Social-Media-Sprechstunde: „Wir geben Kindern Zeit.“

Man sieht ein schwarzes Plakat mit bunten vierecken auf denen man die Schattenumrisse von Menschen sieht: der Titel ist Social Media Sprechstunde
„Erlebnisse aus den sozialen Medien berichten, die den Kindern auf der Seele brennen“

Welchen pädagogischen Vorteil hat die Social-Media-Sprechstunde?


Dass die Kinder dort mit all den Social-Media-Erlebnissen hingehen können, die ihnen auf der Seele brennen. Wir haben irgendwann gemerkt, dass die Kinder im Netz vollkommen allein gelassen werden. Das bringt viele Probleme für sie, aber auch für Schule – gerade wegen der zum Teil gruseligen Erfahrungen, die Schüler:innen in den sozialen Netzwerken machen. Unsere Haltung als Schule ist, dass sie über alles sprechen können müssen, was sie im Netz sehen. Sonst werden Kinder nicht souverän, sondern ohnmächtig. Das war der Grund für uns, neben einem Kurs „Digitalkunde“ zusätzlich diese Sprechstunde mit einem jungen Kollegen einzurichten, der Social Media aus dem Effeff kennt. Wir geben Kindern also Zeit – und eine strukturierte Möglichkeit für ein Gespräch. Der Kollege sitzt zu einem bestimmten Zeitpunkt in dem Raum. Die Schüler können dann den Unterricht verlassen und in die Sprechstunde gehen. Alles, was er zu hören bekommt, unterliegt der Verschwiegenheitspflicht. Die Kinder können dort alles loswerden. Egal, ob sie etwas gesehen haben, was sie nicht verkraften, ob sie etwas Anstößiges melden wollen oder ob sie schlicht sagen wollen: „Mensch, ich glaube, ich habe da echt Scheiße gebaut!“ 

Welche technischen Voraussetzungen braucht eine Sprechstunde? 

Eigentlich keine. Wir haben es ja mit einer Schülergeneration zu tun, die ihre Handys vollkommen selbstverständlich dabei hat und jederzeit einsetzt. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob wir das gut oder schlecht finden, das ist ein Faktum. Inzwischen dominieren soziale Netzwerke ja den lebensweltlichen Alltag von Kindern und Jugendlichen. Für uns als Schule ist also keine technische, sondern eine sozialpädagogische Voraussetzung wichtig: haben wir Kolleg:innen, die auch die Abgründe von Social Media kennen? 

Kann man eine Social Media-Sprechstunde auch online abhalten?

Ja, auch mitten in der Pandemie haben wir die Sprechstunde online im Format eines Videochats weitergeführt. Die Kinder nehmen diese Sprechstunde wahr, egal ob sie in den geschützten Raum des Kollegen in der Schule gehen oder sich in eine Videokonferenz mit ihm einwählen. Sie bekommen dort Hilfe. Die Nachfrage der Schüler:innen ist mittlerweile so groß geworden, dass wir uns gerade überlegen, wie wir diese Sprechstunde als strukturiertes Gesprächsangebot ausweiten können – online genau wie in Präsenz. 

Pro Tipp:

Teilweise sind es wirklich grausame Dinge, die die Schüler:innen in den sozialen Netzwerken sehen. Ich will Ihnen Details ersparen, aber uns hat ein Video besonders schockiert, das im Netz millionenfach unter Jugendlichen geteilt wurde. Da waren Männer zu sehen, die so lange auf einen Hundewelpen eingetreten haben, bis es gestorben ist. Das bedeutet ganz allgemein, wir müssen den Kindern Gehör verschaffen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Wir als Schule wissen, dass wir noch keine perfekte Lösung haben. Das Gespräch, das wir eingerichtet haben und das im Grunde inzwischen jeder von uns Lehrkräften führt, hilft auch nicht immer. Aber wir lassen die Kinder nicht alleine mit den Bildern und ihren Erlebnissen. Was uns sehr wichtig ist: dass wir mit den Schüler:innen sprechen, ohne sie zu kriminalisieren. Das heißt, es wäre falsch, zu sagen: „Wie kannst Du nur?“. Oder: „Lass das weg!“ Oder mit Strafen wie etwa einem Handyverbot zu drohen. Wir predigen auch unseren Eltern, nicht mit angeblich einfachen Methoden zu reagieren, wie: „Du hast nur noch zwei Stunden Smartphone-Zeit am Tag“. Auch in zwei Stunden kann man ganz leicht unter die Räder kommen. Solche Verbote sind in meinen Augen nicht sinnvoll, sie helfen gar nicht. 

Kritik:  

Für mich ist es ein Armutszeugnis, dass wir Schulleiter immer noch darum betteln müssen, dass Endgeräte an die Schulen kommen und eine vernünftige Netz-Anbindung da ist. Unsere Social-Media-Sprechstunde zeigt, dass das eine Selbstverständlichkeit ist – und wir längst ganz andere Fragen behandeln müssten. 

Silke Müller leitet die Waldschule Hatten (Niedersachsen). Die Smart-School (Bitkom) ist eine der digitalen Vorreiter. Müller macht sich für eine digitale Ethik stark.

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