„Wir sind valider als der alte Brockhaus“

Thomas Littschwager ist auf dem Foto zu sehen, Geschäftsführer des neuen Online-Format Brockhaus
Brockhaus-Chef Thomas Littschwager.

„Der verlegerische Erfolg Friedrich Arnold Brockhaus‘ beruhte unter anderem auf der zügigen Verbreitung von Wissen.“ Das schreibt der Brockhaus über F.A. Brockhaus. Wie wollen Sie das heute schaffen, Herr Littschwager, wo Informationen überall in Echtzeit verfügbar sind?

Wir haben nicht den Anspruch, dass wir stets tagesaktuell sind. Wir wollen keine Newsredaktion sein. Die Redaktion prüft, ob eine Information langfristig Gültigkeit beanspruchen kann – erst dann pflegen wir sie in unsere Artikel ein. 

In welchen Bundesländern sind Sie mit dem Online-Brockhaus bereits an Schulen?

Aktuell sind wir in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern vertreten. In anderen Ländern nutzen einzelne Schulen unseren Service.

Wollte nicht auch Niedersachsen Brockhaus-Lizenzen kaufen?

Wir sind noch im Gespräch. 

NRW zahlte nicht 2,6 Millionen für Brockhaus

Wie viel Umsatz erzielen Sie mit Schullizenzen von Brockhaus-Online? In NRW sollen es 2,6 Millionen Euro sein – für drei Jahre. 

Das war leider von Anfang an falsch berichtet. Nordrhein-Westfalen hat letztes Jahr 2,6 Millionen Euro für Unterrichtsinhalte ausgegeben. Wir sind nur ein Teil dieses Angebots. 

Welcher Betrag ist korrekt?

Konkrete Zahlen kann ich nicht kommunizieren.

Warum sollten Schulen für eine geschlossene Lernwelt bezahlen, wenn sie – wie bei Ihnen – immer wieder hinaus in den Cyberspace geführt werden, etwa zu YouTube

Unser Ansatz ist, Schüler:innen das beste Lernmaterial zur Verfügung zu stellen. Wenn es draußen tolles Material gibt, warum sollten wir es nicht für ergänzende Infos verwenden? 

Haben Sie eine Crowd, die von außerhalb bei Ihnen mitarbeitet? 

Wir haben rund 100 externe Autor:innen, die aber im Unterschied zu Wikipedia für ihre Arbeit bezahlt werden. Die sind übrigens sehr genau ausgewählt. Eine Redaktion von derzeit sieben Leuten trifft die Auswahl, wer schreibt und was geschrieben wird.

Es waren mal 300 AutorInnen und Brockhaus-Redakteure. Sind von denen welche übrig? 

Nein, in der Redaktion nicht. Mit dem alten Brockhaus-Verlag haben wir eigentlich nichts mehr zu tun. Wir besitzen die Marke und die Inhalte, die wir seit 2018 aktualisieren. Vor einem halben Jahr haben wir dabei die Schlagzahl wesentlich erhöht. 

„Wikipedia-Texte für Kinder viel zu kompliziert“

Wie will Brockhaus mit einer Echtzeit-Enzyklopädie mithalten? Wikipedia ist auch keine Newsredaktion. Trotzdem steht dort, wenige Minuten nachdem die Moskwa gesunken ist, alles über dieses russische Kriegsschiff.

Wir sind nicht in Echtzeit dabei, trotzdem sind wir so valide wie der alte Brockhaus – im Vergleich sind wir sogar viel valider. Der alte Brockhaus kam nur alle paar Jahre neu raus. Unser Ziel ist es, Informationen in der Enzyklopädie zur Verfügung zu stellen, die einer Überprüfung standhalten. Und wir schreiben die Texte zielgruppengerecht. Deswegen existieren drei Versionen der Enzyklopädie: eine für Erwachsene, eine für Jugendliche und eine für Kinder. Mag also sein, dass Wikipedia schneller ist als wir – aber deren Texte sind schwerer lesbar. Gerade für Schüler sind sie oft viel zu kompliziert geschrieben.

Auch im Schulbereich wartet scharfe Konkurrenz auf Sie. Mundo hat eine Spezialistenredaktion in München. „Wir lernen Online“ (WLO) baut ein riesiges Crowd-Netzwerk auf. Haben Sie da keinen Bammel? 

Wir haben Respekt vor allen Mitbewerbern. Unser Alleinstellungsmerkmal lautet: Was in unseren Nachschlagewerken und Lehrmaterialien steht, ist nach bestem Wissen und Gewissen nachweislich korrekt. Je größer die Redaktion wird, desto näher kommen wir diesem Ziel. 

Mundo und WLO prüfen ebenfalls sorgfältig. Mundo macht es jetzt möglich, dass Lehrer aus dem Meer der 800.000 Lehrkräfte eigene Unterrichtsideen hochladen können. Gibt es das auch bei Ihnen? 

