material bereits verwendet haben. Ohne sich dessen vielleicht bewusst zu sein.“

Wie das Internet, so entwickelt sich auch ZUM weiter. Bald bekommt der Verein eine neue Homepage, die dynamischer und aufgeräumter wirkt. Ein strahlendes Blau ersetzt das matte Gelb und der Blick der Userinnen und User fällt direkt auf das, worauf der Verein stolz sein kann: „Die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e.V. fördert die Digitalisierung von Schule und Lehrinhalten seit 1997.“

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