Die digitale Zukunft ist schon da 

Man sieht Beth Havinga: Laptops und Tablets haben nichts mit Digitalität zu tun.
Laptops und Tablets haben nichts mit Digitalität zu tun: Beth Havinga.

Als Menschen beschäftigen wir uns immer wieder mit der Frage, wie die Zukunft aussehen kann und wird. Dabei sollte klar sein, dass nicht alle Bilder der Zukunft, die wir uns ausmalen, wirklich eine Zukunft haben.

Seit Jahren stellen wir uns etwa im Bildungsdiskurs die Schule der Zukunft als hoch digitalisierte Institution vor. Viele digitale Geräte, überall Bildschirme – und möglichst auch VR-Brillen. Es gibt eine fast synonymische Verbindung zwischen Geräten und digitaler Schule. 

Wenn diese Verbindung der Maßstab für Digitalisierung und Zukunft ist, so sieht es in Deutschland düster aus. An schnellem Internet und stabilem WLAN zum Beispiel mangelt es den Schulen. Eine digitale Grundausstattung sollte so selbstverständlich sein, wie die mit Heften, Stiften und Schulranzen. Dennoch hängen wir manchmal zu sehr an der Zahl der Geräte. Der Fokus auf diesen Aspekt verzerrt das Bild der Digitalisierung. 

Denn es ist ein Fakt: Im letzten Jahr haben SchülerInnen in Deutschland durchschnittlich 143 digitale Bildungstechnologien benutzt. Und das, obwohl wir nur sehr wenige 1:1-Ausstattungen mit Tablets oder Notebooks haben. Und obwohl nach unserer Vorstellung die digitale Schule erst noch kommt. 

Im letzten Jahr 1.600 digitale Anwendungen an Schulen

Tatsächlich aber wurden durchschnittlich bis zu 1.600 digitale Anwendungen, Systeme und Plattformen pro Schule im letzten Jahr genutzt. Das sind ganz verschiedene Systeme, sehr viele Verknüpfungspunkte – und eine Unmenge an Daten, die bereits geflossen sind. Wir dürfen uns also nicht weiter etwas vormachen: Die Digitalisierung liegt nicht vor uns – sie ist bereits Alltag, Realität. Wir sind aber trotzdem noch nicht darauf vorbereitet. Und zwar, weil wir so handeln, als ob sie erst noch käme.

Wir erleben also bereits die digitale Schule; wenn auch nicht so, wie wir sie uns vorgestellt haben. Dennoch gilt, dass wir die Vorkehrungen schon jetzt für die Schul- und Lernsituationen treffen müssen. Momentan lassen wir uns zu sehr von Geräten ablenken. Wir fahren wegen zögerlicher politischer Entscheidungen auf Sicht und ohne geeigneten Fahrplan.

Welches realistische Bild können wir uns von der Zukunft der Bildung malen? Zum einen werden wir uns mit hybriden Lernmöglichkeiten, Distanzlernen, und digitaler Unterstützung anfreunden müssen. Höchstwahrscheinlich müssen wir das traditionelle Modell des Lehrerseins erweitern. Denn es fehlen nicht nur in Deutschland Zehntausende Lehrkräfte. Weltweit sind es sogar Millionen. 

Digitale Gleichheit ist die große Herausforderung

Wir werden, zweitens, viel mit dem Thema digitale Gleichheit zu tun haben. „Digital equity“ gilt weltweit als eine der größten Herausforderungen für Bildung. Zum einen geht es dabei um den Zugang zu bedeutungsvollen Lernmöglichkeiten. Hervorheben muss man hier das Wort bedeutungsvoll. Lernende vor ein Buch oder ein System zu platzieren, ist keine bedeutungsvolle Lösung. Es geht darum, wertvolle Lernsituationen für alle zu schaffen. Wichtig ist, dabei die Ausgangslage der Lehrenden und Lernenden zu berücksichtigen und auf ihre digitalen Fähigkeiten und Konditionen fürs Lernen einzugehen. 

Drittens beobachten wir einen ganzheitlichen Ansatz bezüglich der Digitalisierung. Eine, wie es oft heißt, digital gestützte Lernsituation entspricht nicht den Möglichkeiten der Digitalisierung. Momentan erleben wir, dass mithilfe digitaler Mittel versucht wird, analoge Prozesse 1:1 digital zu ersetzen. Oft treten dabei Debatten über die Vor- und Nachteile der digitalisierten Maßnahmen im direkten Vergleich mit analogen Prozessen auf. Solche Vergleiche sind aber zum Scheitern verurteilt. Wenn man einen Bafög-Antrag als digital gestützt betrachtet, wenn der ausgefüllte Antrag gescannt und in ein PDF verwandelt wird, dann hat das mit Digitalisierung eigentlich nichts zu tun. Für mich kann das unmöglich unser Ziel sein. 

