Ukrainische Lehrerinnen im Länder-Labyrinth

Auf dem Foto sieht man Iryna Melnyk, sie ist eine der ukrainische Lehrerinnen im Länder-Labyrintht
Lehrerin Iryna Melnyk aus der Ukraine: Hatte Glück, in Sachsen gelandet zu sein.

Zwei Monate lang musste Daryna Boyko* Däumchen drehen. Dann, zwei Wochen ist das her, stand sie zum ersten Mal vor einer Klasse in Deutschland. Boyko kommt aus dem stark zerstörten Charkiw, spricht perfekt Deutsch. Als sie Anfang März nach einer Odyssee in Sachsen-Anhalt ankam, sah alles so einfach aus. Die Schulminister hatten beschlossen, den geflüchteten ukrainischen Lehrerinnen schnell Arbeit zu geben. Aber dann fand sich Boyko in einem Labyrinth aus Zuständigkeiten wieder.  

Sie ist kein Einzelfall. Überall in der Bundesrepublik setzten ukrainische Lehrerinnen Hoffnungen auf das Versprechen der Schulminister der Länder. Immerhin sind bereits 113.000 ukrainische Kinder und Jugendliche an deutschen Schulen registriert. Und es herrscht dramatischer Lehrkräftemangel. Dennoch geht jedes Land anders mit den Lehrerinnen um.

Sachsen etwa stellte für rund 6.600 geflüchtete Schüler insgesamt 262 Lehrer ein, die meisten aus der Ukraine, schreibt das Kultusministerium. In Baden-Württemberg sind 17.000 Schüler registriert; dort arbeiten bisher 409 zusätzliche Lehrkräfte im Dienst des Landes, von denen nur 128 ukrainisch sind. Reichen wird das wohl nicht. Das Institut der deutschen Wirtschaft geht davon aus, dass die Kultusminister zwischen 13.000 und 20.000 zusätzliche Lehrkräfte nur für die geflüchteten Schüler:innen brauchen werden.

Wenn das Bundesland nicht hilft, braucht es gute gute Kontakte

Sachsen schlug, das zeigen Gespräche mit Lehrerinnen, einen erfolgreichen Weg ein. Exemplarisch dafür steht die Geschichte von Svitlana Shchehliuk. Sie kam bereits Ende Februar aus Lwiw in Sachsen an. Das Dresdner Kultusministerium hatte kurze Zeit nach Kriegsbeginn Stellen für Lehrkräfte aus der Ukraine geschaffen, eine davon ergatterte Svitlana Shchehliuk. Nun ist sie am Dresdener LEO-Gymnasium angestellt und unterrichtet die ukrainischen Kinder in ihrer Sprache, in Geografie und Literatur – nach ukrainischen Lehrplänen. „Alle sind freundlich zu mir und ich habe nicht das Gefühl, überprüft zu werden„, sagt sie über ihre Schule. Anfangs dachte sie, sie müsse nur einige Wochen in Deutschland bleiben. Doch allmählich realisiert sie: Ein Ende des Kriegs in ihrer Heimat ist nicht in Sicht. „Ich warte jeden Tag auf gute Nachrichten aus der Ukraine„, sagt sie.

NRW: 18.000 Geflüchtete, nur 61 ukrainische Lehrkräfte

Julia Sokolova hatte Pech beim Bundesland, profitiert aber von einem starken Netzwerk. In Nordrhein-Westfalen hat das Schulministerium bisher nur 61 ukrainische Lehrkräfte eingestellt, während schon mehr als 18.000 schulpflichtige Ukrainer:innen angekommen sind. NRW lässt sich bei der Aufnahme der Geflüchteten lieber von Lehramtsanwärtern unterstützen, die ihre Stunden freiwillig erhöhen.

Auf dem Foto sieht man Julia Sokolova, sie ist eine der ukrainische Lehrerinnen im Länder-Labyrintht
Die ukrainische Lehrerin Julia Sokolova kann perfekt Deutsch – und hatte ein gutes Netzwerk. Trotzdem gibt ihr das Land NRW nur einen Honorarvertrag.

„Bei uns ist schon seit acht Jahren Krieg„, sagt Julia Sokolova. Zusammen mit ihrer 15-jährigen Tochter wohnte sie in einem Vorort von Donezk, im Donbass. Über Rumänien und Österreich flüchteten die beiden im Frühjahr ins Münsterland. Am 5. April kamen sie dort an, tags drauf empfing sie schon die Schulleiterin des Gymnasiums in Telgte. Drei Diplome kann die 47-Jährige vorweisen: eins für deutsche und englische Literatur, eins für Dolmetschen und ein weiteres für Marketing. Zuletzt arbeitete sie in der Ukraine im PR-Bereich, auch für deutsche Firmen. Dieses Netzwerk half ihr. Einer ihrer Auftraggeber knüpfte den Kontakt zur Schulleiterin im Münsterland.  

