Sofatutor: „Tracking war nicht vorgesehen“

Man sieht Stephan Bayer, er geht von Lernvideos zur Lobby
„Technischer Fehler“: Stephan Bayer erläutert, wie es zum Tracking bei Sofatutor kam

Herr Bayer, Sie sind ein alter Hase im EdTech-Universum. Wie konnte es passieren, dass Sie Daten über Schüler erheben – und weitergeben? 

An einer Stelle in unserem Endkonsumentengeschäft ist letzte Woche ein technischer Fehler entdeckt worden. Entstanden ist er während der Entwicklung unserer Mobile-App durch die Verwendung einer sogenannten „Wrapper“-Technologie. Dabei wird eine mobile App basierend auf der Web-Browser-Version erstellt, die große Teile der Funktionalität beibehält. Daten erheben wir übrigens die ganze Zeit. Schulen, Schulträger und Länder wollen evaluieren, ob die Sofatutor-Lizenz eine sinnvolle Investition ist.

Und Ihre Programmierer haben nicht bemerkt, dass dabei in der App auch Tracker ausgewickelt wurden? 

Nein, Trackings von Werbepartnern waren hier nicht vorgesehen und machen dort auch keinen Sinn. Die Apps sind für uns kein Kanal zur Kundengewinnung, sondern vor allem eine Nutzungsmöglichkeit für bereits registrierte Kunden. Trotzdem hatte Herr Kuketz Recht zu beanstanden, dass werberelevante Trackings von Dritten hier zu finden sind. Genauer gesagt: zu finden waren. Wir haben alle Marketing-Trackings unmittelbar nach Erscheinen seines Artikels aus den beiden Apps entfernt. Sie dienten zu keiner Zeit einem Erkenntnisinteresse. 

Für Tiktok und Facebook in jedem Fall. Warum lassen Sie sich überhaupt darauf ein, mit derartigen Datenkraken zu kooperieren?

Da es bislang keine nennenswerte öffentliche Förderung gibt, haben wir uns ein weiteres Standbein entwickelt: den Verkauf an Endkunden, also Familien, Eltern, SchülerInnen direkt. Hier gehört die Online-Vermarktung über die üblichen Plattformen einfach dazu.

Ohne Tracking geringeres Wachstum

Sie wollen doch bitte Tracking bei Schülern nicht dadurch rechtfertigen, dass der Staat zu wenig Landeslizenzen vergibt?

Nein, das will ich nicht. Als innovatives Online-Lerntool sind wir dennoch abhängig davon, unser Angebot an ein breites Publikum zu kommunizieren. Unsere Werbe-Kampagnen laufen da, wo sich junge Leute und ihre Eltern nun mal aufhalten – bei TikTok beziehungsweise bei Facebook. 

Wozu tracken Sie da?

Weil wir hier herausfinden wollen – und müssen -, ob neue NutzerInnen beispielsweise durch eine Anzeige auf Facebook oder TikTok zu Sofatutor finden. Das machen auch andere werbende Online-Angebote wie Online-Shops, Entertainment-Angebote, Datingseiten, Direkt-Banking oder Jobbörsen.

Interessante Liste. 

Wir schließen neue Mitgliedschaften in erster Linie über die Website, also in der Browserversion ab. Ein Unternehmen wie unseres mit rund 250 Beschäftigten kann gar nicht anders überleben, als am Online-Werbemarkt teilzunehmen. Wir müssen auf dem Endkundenmarkt zu Nutzern kommen, denen unsere Anwendung beim Lernen hilft. Die einzige Alternative, unser Unternehmen profitabel zu führen und auch unserer Verantwortung als Arbeitgeber nachzukommen wäre, wenn Unternehmen, Schulen oder Länder Lizenzen für Sofatutor erwerben. Das geschieht auch heute schon, allerdings nicht in dem Ausmaß, dass es für ein gesundes Wachstum sorgt.

Aber hat Mike Kuketz nicht Recht, wenn er moniert, dass man die Nutzenden wenigstens auf das Tracking hinweisen muss?

Herr Kuketz hat uns auf einen Fehler hingewiesen, keine Frage. Aber beim Banner liegt er falsch. Neue Kunden finden, wie gesagt, nicht über die App zu uns, sondern über den Browser. Dort ist selbstverständlich ein Consent Banner – in dem die Trackings angekündigt werden. Interessenten können dem Tracking zustimmen oder die Einbindung von Drittanbietern natürlich auch ablehnen. Ohne die eine Refinanzierung unserer Investitionen gar nicht möglich wäre…

… außer Schulbehörden und -träger würden ihr Angebot stärker nutzen. 

Wir haben zwei Nutzungsszenarien. Sofatutor wird entweder in der Schule eingesetzt, das sind die Schul- und Lehrkräfte-Accounts. Oder privat von Eltern und Kindern, da sprechen wir von Endkunden-Accounts. 

„Unser Umsatz wird größtenteils aus dem Geschäft mit Familien generiert“

Aber auch die Nutzer, die über Schulaccounts kommen, benutzen doch die App. Es sind Schüler – und deren Daten haben Sie mit Facebook und TikTok geteilt. 

In der Nutzung durch Schüler:innen, entweder über bezahlte Zugänge über Schule, Länder oder Träger oder auch bei der Nutzung von durch Lehrkräften geteilten Inhalten, findet kein personenbezogenes Tracking statt. In diesen Fällen schließen wir einen Vertrag zur Verarbeitung der Daten ab. Beispielsweise werden in Länder mit Landeslizenz oder bei der Nutzung von Inhalten, die über Lehrkräfte geteilt wurden, die Apps gar nicht genutzt.