Derzeit noch nicht.

30 Bände Leder-Brockhaus im Online-Format

Haben es eigentlich alle 30 Bände des Leder-Brockhaus in den digitalen geschafft? 

Ja, das Wissen dieser Bände ist auf unserer Plattform – und zum Teil schon seit längerer Zeit digitalisiert. 

Gilt der Transfer aus Buchdeckeln ins Netz schon als Digitalisierung?

Ich finde ja. Wir haben zwei digitale Geschäftsmodelle. Erstens verkaufen wir unsere Online-Enzyklopädie an Bibliotheken. Die zweite Linie ist, dass die Enzyklopädie, die Online-Kurse und unser Lernmaterial die Digitalisierung der Schulen voranbringt. 

Digitalisierung heißt: Schnelligkeit, Kollaboration, Reziprozität. Kann ein Schüler Ihnen Feedback geben? 

Natürlich haben wir eine Feedback-Funktion und zwar in verschiedenen Formen: von Chatbot bis E-Mail-Adresse. Das wollen wir auch weiter ausbauen, weil wir von unseren Kund:innen lernen wollen.

Brockhaus-Online ohne offene Kommentarspalte

Feedbackkanäle sind aufwändig. Wer kuratiert Ihre Leserbriefe? 

Vorsicht, Missverständnis! Wir haben keine offene Kommentarspalte. Das Feedback geht zunächst an eine Serviceabteilung, die die relevanten Sachen an die Redaktion weitergibt. 

Was setzen Sie ausgefeilten Digitalangeboten wie Sofatutor oder Simpleclub entgegen? Dort spielen Profis hochwertige Lernvideos auf Millionen Smartphones?

Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu Simpleclub & Co. Die haben bisher eher einen Fokus auf den Nachmittag. Wir wollen in den Vormittag, in den richtigen Unterricht. Wir stellen von den Ministerien geprüfte Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, die im Unterricht zugelassen sind – also vergleichbar zu einer modernen Version des klassischen Schulbuchs, wie es Cornelsen oder Klett oder Westermann produzieren.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach das digitale Klassenzimmer der Zukunft aus? 

In meinen Augen wäre das ein hybrides Klassenzimmer, in dem Lehrer:innen Wissen nicht mehr mit Kreide an der Tafel entwickeln, sondern unterstützt von einem intelligenten Board. Mit einem Wisch können Lehrer diese Inhalte auf die Tablets der Schüler spielen – sodass diese im digitalen Raum selbst aktiv werden können.

Und Papier gibt’s keins mehr? 

Doch, Papier ist weiterhin notwendig. Das Setting, das ich beschreibe, heißt gerade nicht, dass Schüler:innen nie wieder etwas in einem Heft oder auf einem Notizblock aufschreiben. Sie verwenden das Medium, das am besten zur aktuellen Lernsituation passt.

„Objektive Inhalte“ für Schulen

Auf Ihrer Homepage heißt es: Lernende bräuchten „vor allem objektive Inhalte“, um Informationen bewerten zu können. Wie kommen Sie denn auf objektive Inhalte?

Unser Anspruch ist es auf jeden Fall. Es wird mehrfach überprüft, was in unserem Nachschlagewerk steht. Auch wenn es eine hundertprozentige Objektivität natürlich nicht geben kann. Ich sage nicht: „Vertraut blind unserem Nachschlagewerk!“ Sondern: „Lernt, wie ihr Informationen am besten prüfen könnt!“

„Unter der Firmierung Brockhaus | NE GmbH vollzieht das Unternehmen eine Wandlung vom Wissens- zum Bildungsanbieter.“ Was meinen Sie damit? 

Wir sind gestartet mit dem reinen Wissensangebot des Nachschlagewerks. Nun entwickeln wir uns weiter, indem wir umfassende Lehrmaterialien, kompetenzorientierte Aufgaben und Übungen mit in das schulische Programm aufnehmen.

Wenn ich mir Ihr Portal anschaue, finden sich dort bislang nicht besonders viele kompetenzorientierte Aufgaben.

Ja, aber wir bauen jetzt mit Hochdruck Lerninhalte einzelner Fächer auf, die für bestimmte Jahrgangsstufen gelten.  

Das können Portale, die mit Learning Analytics arbeiten, schon seit zehn Jahren.

Der wichtige Unterschied ist: Wir bieten das im Klassenzimmer an. Der Mehrwert für Lehrer:innen im Unterricht wird sein, dass diese Materialien sehr differenziert auf einzelne Schülergruppen bezogen sind. Das heißt eine Lehrkraft wird mit uns viel genauer auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler eingehen können und das ganze von Ministerien abgesegnet. 

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