„Wir könnten sofort in den Distanzunterricht wechseln“

Auf dem Foto ist Anjo Gernow zu sehen: Er und andere Schüler setzen sich gegen Präsenzunterricht ein und für Distanzunterricht
Anjo Gernow Portät, fordert stärkere Corona Maßnahmen an den Schulen

Vergangene Woche ist die 13-jährige Yasmin aus Hagen bundesweit bekannt geworden. Als Risikopatientin wollte sie nicht länger im Klassenzimmer unterrichtet werden. Sie baute Pult und Laptop auf dem Schulhof auf. Du hast Dich mit ihr auf sozialen Netzwerken solidarisiert. Warum?

Im Dezember habe ich mit anderen eine erfolgreiche Petition gestartet: #Kinderdurchseuchenstoppen. Mitstreitende der Petition haben mich auf Yasmin aufmerksam gemacht. Ich verstehe, dass sie mit Asthma nicht in einen überfüllten, unsicheren Klassenraum gehen möchte, wo sie Corona ausgesetzt ist. Sie will trotzdem Bildung genießen und ihrer Schulpflicht nachkommen. Dass sie das auf dem Schulhof macht, ist ein symbolischer Akt. Sie hat den öffentlichen Diskurs über die Präsenzpflicht noch einmal mehr angestoßen. Dafür bin ich dankbar. Auch Streiks und ähnliche Aktionen sind für viele jetzt denkbar.

Deine gesamte Stufe ist vergangene Woche in den Lockdown gegangen. Ist das ein Streik oder waren es zu viele Corona-Infektionen in der Schule?

Nach den Ferien hatten wir in der elften und zwölften Klasse viele Infektionen. Wir konnten nicht mehr nachvollziehen, wer mit wem Kontakt hatte oder in der Pause interagierte. Deswegen haben wir dann in Absprache mit der Schulleitung Distanzunterricht gemacht. Ein Streik ist das nicht.

Du schreibst an einem Forderungskatalog, der sich an Schulleitungen, Ministerien und Behörden richtet. Was wird darin stehen?

Wir wollen, dass Schulen und Kitas die empfohlenen Schutzmaßnahmen des RKI umsetzen. Dazu gehören die S3-Richtlinien, FFP2-Masken und Luftfilter. Menschen wie Yasmin, die eine Vorerkrankung haben, müssen selbst entscheiden können, ob sie in Präsenz oder digital lernen wollen. Auch Regierung und Ministerien müssen sich bemühen. Sie sollten allen Schüler:innen die Möglichkeit zum digitalen Distanzunterricht bieten. Statt Präsenzpflicht brauchen wir eine Bildungspflicht.

Wie willst Du das erreichen?

Wir wollen, dass man uns anhört und mit statt über uns spricht. Ich vernetze mich gerade mit anderen Schülersprecher:innen aus ganz Deutschland. So bekommen unsere Forderungen mehr Gewicht. Den Behörden würde klar, dass wir streiken – wenn die Schulpolitik unsere Forderungen weiterhin nicht umsetzt.

Nun werden die Schulen aus gutem Grund so lange wie möglich offengehalten. Mit Schulschließungen nimmt man soziale und psychologische Folgeschäden in Kauf.

Es stimmt natürlich, dass Distanzunterricht einigen leichter und anderen schwerer fällt. Die Chancenungerechtigkeit existiert aber schon sehr lange an deutschen Schulen. Jetzt heißt es, dass einige Kinder von zu Hause nicht lernen können. Hätte man das nicht früher, vor der Pandemie, erkennen können? Warum gibt es dann zum Beispiel noch Hausaufgaben und Hausarbeiten? Strukturell muss sich etwas ändern. Die psychische Gesundheit hat nicht exklusiv durch die Schulschließungen gelitten. Alle Schüler:innen sind von der Pandemie belastet – und dem Versagen der Politik. Warum fragt niemand, wie man Distanzunterricht besser machen kann, damit es nicht zu so angeblich hohen psychischen Belastungen kommt?

Du wirst jetzt wieder digital unterrichtet. Funktioniert das an Deiner Schule gut?