Wie viele ihrer Nutzer arbeiten in den Apps, wie viele über den Browser? 

Mehr als zwei Drittel unserer Nutzer:innen nutzen sofatutor über den Browser, knapp ein Drittel via App, davon entfällt der größte Teil auf die iOS App.

Wie viele Nutzer kommen über Landeslizenzen und wie viele als Endkunden?

Unser Umsatz wird größtenteils aus dem Geschäft mit Familien generiert.

Nochmal zurück zu den Nutzern über Landeslizenzen. Sie können garantieren, dass die personenbezogenen Daten von Schülern nun nicht mehr an Dritte weitergegeben werden?

Ja. Im öffentlich finanzierten Bereich der Schullizenzen wurden auch bisher keine Tracker eingesetzt. Und für Endkunden gilt: Stimmen Nutzer:innen und Besucher:innen der Website dem Consent-Banner zu, werden Daten teilweise eben auch durch die jeweiligen eingebundenen Drittanbieter verarbeitet.

Fließen Daten ohne Einwilligung an Facebook/Meta?

Nein. 

Hat Tiktok Zugriff auf das Nutzungsverhalten der Lernenden?

Nein.

Google?

Nein. 

Andere Start-ups beharren darauf, dass gute Datenanalysen innerhalb des Programmes ohne die einschlägigen Tools von Google gar nicht möglich seien. 

Es ist auch möglich, Daten von Nutzern ohne Google Analytics & Co. zu analysieren. Hier entsteht in den nächsten Jahren sicher noch mehr Angebot am Markt. Aber die Funktionsvielfalt der heute gängigen Analyse-Tools zu erreichen, ist ein hoher technischer Aufwand. Um mal einen Vergleich zu machen: Es ist so, als möchten Sie nach Australien reisen: Sie können einen Flug buchen oder ein Flugzeug bauen.

Vorurteile gegen Lernapps – von Politik und Öffentlichkeit

Müssen wir nicht grundsätzlicher über die Nutzung von Daten bei Lernanwendungen sprechen? Es ist ja interessant, über die Software zu erfahren, wie viele Aufgaben der Christian wann richtig macht – und wie er sich dabei von Stephan unterscheidet. Sonst machen adaptive Lernsysteme überhaupt keinen Sinn. 

Was Sie beschreiben, ist Teil des Problems einer Öffentlichkeit, die über Möglichkeiten von Software noch kaum informiert ist. 

Wo liegt der Widerspruch?

Einerseits wollen wir natürlich wissen und müssen es auch, wo – um die letzte Studie herauszugreifen – die Viertklässler eigentlich gerade stehen. Mit digitalen Lernanwendungen könnte man dazu sehr kurzfristig Wasserstandsmeldungen abgeben. Das heißt, wir müssten nicht mehr fünf Jahre von Studie zu Studie warten – und dann darüber rätseln, ob die Schüler nun wegen Corona oder wegen einer ganz anderen Ursache schlechter abschneiden. 

Und andererseits? 

Andererseits möchte die Öffentlichkeit auf keinen Fall, so scheint es jedenfalls, dass man die Lerndaten nutzt, um die Fortschritte von Christian und Stephan nicht nur beobachten, sondern positiv beeinflussen zu können. Genau das aber ist das Wertvolle an digitalen Lerntools. 

Ist es nicht ein denkbar ungeeigneter Zeitpunkt für ein Datenleck, drei Wochen vor dem Treffen von Kultusministern und Start-ups? 

Ich finde „Datenleck“ hier eine zu extreme Formulierung. Es sind ja keine Kundendaten mit Namen oder E-Mail-Adressen et cetera an Dritte geflossen. Dennoch, es ist ein Fehler. Dafür entschuldigen wir uns bei den Nutzern und unseren Peers, den deutschen EdTech-Startups. Wir hoffen, dass die Branche keine Rufschädigung erfährt. Seit Jahren arbeiten wir alle daran, die Vision von einer besseren, digitalen Schule mit konkreten Lösungen zu füllen. Unsere Branche erfüllt einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag – was während der Schul-Lockdowns deutlich wurde.

Trotzdem hält die Kultusbürokratie die EdTechs auf Sicherheitsabstand. 

Ja, bisher fördert die öffentliche Hand fast keine Firma ernsthaft. Es findet auch keine gemeinsame Entwicklung einer Vision von einer digitalen Schule zwischen Digital-Anbietern und Schulverwaltung statt. In 15 Jahren Sofatutor bin ich in Gesprächen mit Schulverwaltung und Politik häufiger über das Vorurteil gestolpert, dass die Start-ups vielleicht nicht die didaktische Qualität der Schulbuchverlage erreichen. Oder dass sie beim Datenschutz Fehler machen könnten. Nun haben ausgerechnet wir einen Fehler gemacht – ihn aber wenigstens schnell repariert.

Mehr zum Thema

    Ladestation für erschöpfte Lehrer gesucht
    Nature-Studie entdeckt große Corona-Lernlücke
    SWK-Forscherinnen zur Exzellenzinitiative: Wo ist die Evidenz?
    Länder ringen um Abkehr vom Königsteiner Schlüssel