„Die Datenlage ist ein Flickenteppich“

Man sieht Ökonom Ingo Isphording im Portrait: Er würde gerne mit mehr Daten aus Deutschland forschen können, er will dass die Bildungpolitik die Daten nutzt.
Würde gerne mit mehr Daten aus Deutschland forschen können: Ökonom Ingo Isphording.

Die bildungspolitische Diskussion in Deutschland ist eine Geschichte des wiederholten bösen Erwachens: vom PISA-Schock der frühen 2000er bis hin zum jüngst erschienenen IQB-Bildungstrend. Gelernt hat das hochmoderne Industrieland Deutschland daraus nicht genug. Es fehlt an einer fortlaufenden, belastbaren und umfassenden Datenbasis über Bildungserfolg und Bildungswirkungen. Empirisch arbeitende Bildungsforscher und wirkungsorientierte Bildungspolitiker haben es in Deutschland nicht leicht.

Die Datenlage ist, freundlich ausgedrückt, ein Flickenteppich. Die Querschnittsdaten, die das IQB stichprobenartig im Auftrag der KMK für den Bildungstrend erhebt, stehen der freien Wissenschaft nur eingeschränkt zur Verfügung. So unterliegen etwa Forschungsfragen, die einen Ländervergleich umfassen, einer politischen Bevormundung seitens der KMK – Forschungsvorhaben, die das Potential haben, Missstände föderaler Bildungspolitik aufzudecken, können bereits im Vorfeld verhindert werden. Gutgemeinte Längsschnitt-Alternativen wie das Nationale Bildungspanel sind aufgrund unzureichender Fallzahlen für viele Fragestellungen nicht repräsentativ auswertbar. Insgesamt scheint ein politischer Unwillen zu Transparenz und Rechenschaft im Bildungswesen vorzuherrschen.

Daten fehlen für Forschung und Verwaltung

Fehlende Daten über Bildungserfolg und -wirkung sind nicht nur ein Problem für die Forschung, sondern erschweren die alltägliche Praxis in der öffentlichen Verwaltung. Ein Beispiel ist das undurchsichtige Übergangssystem zwischen Schule und Beruf: Haben Schüler erst einmal das Schulsystem und damit die Verantwortung der Kultusministerien der Länder verlassen, „verschwinden“ sie für einige Zeit aus den amtlichen Daten. Läuft es gut, tauchen sie als Auszubildende, Beschäftigte oder Studierende in anderen Datenquellen wieder auf. Läuft es weniger gut, bleiben sie zunächst für die Politik unsichtbar. Solange, bis es zu spät ist – und sie in die sozialen Sicherungssysteme gefallen sind.

Viele verschiedene politische Player scheinen verstanden zu haben, in welchem evidenzlosen Blindflug sich die deutsche Bildungspolitik befindet. Die Diskussion nimmt etwas Fahrt auf. Zumindest denkbar scheint, dass der Forschung Bildungsverlaufsdaten, also die Erfassung individueller Schüler:innen-Laufbahnen, bereitgestellt werden. Doch selbst ein umfassendes Bildungsverlaufsregister kann nur ein Baustein sein. Denn evidenzbasierte und wirkungsorientierte Bildungspolitik muss heißen, nicht nur die Bildung selbst zu vermessen, sondern vor allem auch deren gesellschaftliche Auswirkungen!

Eine solche Bildungspolitik kann Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik zugleich sein.  Die erhofften Effekte guter Bildungspolitik sind breit gestreut: Internationale Studien zeigen, dass bessere Bildung und geringere Bildungsungleichheit starke Auswirkungen auf Armut, Gesundheit, Kriminalität haben kann. Die soziale Bildungsrendite, also der gesellschaftliche Mehrwert besserer Bildung, der nicht etwa allein durch individuell verbesserte Arbeitsmarktchancen abgegolten ist, überschreitet die private Rendite dabei erheblich!

Arbeitsmarkts- und Bildungsdaten verknüpfen!

Wie aber wollen wir die gesellschaftlichen Auswirkungen guter und schlechter Bildungspolitik auf gesellschaftliche Zielgrößen bestimmen? Eine über reine Bildungsdaten hinausgehende Verknüpfung etwa mit Arbeitsmarktdaten und Daten der Sozialversicherung ist unter bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen noch nicht möglich. Diese umfassende Datenbasis zu schaffen, ist besonders schwierig: Denn dafür müssen Bund und Länder über Verantwortungsgrenzen hinweg und unterschiedliche Ressorts zusammenarbeiten. Allen Beteiligten stünde es gut, über den eigenen Verantwortungsbereich und die laufende Legislaturperiode hinaus eine solche dringend benötigte Datenbasis auf den Weg zu bringen.

Ein Blick in unsere Nachbarländer zeigt, dass eine umfassende Verknüpfung von Datenquellen keine utopische Wunschvorstellung eines datengierigen Wissenschaftlers ist, ebenso wenig eine Orwell’sche Dystopie des gläsernen Schülers. Dänemark und die Niederlande stellen seit vielen Jahren umfangreiche Bevölkerungsdaten zu Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit und dem Justizsystem (und vielem mehr) zur Verfügung. Und das alles DSGVO-konform, anonymisiert und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen, sodass ein Missbrauch weitestgehend ausgeschlossen ist.

Politiker müssen sich an Daten messen lassen

Die internationale Forschung zeigt eindrucksvoll, wie wissenschaftlicher Zugang zu verknüpften Registerdaten Evidenz für wirkungsorientierte Politik liefern kann: etwa darüber, wie kleinere Klassen sich positiv auf späteren Arbeitsmarkterfolg in Schweden auswirken. Oder inwiefern ein früheres Schuleintrittsalter spätere Kriminalitätsraten der betroffenen Schüler beeinflusst. Oder aber wie zusätzliche verpflichtende Schuljahre die Lebenserwartung in den Niederlanden erhöht. Verknüpfte Registerdaten ermöglichen, langfristige Wirkungen bildungspolitischer Stellschrauben über den direkten Bildungseffekt hinaus zu evaluieren. Sie vermeiden den bildungspolitischen Blindflug. 

Bildungsdaten bereitzustellen und auszuwerten, bedeutet immer auch, dass sich Politikerinnen und Politiker der Verantwortung für die eigenen Entscheidungen stellen – bisher sicher kein Primat der deutschen Politik. Aber die dramatische Bildungsnotlage, die sich in den jüngsten Bildungstrends wiederholt gezeigt hat, sollte alle Beteiligten motivieren, das aktuelle Momentum zu nutzen. Das würde den Rückstand zu unseren Nachbarländern verringern – und die Bildungspolitik hierzulande auf eine evidenzbasierte und wirkungsorientierte Basis stellen.

Der Bildungsökonom Ingo Isphording forscht am IZA (Institut zur Zukunft der Arbeit) in Bonn. Dort koordiniert er das internationale Forschungsnetzwerk „Economics of Education“. Er ist Affiliate am Münchner Center of Economic Studies und am ifo-Institut.

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