Es ist ein erster Schritt, richtig! „Digital gestützt“ – das ist aber nur wie eine Krücke, die notgedrungen, sperrig und nervig ist. Vor allem ist sie nicht als nachhaltige Unterstützung relevant. Wir müssen uns also kritisch fragen, was uns gerade daran hindert, die Krücke wegzulegen und loszurennen. 

Die Ausnahmesituation (der Pandemie) wird zur Regel

Wir haben, gerade in den Jahren der Pandemie, eine vermeintliche Ausnahmesituation erlebt. Allerdings muss uns klar sein, dass diese Ausnahme künftig die Regel sein wird. Denn die nächste Pandemie, die nächste Überschwemmung, die nächste Schulschließung wegen Lehrermangel, die nächste Migrationswelle – irgendetwas davon kommt garantiert. 

Und schon jetzt müssen wir nicht mal so weit in die Zukunft schauen – wir erleben Schulen und Institutionen, die aus purer Not hybrid arbeiten. Wir hören schon jetzt davon, dass die Politik Lernangebote an Bildungsinstitutionen massivst kürzt. 

Diese Unsicherheit wird die nächsten Jahre prägen. Aber wir haben die Chance, alle verfügbaren Mittel zu nutzen, zu verstehen und sicherzumachen, sodass wir neue Formate und unterstützende Maßnahmen implementieren. Dann können wir für Zukunftssicherheit sorgen.

Dafür benötigen wir flexible Systeme. Auch Governance-Strukturen für Daten sind wichtig. Die Niederlande und die Schweiz entwickeln sie gerade gezielt für den Bildungsbereich.

  • Wir werden Technologien und ihre Unterstützungsmaßnahmen brauchen, um die Beständigkeit von Lernangeboten zu verwirklichen. So können wir Lernenden die Möglichkeit bieten, ununterbrochen bedeutungsvollen Zugang zu Lernchancen zu bekommen.
  • Wir werden Vernetzungen mit Experten, innerhalb von lokalen Ortschaften und womöglich international benötigen, um Kernfächer anzubieten.
  • Dafür gibt es schon spannende Beispiele wie z.B. das Aurora College in Australien, das das Fachangebot der Schulen in ländlichen Gegenden durch den Einbezug von Experten aus verschiedensten Einrichtungen und Ländern erweitert und aufrechterhält.

Lehrermangel zwingt zur Anwendung von KI

Als letzte und als wichtigste Komponente der Zukunftstechnologien steht Künstliche Intelligenz. Sie ermöglicht, individuelle Lernpfade zu erkunden, digitale Begleitung, Individualisierung, und sie kann Lehrpersonen bei der Erstellung von manchen Aufgaben entlasten. 

Reden wir Klartext bezüglich Künstlicher Intelligenz: Ohne KI und weitere digitale Unterstützungsmaßnahmen werden wir angesichts des Lehrermangels und der Unsicherheiten, die auf uns zukommen, dem Bedarf an digitaler Gleichheit nicht gerecht. Es ist notwendig, jetzt zukunftsorientiert zu denken, um diese Technologie sicher nutzen zu können. Dafür ist es auch wichtig, zu verstehen, was die Nutzung von KI für uns bedeutet:

  • großes Potenzial, wenn man bedenkt, welche Lücken wir zu überbrücken haben, und welchen Bedarf es an individualisierten und personalisierten Lern-Lösungen gibt
  • Daten bestimmen den Erfolg 
  • Ziele müssen klar sein
  • der Bias muss durchschaut werden

Es gibt sehr spannende KI-Projekte, die derzeit etwa in Finnland, Japan, Marokko und bei der Weltbank laufen. Sie nutzen KI, um das gesellschaftliche Wohlsein zu steigern. Dies geschieht zum Beispiel dadurch, dass überprüft wird, inwiefern man im Voraus besondere Lernlücken für die Industrie oder das allgemeine Wohl entdecken kann. Daraus lassen sich dann Folgerungen ziehen, um Lücken zu vermeiden. 

Die Digitalisierung unserer Schulen kommt nicht erst. Wir befinden uns bereits mittendrin. Was jetzt gilt, ist, einen sicheren Rahmen für Technologien zu bauen, die wir bereits implementieren. Wir müssen sie künftig benutzen, um Unsicherheiten und neue Themen zu bewältigen. Die nächste Zeit prägt uns – und wird uns die Herausforderung stellen, den Zugang zu bedeutungsvollen Lernsituationen zu ermöglichen. 

Beth Havinga ist Managing Director der European EdTech Alliance. Der Text ist ein Auszug aus einem Vortrag bei der Veranstaltung „Digitalisierung der (Hoch-)Schulen“ des Thüringer Datenschutzbeauftragten vom 19. September 2022.

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