Schaffen die Schulen das?

Victoria Voytsitska ist vor zehn Tagen aus der Ukraine nach Polen geflohen, zusammen mit ihren zwei Kindern und ihrer Schwester, der Nichte und dem Neffen. Sie war einmal Abgeordnete im ukrainischen Parlament. Heute sitzt sie im Vorstand der Vereinigung ukrainischer Schulbuchverlage. Vielleicht ging sie auch deshalb schon wenige Tage nach Ankunft in Warschau in die nächste Schule, um Plätze für die Kinder zu ergattern. „Sie sollen so schnell wie möglich Normalität erleben.“ Soweit das geht, wenn das Dröhnen der Hubschrauber und die Detonationen der Bomben die Kinder allnächtlich vom Schlafen abhielt.

Die Schulleiterin hörte sich ihre Geschichte an, war verständnisvoll. Voytsitska bat um Plätze in einer Regelklasse und zusätzlichen Polnischunterricht von ukrainischen Mentoren. „Sie sollen bloß keine Ghettokids werden“, sagt sie. Aber es waren bereits zu viele geflüchtete Kinder in der Schule. Die Schulleiterin konnte keinen Platz mehr anbieten.

Tschechien startet Online-Plattform für ukrainische Schüler und Lehrkräfte

In den ukrainischen Nachbarstaaten ist der Großteil der mittlerweile mehr als drei Millionen ukrainischen Schutzsuchenden angekommen. Laut UNICEF sind die Hälfte davon Kinder. Nahrung, Unterkunft, Bildung – diese Grundbedürfnisse müssen gestillt werden. Weil vor allem Frauen und Kinder fliehen, ist die Frage der Schulbildung drängend. In Tschechien hat das Bildungsministerium zusammen mit einer Stiftung eine Plattform gestartet: Auf ihr vernetzen sich geflohene Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte. In eigenen ukrainischen Klassen können sie ihr Curriculum weiter lernen und an Abschlüssen arbeiten.

Auch die ukrainische Generalkonsulin, Iryna Tybinka, die vergangenen Woche mit den Kultusministern sprach, wünscht sich, dass ukrainische Geflüchtete in Deutschland nach ukrainischem Lehrplan unterrichtet werden. Ihre Hoffnung: Der Krieg ist bald vorbei und die Rückkehr nah. Diese Hoffnung berührt die bildungspolitischen Entscheidungen dieser historischen Tage und Wochen: Wie lange werden die ukrainischen Kinder und Jugendlichen bleiben?

Zwischen-Beschulung oder Langzeit-Beschulung

Hierzulande gründet die KMK nun eine Taskforce, um die Schülerinnen und Schüler an die deutschen Schulen zu bringen. Mit Hunderttausenden rechnet KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU). Das gab sie am Freitag nach der Konferenz in Lübeck bekannt. Dabei fiel ein Wort besonders oft, das nach muffigem Frontalunterricht und Bürokratiesumpf klingt: Beschulung. Sie sicherzustellen, sei unsere Pflicht, heißt es in der Lübecker Erklärung. Dazu werde man, sofern sie es wünschen, auch ukrainische Lehrkräfte einsetzen. Zudem werde das Medieninstitut der Länder bald die großteils digitalisierten ukrainischen Schulbücher zur Verfügung stellen (mehr dazu hier).

Man werde, sagte Prien, auf bewährte Strukturen aus den Jahren 2015/16 zurückgreifen. In den Jahren 2015 bis 2017 wurde für fast eine halbe Million Minderjährige ein Asylantrag gestellt. Das Schulsystem hieß die Geflüchteten in Vorbereitungsklassen willkommen. Hier sollen sie Deutsch lernen, um dann in die Regelklassen zu kommen. Dieses Programm stellen nun wieder viele Bundesländer in Aussicht. Die Politik preist es gerne als Erfolgsmodell, wenngleich es auch Kritik erntet.

Vorbereitungsklassen: eine bildungspolitische Sackgasse?

„Es dürfen nicht wieder Parallelsysteme entstehen“, sagt Juliane Karakayali, Professorin für Soziologie an der Evangelischen Hochschule Berlin. Sie hat Vorbereitungsklassen in verschiedenen Bundesländern erforscht. Die Gefahr dieses Ansatzes bestehe darin, dass sich die segregierten Strukturen verfestigen. In Berlin etwa seien mehrere Willkommensklassen zu „Internationalen Klassen“ umbenannt worden. „Es gab schlichtweg keine Plätze für sie in regulären Klassen.“ Zudem folgten Vorbereitungsklassen keinem einheitlichen Curriculum und Fachunterricht finde kaum statt.