Schon im Jahr 1800 haben Schüler:innen die Schulbank im Klassenraum gedrückt. Dieses Modell ist mittlerweile veraltet. Es gibt so viele tolle Angebote, wie man auch digital lernen kann. Meine Schule gehört als digitale Modellschule zu einem Berliner Schulversuch.

Was bedeutet das?

Das Otto-Nagel-Gymnasium hat schon vor über zehn Jahren mit dem Wechsel zu digitalen Medien angefangen. So steht jetzt beispielsweise in jedem Raum ein modernes Smartboard. In mehreren Fächern testen wir, wie man Videospiele gut in den Unterricht einbinden kann. In der Coronazeit haben wir einen Avatar an die Schule bekommen. Das ist ein Roboter, der ein Long-Covid-Kind zu Hause in den Unterricht mit einbezieht. Ganz praktisch bedeutet Modellschule, dass wir bei einem Heizungsausfall sämtlichen Unterricht von zu Hause ersetzen konnten. Wir mussten also nicht in der Schule frieren. Aber wir saßen auch nicht ohne Unterricht zu Hause. 

Was ist der Vorteil digitalen Lernens für Dich?

Digitale Medien bieten ganz neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Man ist nicht mehr so von Ort und Zeit abhängig. Auch beim Projektmanagement fällt uns der Überblick deutlich einfacher. 

Hast Du ein Beispiel dafür? 

Vor einem Jahr sollten wir für meinen Englisch-Leistungskurs als Klausurersatzleistung ein Werbevideo produzieren. Wir haben schnell eine To-do-Liste geschrieben, im Gruppen-Chat angepinnt und einen Termin für ein Online-Treffen geplant. Bei Abweichungen konnten wir uns schnell gegenseitig informieren. Ohne moderne Tools wäre dieser Prozess deutlich lästiger gewesen. Bei uns kriegt jeder Schüler ab der siebten Klasse ein eigenes Laptop. Wir nutzen Microsoft Teams, um das ganze Homeschooling zu regeln, und Moodle als Plattform für Dateimanagement.

Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Moodle und Microsoft?

Meist teilt die Lehrkraft die Aufgaben über unser Lernmanagementsystem Moodle. Über MS Teams findet dann vor allem Kommunikation und Projektplanung statt. Im Unterricht läuft es so ab, dass die Lehrkraft am Anfang sagt, „geht mal auf Moodle. Ich habe gerade die Dokumente für diese Stunde freigegeben.“ Danach treffen wir uns auf Teams in Breakout-Räumen. Dort finden Gruppen- und Partnerarbeit sowie Präsentationen statt. Oder wir reichen die Arbeitsergebnisse wieder auf Moodle ein. 

Hat Euch in der Schule jemand erklärt, was das datenschutzrechtliche Problem der Nutzung von Microsoft ist? 

Es gibt leider kein Fach, in dem Lehrer erklären, wie man sich in der heutigen Zeit als Kind oder Jugendlicher im Netz zu bewegen hat. Vieles bringen wir uns selbst über YouTube-Videos oder durchs Ausprobieren bei. Auf einer früheren Schule war ich quasi der einzige, der wegen Datenschutz-Bedenken kein WhatsApp hatte. So habe ich wichtige Infos für die Schule gar nicht mitbekommen.

Und die neue Schule?

Meine jetzige Schule hat uns darüber aufgeklärt, dass Microsoft Teams nur ein Kompromiss ist. Wir haben in Europa leider noch keine richtige Konkurrenz für die Big-Tech-Angebote aus den USA. Das ist natürlich äußerst bedauerlich.

Bedauerlich ist auch, dass nicht alle Schulen so weit sind wie die Otto-Nagel-Schule.

Ja, als ich als Tutor während der Pandemie Ferienschulen betreut habe, war ich schockiert. An manchen Schulen sieht es mit der Digitalisierung schlecht aus. Ich bin wohl ein bisschen verwöhnt von meiner Schule. Wir könnten von jetzt auf gleich gut in Distanzunterricht wechseln. Aber das ist von oben einfach nicht erwünscht.

Anjo Genow, 17, geht in die zwölfte Klasse des Otto-Nagel-Gymnasiums in Berlin Marzahn-Hellersdorf. Er ist Schulsprecher, im Vorstand des Bezirksschülerausschusses und Mitglied der Partei Volt.

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