ChatGPT erledigt Hausaufgaben in Sekunden

Was ist der pädagogische Vorteil von ChatGPT?

Das sieht man sofort – an diesem Beispiel: Einer meiner Achtklässler hat noch nie eine Zeile mit Python programmiert. Mit dem neuen Tool ChatGPT war er dennoch in der Lage, eine Sprachausgabe für ChatGPT von ChatGPT selbst programmieren zu lassen – einfach, indem er die richtigen Aufträge an die KI im Chat stellte. Die Möglichkeiten sind riesig. Diese Künstliche Intelligenz kann Schule disruptiv verändern.

Wir Lehrkräfte können vor dem Hintergrund von Schreibgeneratoren wie ChatGPT in der Schule nicht mehr mit einfachen Fragestellungen arbeiten. „Erörtere, ob die Monarchie in Großbritannien abgeschafft werden sollte.“ ChatGPT erledigt das in 20 Sekunden – und ich als Lehrkraft kann nicht feststellen, ob der Text von einer SchülerIn stammt oder von einem KI-basierten Tool. 

Deswegen müssen sich unsere Fragestellungen zu fächerverbindenden Themen hinwenden. Unsere Fragen müssen individualisierter, reflexiver und natürlich komplexer werden. Ein Beispiel aus Geschichte: „Lasse ChatGPT eine historische Beurteilung der iranischen Revolution von 1979 erstellen. Überprüfe anschließend den artifiziellen Text auf seine faktische Richtigkeit. Ändere Aspekte des Ergebnisses von ChatGPT – und begründe deine Veränderungen.“ Eine Erweiterung für SchülerInnen mit iranischem Hintergrund in der Schule könnte sein: Kommuniziere in Farsi mit ChatGPT.

Welche technischen Voraussetzungen braucht Schule für diese neue KI? 

Ganz einfach: SchülerInnen brauchen einen Internetzugang, ein digitales Endgerät und ein Login. 

Ist ChatGPT für den Präsenz- oder für den digitalen Fernunterricht?

Es ist für beides geeignet. Das Tool verändert das Verständnis von Unterricht generell. Im Geschichtsunterricht gehen SchülerInnen in ein SeniorInnenzentrum, um mit den Menschen dort über das Ende des Zweiten Weltkriegs oder das sogenannte Wirtschaftswunder Interviews zu führen. Im Anschluss gleichen sie dies mit Quellen ab, die sie in verschiedenen Medien finden, in Büchern, bei Wikipedia oder bei ChatGPT. Das Ganze zu reflektieren ist etwas, was ChatGPT (noch) nicht kann. Das können nur die SchülerInnen, die sich im Lauf der Recherche eine eigene Meinung gebildet haben. 

Es geht es hier um die Förderung von Basiskompetenzen. Und in diesem Zusammenhang, für uns LehrerInnen, um die Authentifizierung der jeweiligen SchülerInnen als AutorInnen. Je individueller die Fragestellung wird, umso besser ist das identifizierbar. Deswegen sind Lernportfolios, die den Rechercheprozess samt Zwischenschritten dokumentieren, dafür so gut geeignet.

ProTipp: 

Erstmal müssen SchülerInnen die Ergebnisse von ChatGPT analysieren, vergleichen und reflektieren. Dazu müssen sie natürlich begleitend recherchieren, Stichwort: lateral reading. Dann können sie den Prompt verändern, also die an die erste Frage im Chat-Dialog anschließenden Eingabe- und Rechercheschritte. Das gilt übrigens für LehrerInnen wie SchülerInnen. Wir LehrerInnen werden durch dieses starke Tool auch zu moderierenden LernbegleiterInnen für SchülerInnen, die SchülerInnen dabei unterstützen, ihren Erkenntnisweg selbst zu navigieren. 

So ist ChatGPT in der Schule wirklich sehr kreativ nutzbar. Ein Beispiel für eine Aufgabe in Englisch: „Lasse ChatGPT ein Sonett im Stile Shakespeares über Polizeigewalt in Großbritannien schreiben. Überprüfe das Ergebnis – und passe die Prompts/Eingaben so an, dass das Ergebnis optimiert wird.

Kritik: 

Ich sehe zwei Kritikpunkte. Der erste ist die Motivation für die Vermittlung von Basiskompetenzen. SchülerInnen brauchen trotz ChatGPT eigenes Wissen und eigene Kompetenzen – als eine Art Bulls**t-Radar. Nur dann können sie sagen: „Moment, hier stimmt doch was nicht bei der Antwort von ChatGPT.“ Darüber müssen wir LehrerInnen nachdenken – jetzt, sofort. Denn: Das Tool ist schon Realität von SchülerInnen, die ja vielleicht sagen: „Okay, diese Aufgabe kann ChatGPT mit einem Klick – warum soll ich das also selbst machen?“

Der zweite Kritikpunkt ist, dass Datenbanken, auf die KI und auch ChatGPT zurückgreifen, gesellschaftliche Vorurteile durch den Algorithmus reproduzieren. Das hat Ruha Benjamin gezeigt. Ich will daher mit meinen SchülerInnen maschinenlesbare Texte produzieren. Sie sollen im Geschichtsunterricht der Oberstufe (post-)koloniale Orte in Hamburg erforschen und über diese Wikipedia-Artikel schreiben oder bestehende editieren, idealerweise in unterschiedlichen Sprachen und in Kooperation mit Deutschen Schulen im Ausland. So könnte man – idealistisch gesprochen – Datenbanken mit Bildern diverser, offener Gesellschaften füttern und so die Ergebnisse von KI multiperspektivischer machen.

Regina Schulz ist Lehrerin und in Teilzeit ans Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung abgeordnet.

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