Der Messenger als digitales Klassenzimmer

Messenger Klassenzimmer
Schulleiter Markus Bölling hat zusammen mit Schülern ein datensicheres Kommunikationstool programmiert.

Was ist der pädagogische Vorteil eines Messengers fürs digitale Klassenzimmer?

Ein sicherer Messenger bringt in meinen Augen für Lehrkräfte wie auch für Schüler einen großen Zusatzgewinn. Zum einen ist er asynchron. Das bedeutet, auch in Zeiten, in denen ein Schüler keinen direkten Zugang zur Lehrkraft hat, kann er Fragen stellen und beantworten. Zum anderen können Lehrkräfte in dem datenschutzkonformen, sicheren Raum gezielt Informationen an Gruppen, einzelne Schüler oder auch Kollegen adressieren. Das mag für einen Außenstehenden wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Es ist aber ein immenser Vorteil, außerhalb des Klassenzimmers Informationen, die sonst nur im Unterricht kommunizierbar sind, zur Sprache bringen zu können. Dabei muss man nicht pseudonymisieren oder auf sonst etwas achten wie bei MS Teams oder US-Produkten, die in der Regel nicht mit der Datenschutzgrundverordnung vereinbar sind. Das bedeutet, man hat die Freiheit als Lehrender, die synchrone Kommunikation im Klassenraum mit der asynchronen zu verknüpfen. 

Welche technischen Voraussetzungen braucht man dafür? 

Die Voraussetzungen sind relativ niedrig für die Client-Seite, also für Schüler und Lehrkräfte. Man braucht entweder ein Smartphone oder ein Tablet, einen Computer oder auch einfach nur einen Web-Browser. Zweite Voraussetzung: Man muss sich seine Zugangsdaten merken, um sich beim Server der Schule zu identifizieren. Auf Server-Seite ist es ein bisschen komplexer aber auch das ist machbar. Die Chatmöglichkeit funktioniert wie bei Messenger-Diensten wie WhatsApp, das die Schüler schon gewohnt sind. Mit dem Unterschied, dass im sicheren Messenger niemand von außerhalb etwa die Kontakte aus dem Adressbuch des Smartphones der Schüler auslesen kann. Die Einführung war an unserer Schule daher unproblematisch. 

Ist der Messenger eher für Distanz oder fürs Klassenzimmer? 

Ein Messenger verknüpft Distanz- und Präsenzunterricht. Wenn ich ihn sachgerecht und vernünftig einsetze, strukturiert er das Schulgespräch. Unsere Hauptkommunikation hat sich von E-Mails auf den Messenger verlagert. Der Messenger erleichtert die Präsenz, weil jeder weiß, dass er die Lehrkraft auch später gezielt und vertraulich ansprechen kann. In Ergänzung zum Unterricht ist das auch für die Lehrkraft eine große Erleichterung. Erinnerungen und organisatorische Hinweise an Schüler sind einfacher – und verbindlicher. Niemand überhört mehr etwas. Der Messenger hat sich so zu einem Rückgrat für unsere Schule entwickelt. Er vereinfacht die Kommunikation zwischen Schülern genauso wie zwischen Lehrern und zwischen Lehrern, Schülern und Schulleitung. 

Pro-Tipp:

Wie sehr ein Messenger das Gespräch erleichtert, habe ich gemerkt, als mich ein Schüler einmal außerhalb der Unterrichtszeit anschrieb. Er fragte, ob er ein IT-Praktikum bei einer bestimmten Unternehmung jenseits des Schulkreises machen könne. Er chattete mit mir, als er gerade seine Bewerbung verfasste. Hätten wir das nicht fix im sicheren Messenger klären können, wäre das ein umständlicher und langwieriger Prozess geworden. So wusste der Schüler abends um halb acht, dass das Praktikum möglich ist. Er hat sich tags darauf ganz begeistert bedankt weil er mich als Schulleiter im Chat direkt ansprechen konnte.

Aber auch die Kommunikation mit Referendaren verläuft einfacher. Wir können uns als Referendarschule jetzt mit angehenden Lehrkräften über pädagogische Fragen und rechtliche Aspekte austauschen. Da sind Fragen dabei, die man sonst nicht mal über E-Mail, sondern nur im direkten Gespräch im Schulleiterbüro klären könnte. Wenn man „Datenschutz first“ wirklich konsequent denkt, arbeitet man in einem rechtssicheren Kommunikationsraum. Wir können das auch deshalb, weil wir beim großen bayerischen Schulversuch dabei sind. Wir sehen schon nach kurzer Zeit, wie man umständliche papiergestützte Kommunikationswege abkürzen kann. 

Kritik:

Jedes technische System, das Kommunikation verändert, muss sich auch Kritik unterziehen. Ich finde bei Messengern wichtig, dass man klare Regeln entwickelt. Wenn jeder jederzeit erreichbar ist, hat das natürlich den Nachteil, dass der Austausch hypertroph wird. Es besteht die Gefahr, dass man in Informationen ertrinkt. So viele Gruppen und Sub-Kanäle entstehen, die viel Zeit fressen, wenn man sich nicht auf die wichtigen Sachen beschränkt. Das erfordert von jedem Disziplin. Außerdem können Teilnehmer natürlich, wenn der Kanal offen ist, andere beschimpfen. Aber auch das ist bei uns im geschlossenen, rechtssicheren Raum besser zu handhaben. Denn als Administrator habe ich einen Blick darauf, wie die Kommunikation verläuft. Das heißt ich kann alles löschen, was nicht den Gepflogenheiten einer achtsamen Schule entspricht. 

Markus Bölling leitet die Schulpreisträger-Schule (2010) Realschule am Europakanal. Die Schule nimmt am Projekt „Digitale Schule der Zukunft“ mit 250 Modellschulen in Bayern teil. 

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