„Wir sollten jede ukrainische Lernressource nutzen“

Auf dem Foto ist Sabine Czerny zu sehen: Sie setzt sich für geflüchtete Schüler aus der Ukraine ein
Sabine Czerny

Frau Czerny, wie sollten wir aus der Ukraine geflüchtete Kinder in die Schulen integrieren? 

Das Wichtigste ist in meinen Augen, dass diese jungen Menschen erst mal ankommen können. Schulpflicht hin oder her, die Kinder sind oft unter extrem schwierigen Umständen geflüchtet. 

Manche Geflüchtete fangen trotzdem sofort mit dem Lernen an.

Wenn sie lernen wollen, kann und sollte es natürlich gleich losgehen. Lernen und Schule geben immer auch eine gewisse Struktur. Sie sorgen für Normalität. Klassenzimmer heißt ja auch Gemeinschaft. Kinder finden mit ihresgleichen zusammen. Vielleicht lernen sie neue Freunde kennen. Und dann hilft den Kindern der zweite Aspekt von Schule: sie haben eine Aufgabe, sie, konzentrieren sich auf anderes. 

Ist eine separierte Willkommensklasse der richtige Ort für ukrainische geflüchtete Kinder? 

Für den Anfang kann ich mir gut vorstellen, dass die ukrainischen Kinder erst mal unter sich bleiben. Ich glaube, dass sie das Bedürfnis nach Austausch haben. Und diese Kinder sprechen nun mal eine Sprache. 

Es gibt aber nicht wenige Experten, die für eine frühe oder gar sofortige Integration in eine Regelklasse plädieren. 

Wenn die Kinder bleiben, ist die Integration in eine Regelklasse natürlich das Ziel und ja, je schneller, umso besser. Um ein undifferenziertes Sprachbad effektiv zu nutzen, braucht es aber erst einmal eine Basis, einen Grundwortschatz. Gar nichts zu verstehen ist extrem anstrengend und führt auch zu nichts. Und in den Regelklassen ist oft kaum Zeit und Möglichkeit, einzelnen Kindern, die noch dazu kein Wort verstehen, grundlegende Dinge oder Fehlendes parallel zum Regelunterricht zu lehren. 

Anders als 2015 sollen Lehrpersonen aus der Ukraine in den Schuldienst übernommen werden. Obendrein gibt es nicht wenige digitale Lernportale mit ukrainischen Inhalten. Ist das hilfreich?

Wir sollten jede Lernressource nutzen, die vorhanden ist. Ich arbeite zum Beispiel mit digitalen Übersetzungsprogrammen. Das ist mein wichtigstes Hilfsmittel – gerade in Klassen, in denen viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Es wäre also toll, ukrainische Lehrerinnen mit in den Willkommensklassen zu haben.

Sie unterrichten selbst eine Willkommensklasse in der Grundschule. Wie würde Ihre ideale Deutschklasse für ukrainische Kinder aussehen?

In einer Willkommensklasse ist es wichtig, dass die Kinder zunächst möglichst beiläufig einen passiven Sprachschatz aufbauen. Sie sollen dabei Spaß haben – nur so bleiben sie offen für einen doch an sich sehr anspruchsvollen Spracherwerb. Das geht gut etwa über Lieder, Gedichte und ein gelenktes Sprachbad. Dass sie Lesen lernen ist auf keinen Fall von Nachteil, auch wenn die Kinder wieder gehen, denn die Buchstaben unseres Alphabets gibt es ja in ganz vielen Sprachen. Rein fachlich gesehen, ist es hilfreich, möglichst früh den Lernstand zu bestimmen. Denn wir werden wahrscheinlich sehr heterogene Klassen bekommen. 

Wie ermitteln Sie den Lernstand bei Kindern einer fremden Sprache?

Ich habe mir dafür einen eigenen kleinen Test entwickelt. Er gibt mir relativ schnell Auskunft darüber, wo die Kinder stehen. Das ist ein simples DIN A4-Blatt, das die Kinder bearbeiten. Eines für Sprache und eines für Mathematik. Ich erkenne viel daran, was die Kinder dort ausfüllen – und auch wie sie es tun. 

Was sollen ukrainische Kinder in einer Willkommensklasse lernen? Nur Deutsch oder auch Fächer? 