Die Migrationsforscherin plädiert für ein integratives Modell, wie es manche Schulen und Bundesländer, wie etwa Nordrhein-Westfalen, bereits anwenden. „Schulen, die Vorbereitungsklassen und Regelschulbetrieb eng miteinander verzahnen, schaffen keine Parallelstrukturen. Das sollte auch Vorbild für die aktuelle Situation sein.“ Die Bildungspolitik habe wenig aus den Jahren 2015/16 gelernt, weil sie davon ausging, dass sich eine solche Fluchtbewegung nicht wieder ereignen würde.

Die Politik steht gerade auf einem Fundament offener Fragen. Wie viele Schutzsuchende sind überhaupt schon gekommen? Die offiziellen Zahlen sind wenig valide, weil Ukrainer sich erst nach 90 Tagen registrieren müssen. Wo können sie wohnen, wie arbeiten? Und: Wie lange werden sie bleiben? Für Karakayali ist die Antwort darauf klar: „In den Sechziger- und Siebzigerjahren dachte man auch, dass die Arbeitsmigranten nicht lange bleiben würden. So war es aber nicht – sie haben die Gesellschaft vielmehr nachhaltig verändert.“

Lehrerverband geht von schneller Rückkehr aus

Mit Blick auf die Jahre 2015/16 sieht Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, das anders. „Dieses Mal müssen wir davon ausgehen, dass die überwiegende Mehrheit möglichst schnell zurückkehren will“, sagte er Bildung.Table. Daher brauche es weniger Vorbereitungsklassen, allenfalls in Großstädten. „Die Anschlussfähigkeit an das ukrainische Schulsystem muss im Vordergrund der Beschulungsmaßnahmen stehen.“ Er spricht sich für die Aufnahme ukrainischer Schülerinnen „einzeln, zu zweit oder zu dritt“ in deutsche Schulklassen aus.

Einen zusätzlichen Stuhl für die Geflüchteten in die Klassen stellen, das schlug Berlins regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) vor. Doch so einfach ist es laut GEW nicht. „Die personelle, räumliche und materielle Situation an den Schulen ist nach zwei Jahren Corona-Pandemie sehr angespannt„, sagt Anja Bensinger-Stolze, Leiterin des Organisationsbereichs Schule. Insbesondere an den Grundschulen, die viele geflüchtete Kinder aufnehmen werden, habe man einen dramatischen Lehr- und Fachkräftemangel. Daher fordert sie zusätzliche Ressourcen für die Schulen – von Bund, Ländern und Kommunen. „Die Taskforce der KMK muss zügig mit der Koordination beginnen und ein Gesamtkonzept für das weitere Vorgehen entwickeln.“

Ein Gesamtkonzept hängt jedoch an der einen entscheidenden Frage: Kommen sie, um zu bleiben? Geht es, in der Verwaltungssprache, um eine Zwischen-Beschulung oder Langzeit-Beschulung? Nur ist die Beantwortung nahezu unmöglich, angesichts eines erratischen Autokraten in Moskau. Solange könnten Schulen und Behörden im Blindflug navigieren. Dabei bräuchte es nun pädagogische und logistische Konzepte für unterschiedliche Szenarien, um den ukrainischen Schülerinnen und Schülern langfristig zu helfen.

Online-Schule für ukrainische Abschlussklassen

Eine praktikable, kurzfristige Lösung zeichnet sich bereits ab. Für die ukrainischen Geflüchteten, die vor ihrer Abschlussprüfung stehen, werde derzeit „mit einer großen Stiftung“ an einer Kooperation mit einer ukrainischen, privaten Online-Schule gearbeitet, gab die KMK am Freitag bekannt. Näheres dazu dürfen die Beteiligten öffentlich nicht sagen. Es werde unter Hochdruck gearbeitet und es soll schnell gehen (mehr dazu hier).

Eine solche Lösung würde auch die ehemalige Poltikerin Voytsitska begrüßen. Sie möchte eine Stiftung für ukrainische Lehrkräfte aufbauen, die im Ausland unterrichten, und steht mit der Khan-Academy in Kontakt. Die amerikanische Online-Akademie soll bald ihr ukrainisches Angebot ausbauen. Auch das wäre in erster Linie: eine Zwischen-Lösung.

Vor ein paar Tagen habe die Schulleiterin von der Grundschule in der Nähe ihrer Warschauer Unterkunft angerufen: Für die beiden kleinen Kinder hat sie doch Plätze gefunden. „So können sie schnell in ihrem neuen Viertel ankommen“, sagt Voytsitska. Es klingt nicht so, als würde sie sich und ihre Familie bald wieder in Kiew sehen. mit Anouk Schlung

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