„Ich fühle mich im Stich gelassen“

Sabine Bösl: Schulleiter fühlen sich im Stich gelassen in der Pandemie, auch von den Eltern.
Sabine Bösl, Schulleiterin

Gastbeitrag von Sabine Bösl

Die zusätzlichen Aufgaben für uns Schulleiter und der immens gestiegene Organisationsaufwand in unseren Schulen nehmen kein Ende mehr. Wir müssen ständig in Rekordgeschwindigkeit neue Konzepte für das Lernen unter Pandemiebedingungen erstellen. Wir versuchen, alles möglich zu machen, damit der Unterricht läuft. Aber wir sind doch weit über unsere Belastungsgrenze hinausgegangen – seit über eineinhalb Jahren. Wir machen das für die Kinder, die uns am Herzen liegen, und für unsere Kolleginnen und Kollegen. Wir wollen niemanden im Stich lassen. Aber trotzdem müssen viele Schulleiterinnen und Schulleiter erkennen, dass sie nicht mehr können und sich völlig überlastet fühlen. Ich arbeite in der Pandemie wegen der enormen Fülle an Aufgaben oft bis in die Nacht hinein – begleitet von immer neuen Schreiben aus dem Kultusministerium.

Schon in normalen Zeiten für Schulleiter kaum zu schaffen

Wir kommen kaum mehr hinterher, um alles an unseren Schulen zu schaffen. Wir müssen nicht nur die Verwaltung und die ganze Organisation rund um Corona stemmen. Gerade an den Grundschulen müssen wir gleichzeitig sehr viele Unterrichtsstunden halten, weil wir aus meiner Sicht viel zu wenig Leitungszeit haben. Das ist ein enormes Pensum, und ich habe das Gefühl, ich kann den Kindern im Unterricht dann nicht mehr gerecht werden. Das ist schon in normalen Zeiten für einen Schulleiter kaum zu schaffen – in einer Pandemie wird es noch schwieriger. Aber trotzdem halten wir durch, halten wir noch durch. Obwohl viele von uns schon längst das Handtuch geschmissen hätten. Wie lange soll das noch gut gehen? Wie lange ignoriert die Politik noch unsere Sorgen? 

Wir fordern eine bessere und schnellere Kommunikation durch das Kultusministerium an die Schulen. Es kann doch nicht sein, dass wir Schulleiterinnen und Schulleiter Informationen der Presse entnehmen müssen, weil das Schreiben aus dem Kultusministerium erst Tage später verschickt wird. Eltern können das nicht mehr nachvollziehen, warum ihre Schulleiter nicht kompetent Auskunft geben können – wenn bereits Tage zuvor die Pressekonferenz war und in der Zeitung längst alles stand. Ich informiere mich aus der Presse. Die kultusministeriellen Schreiben erreichen uns immer häufiger am Freitagnachmittag oder Abend. Umgesetzt werden müssen diese beschriebenen Maßnahmen natürlich umgehend. Dann arbeiten wir die Wochenenden durch. Diese Informationspolitik führt in den Schulen zu großem Unmut; bei den Schulleitungen und bei den Kolleginnen und Kollegen.

„Wir brauchen Rückendeckung des Dienstherrn“

Wir Schulleiterinnen und Schulleiter müssen schauen, wie wir die Löcher stopfen. Ich muss gucken, wie ich vor Ort noch alles irgendwie aufrechterhalte: den normalen Unterricht trotz extremer Personalknappheit, die zusätzlichen Aufgaben der Pandemie mit Kontrollieren, Testen und Nachverfolgen des Infektionsgeschehens und und und. Ich fühle mich im Stich gelassen wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen.

Wir brauchen Rückendeckung und Beistand von unserem Dienstherrn, gerade jetzt, in dieser Situation. Ehrlichkeit ist gefragt. Und nicht ein Schönreden der Wirklichkeit. Wir brauchen eine Politik, die uns öffentlich den Rücken stärkt. Und die uns das Vertrauen ausspricht. Und die uns nicht unter Druck setzt mit völlig unrealistischen Zeitabläufen, die kein Mensch mehr schaffen kann. 

Verbale Angriffe der Eltern auf Schulleiter nehmen zu

Verbale Angriffe von Eltern nehmen nach meiner Erfahrung als Schulleiterin zu, das ist durchaus zu beobachten. Die Eltern stehen unter enormem Druck, und je länger die Pandemie geht, desto deutlicher wird das spürbar. Auch den Eltern geht die Luft aus. Die Erwartungen sind von Elternseite oftmals so hoch, dass wir das in unserer schulischen Realität nicht mehr erfüllen können. Wenn Kolleginnen erkranken und der Lehrermangel dermaßen durchschlägt, dass ich als Schulleiterin für Klassen keine Lehrerin mehr habe und Eltern das nicht verstehen können, dann kommt es manchmal auch zu verbalen Entgleisungen.

Die unterschiedlichen Meinungen in der Gesellschaft spiegeln sich in unserer Elternschaft wider. Es gibt Eltern, die meinen, unsere Regeln an der Schule seien viel zu streng. Es könne doch nicht sein, dass Kinder z. B. derzeit die Maske tragen müssen im Sportunterricht. Und es gibt Eltern, die fordern von mir als Schulleiterin ein, ich müsste doch viel strenger alle Maßnahmen umsetzen. Wir sind da hin- und hergerissen – wie es auch unsere gesamte Gesellschaft ist. Da erkennen manche Eltern die Grenze nicht mehr und greifen uns Schulleiter:innen oder die Klassenlehrkräfte an

Die Politik darf nicht länger zuschauen

Viele von uns Schulleiterinnen und Schulleitern können nicht mehr. Ich höre das täglich im Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Meiner Meinung nach darf die Politik nicht mehr länger zuschauen, sonst laufen wir sehenden Auges in die Katastrophe. Nun ist unser Dienstherr gefragt, seine Fürsorge für uns unter Beweis zu stellen. Hinter uns zu stehen, Vertrauen zu zeigen und uns zu schützen. 

Sabine Bösl ist Leiterin einer Grundschule und stellvertretende Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV. Der Lehrerverband ließ fünf Schuleiter:innen ihre Situation schildern.

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