Das hängt von der Zielsetzung ab. Wenn diese Kinder mit ihren Familien in Deutschland bleiben wollen, dann geht es darum, sie möglichst schnell in die Regelklasse zu integrieren, damit sie auch eine Chance auf den Besuch einer weiterführenden Schule haben. Die Sprache ist die Basis von allem. Das ist aber gar nicht trivial bei ukrainischen Kindern. 

Warum, das Bildungsniveau der Ukrainer gilt doch als recht hoch?

Ja, aber diese Kinder haben die kyrillische Schrift zu lesen gelernt, d. h. sie haben ein ganz anderes Zeichensystem. Sie müssen gewissermaßen mechanisch neu lesen lernen und sie müssen die neue Sprache auch schreiben lernen. Dazu gehört letztendlich nicht nur die Druckschrift, sondern auch die Schreibschrift, in der bei uns ab der 2. Klasse alles notiert wird. Es gibt also viel zu lernen in kurzer Zeit. Sprache – mit allem, was dazu gehört, wie sprechen, verstehen, lesen, schreiben – unterschätzen wir im Lernprozess sehr, weil es für uns selbstverständlich ist. 

Was würden Sie in Willkommensklassen vermeiden?

Noten. Ich halte Noten ohnehin für schädlich im Lernprozess und für die Lernmotivation. In einer Willkommensklasse sind sie meines Erachtens fehl am Platz. 

Warum?

Lernen, das auf Proben ausgerichtet ist, ist ein anderes Lernen. Da geht es darum, etwas aktiv und schriftlich wiederzugeben, im Fall der Willkommensklassen z. B. am Ende der Woche zehn Wörter Deutsch, die jeden Tag geübt wurden. Stellen Sie sich vor, Sie würden in Saudi-Arabien in einer Sprache mit Schriftzeichen, die Sie nicht kennen, solch einer Prüfung mit Noten ausgesetzt. Das löst einen ungeheuren Druck aus, verengt das Lernen und nimmt dem Sprachenlernen die Leichtigkeit. 

Wie sieht Ihr Weg aus?

Mir wäre gerade bei geflüchteten und häufig traumatisierten Kindern viel wichtiger, dass das Lernen zunächst so entspannt und nachhaltig wie möglich abläuft. Sie sollen das Gelernte in Ruhe mit ihrem eigenen Wissen vernetzen können. Lernen bedeutet am Anfang, dass man sehr viel unbewusst und passiv aufnimmt, um eine breite Basis zu legen. Noten sind da kontraproduktiv. Wenn überhaupt, machen Lernstandserhebungen Sinn. Wichtig ist, dass ich einem aufnehmenden Kollegen oder einer Kollegin mitteilen kann, was der Schüler bereits gelernt hat und wo es anzusetzen gilt. 

Aber ist es nicht wichtig, für den Übertritt in die Sekundarstufe Noten zu bekommen? 

Wenn die Kinder hier in Deutschland bleiben, dann werden sie unweigerlich mit unserem Prinzip der Auslese konfrontiert. Dazu gehören dann auch Noten. In einer heterogenen Gruppe wie in einer Willkommensklasse sind Noten aber untauglich. Noten bedeuten Vergleich mit anderen – das hat in einer Klasse, die vom Alter und vom Lernstand extrem heterogen ist, keine Aussagekraft. Dort sind ganz andere Sachen wichtig.

Welche meinen Sie? 

Individualisierung und Freude. 

Aha.

Mein Job als Lehrerin einer Willkommensklasse besteht im Wesentlichen darin, eine gute Mischung zu finden. Wie gelingt es, dass die Kinder gemeinsam lernen können – und ich gleichzeitig individuell auf die Stärken und Defizite der einzelnen eingehen kann? Was mir mit am Allerwichtigsten ist: schöne einzelne Momente zu kreieren. Das Herz der Kinder ansprechen, sodass man auch wieder mal ein Lächeln sieht. Dazu gehören die künstlerischen und musischen Aktivitäten. Und eben insgesamt ein gutes Klima mit viel Freude. 

Sabine Czerny ist Lehrerin, Autorin und prononcierte Kritikerin des deutschen Schulsystems. Weil ihre Klasse zu gute Noten erhielt, wurde sie strafversetzt. Bekanntheit erlangte sie durch ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.

Mehr zum Thema

    SWK-Gutachter sehen Teilzeit als „größte Beschäftigungsreserve“
    Jedes Land kämpft für sich allein
    „Du bleibst – oder wir machen Dich arm“
    Wettlauf der KI-Tools um Schule