„Bei mir lief alles total freundlich und perfekt“, sagt Julia Sokolova. Sie bekam an der Schule schnell einen Honorarvertrag. Vier Stunden pro Woche hilft sie in der Willkommensklasse aus, die eine deutsch-russische Kollegin für sechs ukrainische Jugendliche anbietet. Eine richtige Anstellung würde Julia Sokolova sofort annehmen. Nun wartet wartet sie auf das Jobcenter, das für die meisten ukrainischen Geflüchteten ab dem heutigen 1. Juni zuständig ist. „Die können mir hoffentlich einen Vollzeitjob vermitteln“, sagt sie.  

Baden-Württemberg erwartet perfekte Deutschkenntnisse 

Auch Alina Belous*, die nach Baden-Württemberg floh, hat noch keine ordentliche Anstellung erhalten. Die Lehrerin spricht zwar fließend Englisch, aber kein Deutsch. Das Stuttgarter Ministerium stellt „grundsätzlich“ nur Lehrkräfte ein, die Deutsch sprechen können anders als Sachsen, das die Sprachanforderung auf das Niveau B2 absenkte. Dort können die Ukrainerinnen auch nach und nach Deutsch lernen.  

Bei Belous hat es Wochen gedauert, bis sie auf Stundenbasis in einer Grundschule arbeiten konnte. Das Honorar, das sie erhält, reicht nicht zum Leben. Zum Glück unterstützte sie eine Initiative in dem kleinen Ort in der Region Stuttgart. Der Kegelverein bat die Englischlehrerin, mit geflüchteten Kindern dreimal in der Woche vormittags eine Übergangsschule zu organisieren. Bis zu 17 ukrainische Schüler:innen jeden Alters und aus jeder Provinz der Ukraine lernten mit ihr.

„Ohne Alina gäbe es hier keine Schule, bei ihr laufen alle Fäden zusammen“, sagt der Vorsitzende des Vereins zu Bildung.Table. Zusätzlich loggen sich die Kriegsflüchtlinge bei ihren ukrainischen Online-Schulen ein. Vom Kultusministerium haben sie dafür keine Unterstützung erhalten. Deswegen organisierte der Kegelverein alles selbst: Alina Belous bekam 300 Euro Unterstützung pro Monat. Um den Online-Unterricht zu ermöglichen, richtete der Verein Computerarbeitsplätze ein. Kosten: etwa 10.000 Euro. 

Land schickt Lehrerinnen über den Sommer in die Arbeitslosigkeit

Der Verein half Alina Belous auch, den Behördendschungel zu durchforsten. Wenn sie Glück hat, bekommt sie bald eine zweite Schule hinzu, an der sie auf Honorarbasis arbeiten kann. Freilich: Dieses Glück dann nur von kurzer Dauer sein. Baden-Württemberg hat angekündigt, dass die ukrainischen Lehrer:innen sich über die Sommerferien hinweg arbeitslos melden sollen. Viele deutsche Lehrkräfte im sparsamen Südwesten teilen das gleiche Schicksal.

Im März hatten die Kultusminister eine eigene Taskforce Ukraine „zur zentralen Koordinierung“ gegründet. Die Geschichten aus den Ländern zeigen: So viel wurde nicht koordiniert und vereinheitlicht (Bildung.Table berichtete). Jedes Bundesland macht es so, wie es will. Und die ukrainischen Lehrerinnen müssen sich irgendwie zurechtfinden. Sie sind auf Glück angewiesen – und zufällige Kontakte. 

Sachsen will Anzahl der ukrainischen Lehrkräfte verdoppeln

Beides hatte Iryna Melnyk. Sie kam Anfang März in Dresden an. Heute unterrichtet sie an der Grundschule Siebenschwaben Erst- und Zweitklässler auf Ukrainisch. „Der Unterricht folgt dem Lehrplan des ukrainischen Bildungsministeriums“, sagt sie. Auch ihr Arbeitsvertrag ist befristet und endet am 22. Juli. Sollte der Krieg aufhören, will Iryna zurück in ihre Heimat gehen. Kommt es anders, wünscht sich die Lehrerin eine Perspektive in Deutschland, das heißt: einen langfristigen Arbeitsvertrag. Sachsen hat bereits angekündigt, die zusätzlichen Stellen im kommenden Schuljahr auf 400 zu verdoppeln

„Ich bin dankbar und zufrieden, auch mit der Bürokratie„, sagt Iryna Melnyk. Viele Dokumente habe sie vorlegen müssen, doch sie habe den guten Willen des Staates gespürt. Svitlana Shchehliuk weiß die deutsche Bürokratie aber auch zu schätzen. Ihre Schüler hätten ihr letztens einen Schnellhefter gezeigt, der von hinten befüllt wird, damit die erste Seite immer die erste bleibt. „Das kannte ich vorher nicht“, erzählt sie. (Mit Christian Füller und Niklas Prenzel)

*Die Namen der Lehrerinnen aus Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg sind Bildung.Table bekannt. Wir nennen sie hier bewusst nicht, um keine Nachteile für sie in der unsicheren Situation zu erzeugen.

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