Simpleclub digitalisiert Berufsbildung

Man sieht einen Ausschnitt aus der Lernapp Simpleclub, sie machen jetzt Lernvideos zu Berufsbildung
Die Lern-App für Azubis im typischen Simpleclub-Ton: „Was zur Hölle ist eine Ammoniakalische Netzmittelwäsche?“

Die unter Jugendlichen beliebteste Lernapp will die duale Ausbildung modernisieren: Simpleclub digitalisiert mit Lernvideos die Berufsbildung. Die Ausbildungsinhalte der Maler und Lackierer, Bank- und Industriekaufleute sind mithilfe der Industrie bereits als Videos, Aufgaben und Tests auf der Lern- und Videoplattform verfügbar. Derzeit arbeiteten 40 Mitarbeiter daran, den Stoff eines weiteren Dutzends von Berufen zu digitalisieren, teilte Simpleclub mit. Nach eigenen Angaben nutzten knapp 21.000 Auszubildende die Lern-App, um sich auf die Arbeit und Prüfungen vorzubereiten. Insgesamt gibt es 1,3 Millionen Lehrlinge in Deutschland.

Die Lernvideos sind auch für die Berufsbildung im typischen frechen Stil der Simpleclub-Erfinder Alexander Giesecke und Nicolai Schork gehalten. „Was zur Hölle ist eine Ammoniakalische Netzmittelwäsche?“, fragt der Sprecher im Video über Lackieruntergründe. „Aha, cool, und wo brauche ich sowas, bitte, im echten Leben?“ lautet die Frage bei Sortieralgorithmen. Dieser Stil stößt bei Lehrer:innen auf Kopfschütteln bis Empörung, kommt bei Jugendlichen aber häufig an. Und er ist erfrischender als bei der Konkurrenz. Die Erklärfilme bei WestermannsGeorg“ oder dem Unternehmen „Vocanto“ sind fachlich korrekt, aber lange nicht so munter. Die „Cornelsen-Ecademy“ hat mit ihrer automatisierten Stimme den Charme des „Pauk mit: Latein“ im Telekolleg des Bayerischen Fernsehens von vor 50 Jahren. Nur dass es heute bei Cornelsen vorgelesene Texte wie dieser sind: „Die elektrische Energie für die Energieversorgung wird zuvor aus einer anderen Energieform umgewandelt.“ 

Lernvideos Simpleclub Berufsbildung
Lernvideo der 70er Jahre: „Pauk mit: Latein“. 2021 während der Pandemie wieder in die ARD-Mediathek aufgenommen.

Simpleclub seit zehn Jahren mit Lernvideos für Schüler präsent

Simpleclub ist schon seit zehn Jahren auf dem Markt, anfangs nur mit Lernvideos, inzwischen mit einer App, die vom Karteikartensystem über Aufgaben bis zu virtueller Realität reicht. Die Videoschmiede der beiden Gründer Schork und Giesecke ist Objekt einer Hassliebe. Schüler verehren die kessen Lernvideos, die selbsternannte pädagogische Elite verachtet sie. Das Konsumieren von Videos löse bei Schülern zwar Euphorie aus, sei aber nicht mehr als Kompetenzsimulation. So kritisiert etwa der Erlanger Deutschdidaktiker Axel Krommer, Simpleclub habe ein „parasitäres Verhältnis zum Schulsystem“.

Am Anfang haben Unternehmen wie der Lackhersteller Brillux oder die Sparkassen die Produktion von Simpleclub-Lernvideos, Aufgaben und Tests für die Berufsbildung bezahlt. Seitdem finanziert das EdTech Simpleclub, das inzwischen rund 120 Mitarbeiter hat und 500 Millionen Klicks verzeichnet, die Digitalisierung des Lernpensums weiterer Berufe eigenständig. Bis Ende nächsten Jahres will die Azubi-Sparte von Simpleclub unter Alexander Powell 40 Berufsbilder in der App darstellen. Dann geht es nicht mehr nur um die Elektroniker und Mechatroniker sowie die vielen Kaufmannsberufe, die zusammen rund 750.000 Lehrlinge in Deutschland stellen, sondern auch um Handwerk und Gesundheitsberufe. Simpleclub registriert 200.000 Nutzungen der Azubi-Inhalte pro Monat

Beifall aus der Industrie: Zeitgemäßes Lernen mit Lernvideos

Aus der Industrie kommt Beifall für das digital unterstützte Lernen. Die Azubis des Gebäude-Digitalisierers „Johnson Consults“ etwa seien positiv überrascht gewesen über die Anschaffung von Simpleclub-Lizenzen, berichtet Ausbildungsleiter Tobias Loreth. „Das ist genau das, was wir brauchen“, hätten die Azubis gesagt. „Das ist in unserer Sprache, und ich habe direkt Lust weiterzulernen.“ Johnson Consults bildet ein Dutzend Berufsbilder aus, die von den Kaufleuten über die Elektroniker für Automatisierungstechnik bis zu Mechatronikern für Kältetechnik reichen. 

Obwohl Simpleclub diese Berufe nicht komplett abdeckt, hat das Unternehmen den Schritt gewagt. „Die Auszubildenden können die Themen, die sie gerade in der Berufsschule haben, nachschlagen und sich einfach aneignen„, sagte der Ausbildungsleiter. „Früher hat man dem Auszubildenden einen Gutschein für ein Buch überreicht, das geht nicht mehr.“ Heute gebe man ihnen einen überall verfügbaren Link. „Dann können die Azubis alle Themen, die sie für ihre Ausbildung brauchen, in ihrer Sprache finden. Das ist meiner Meinung nach zeitgemäßes Lernen.“ 

Hohe Erwartungen an Datenschutz und Abdeckung aller Berufe

Allerdings hat Johnson Consults auch hohe Erwartungen an Simpleclub. Das Problem sei, dass noch nicht alle Berufe abgebildet sind. „Für uns ist wichtig, dass bis Ende des Jahres der Hauptteil unserer zwölf Ausbildungsberufe in Simpleclub auftauchen“, sagte Loreth. Der 30-Jährige hat selbst als Schüler und Studierender Simpleclub genutzt. Ihn bewegen allerdings nicht Emotionen, sondern der Nutzen. „Ich sehe Simpleclub einfach als ein weiteres Buch – nur in einer neuen Form“, sagt er. „Das ist eine Möglichkeit, für eine Generation, die das Digitale gewöhnt ist, sich Informationen gebündelt und leicht aufbereitet anzueignen. Nicht mehr und nicht weniger“. Auch beim Datenschutz ist Loreth kritischer als die Azubis und manches Start-up. Das Thema Datenschutz sei bei den Azubis nicht präsent, sagt Loreth. „Aber für uns als Firma ist das extrem wichtig. Deswegen gehen unsere Azubis auch nicht mit ihrem vollen Namen und ihrer Mailadresse in die App, sondern komplett anonym.“ 

Intuitive Lernapps könnten helfen, zwei Probleme der dualen Ausbildung zu kontern. Erstens gibt es eine Reihe von Berufsschülern, die dem Medium Buch abhold sind; sie lassen sich möglicherweise durch kurzweilige Lernvideos besser motivieren. „Es gibt junge Leute, die du mit einem Arbeitsblatt nicht mehr engagieren kannst“, sagte Alexander Powell. Zweitens ist die Digitalisierung für die duale Ausbildung nicht nur ein Problem, sondern auch ein Hilfsmittel.

Berufsbildung wie in den 60er Jahren: analog

Das sieht man an Tobias Loreth. Wollte der Ausbildungsleiter alle seine 60 Azubis ohne digitale Kommunikationsmittel regelmäßig persönlich treffen, dann wäre er nur noch auf der Autobahn. Digital kann Loreth in regionalen Videocalls sich immer wieder die Sorgen und Nöte der Azubis anhören. „Es gibt leider nicht wenige Ausbilder und Betriebe, die noch wie in den 60er Jahren arbeiten – konsequent analog“, sagt Loreth. „Erst wenn wir die technische Entwicklung und die Lebenswelt unserer Azubis ernst nehmen, dann können wir die berufliche Ausbildung durch Digitalisierung wieder attraktiv machen.“ 

Das allerdings dürfte noch ein bisschen dauern. Die großen digitalen Plattformen für Azubis Cornelsen Ecademy, Simpleclub, Westermann Georg und Vocanto haben nach einer Umfrage von Bildung.Table zusammen um die 70.000 Nutzer. Das bedeutet, dass nur etwas über fünf Prozent der Lehrlinge ihre Smartphones und Laptops auch zum Lernen nutzen. 

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