Pannenstart für „Digitale Grundbildung“ in Österreich

Wer verstehen will, zu welcher Peinlichkeit die Einführung des neuen Schulfachs Digitale Grundbildung in Österreich geworden ist, ruft bei Martin Leyrer in Wien an. Der IT-Experte hat grundlegende Fehler im entsprechenden Schulbuch gefunden: So gelten dort das World Wide Web und das Internet als ein und dasselbe. Der Name von World Wide Web-Gründer Tim Berners-Lee ist falsch geschrieben. Die Turingmaschine wurde als tatsächlicher Computer und nicht als mathematisches Modell dargestellt. Und Abbildungen von Computern sind zum Teil sehr veraltet, es sind Anschlüsse von Rechnern aus den 1990er-Jahren zu sehen.

Leyrer nennt das haarsträubend. Im Gespräch mit Bildung.Table sagt er: „Die Qualität dieses Lehrbuchs spiegelt für mich den Stellenwert der IT in Österreich wider. Das finde ich den Lehrerinnen und Lehrern gegenüber, die dieses Fach ab Herbst unterrichten sollen, unfair.“ Zwar wird das Buch bereits überarbeitet, doch es bleiben Fragezeichen. Nach ersten Medienberichten über Leyrer und seine Fehlerliste erklärte ein Ministeriumssprecher, das Schulbuch sei bereits in Deutschland im Einsatz gewesen – und deshalb nur auf die Verhältnisse in Österreich angepasst worden.

Lebensnah und disziplinenübergreifend

Dabei klang die Digital-Offensive für das Bildungswesen so vielversprechend. Bildungsminister Martin Polaschek sprach gar von einem „historischen Moment in den österreichischen Schulen“. Die Unterrichtsthemen sollen von Coding und dem Schutz vor Schadsoftware über ökologische Problemstellungen im Bereich Digitalisierung bis hin zum Umgang mit Fake News reichen. Denn gerade durch die Corona-Pandemie seien verschiedene Wahrheitsvorstellungen zu einem Problem im digitalen Raum geworden, meint Christian Swertz, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien.

Für ihn geht es im Unterricht darum, lebensnahe Beispiele für auf den ersten Blick komplexe Themen zu finden – der Umgang mit öffentlichen Äußerungen lasse sich zum Beispiel an Influencern erklären. Damit folgt Österreich dem Aktionsplan für digitale Bildung der EU-Kommission für 2021 bis 2027. „Schülerinnen und Schüler sollen schon früh lernen, sich in der digitalen Welt zu bewegen, sie zu gestalten und Informationen daraus zu verarbeiten“, so Bildungsminister Polaschek. Um das zu schaffen, ist das Fach bewusst disziplinenübergreifend konzipiert.

Ab Herbst ist Digitale Grundbildung verpflichtend für die Schüler der ersten drei Klassen an der Mittelschule und Allgemeinbildenden höheren Schule (AHS), dem österreichischen Gymnasium. Das bedeutet eine Stunde pro Woche in dem Fach. Außerdem wird es benotet – im Gegensatz zur gleichnamigen „verbindlichen Übung“, die bisher auf dem Stundenplan der Schüler stand. Für sie konnten die Schulen zwischen zwei und vier Wochenstunden über vier Jahre Mittelschule und AHS-Unterstufe reservieren – oder die Übung in den Unterricht anderer Fächer einbinden. Das soll sich nun ändern. Für das neue Schulfach hat das Ministerium 150 neue Planstellen eingerichtet. Es soll das inhaltliche Pendant zur 2021 begonnenen Geräte-Offensive sein, bei der Schüler mit digitalen Endgeräten ausgestattet werden.

IT-Lobby-Gruppen beeinflussten Lehrplan

„Das führt an den Schulen zum Missverständnis, dass es ein Fach für die Gerätebenutzung sein soll. Das ist natürlich Blödsinn. Die Zielrichtung ist eine sehr viel umfassendere“, sagt Petra Missomelius. Die Medienwissenschaftlerin von der Universität Innsbruck hat die Arbeitsgruppe geleitet, die den Lehrplan für das Fach entwickelt hat. Ihr ist wichtig, dass es gerade nicht „Informatik 2.0“ ist. Stattdessen soll der Unterricht – basierend auf dem Frankfurt-Dreieck, einer Fachdidaktik für Bildung in der digital vernetzten Welt – technische, gesellschaftliche und interaktionsbezogene Aspekte gleichermaßen abdecken.

Doch die Vielfalt an Perspektiven wich zwischenzeitlich Partikularinteressen. „Dieses Gleichgewicht ist im geänderten Lehrplan leider massiv zugunsten der Informatischen Bildung verschoben worden. Dies ist nicht plausibel und führt die Potenziale des Fachs ad absurdum“, schrieb Missomelius am 4. Mai in einer Stellungnahme an das Bildungsministerium. Der Kompetenzaufbau über die Schuljahre war nicht mehr stimmig, dafür habe man sehen können, wie Lobby-Gruppen aus der IT ihren Einfluss geltend gemacht hätten.

Missomelius erkannte ihre Arbeit der vergangenen Monate kaum wieder, womit sie nicht allein war. Bildung.Table liegen mehrere interne Stellungnahmen von Wissenschaftlern und Verbänden vor, die die Entrüstung zeigen, als Anfang Mai die Begutachtungsversion des Lehrplans vorgestellt wurde. Ein Kollege schrieb in einem solchen Papier zum Beispiel am 5. Mai, „der Entwurf des Lehrplans entspricht weder fachlichen Anforderungen noch dem Vorschlag von Expert*innen und ist zudem so unsystematisch formuliert, dass nicht verständlich wird, was unterrichtet werden soll.“

Fortbildungen werden Lehrern anfangs kaum helfen

Die didaktische Theorie im Lehrplan ist das eine. Woran sich das neue Fach im Schuljahr 2022/23 messen lassen muss, ist das andere: die Umsetzung an den Schulen. Um sie zu gewährleisten, hat das Ministerium eine dreistufige Aus-, Fort- und Weiterbildungsoffensive gestartet: ein Massive Open Online Course (MOOC), den Lehrer „individuell und selbstgesteuert“ besuchen können; ein Hochschullehrgang an Pädagogischen Hochschulen, der die Lehrbefähigung zum Unterrichten der Digitalen Grundbildung vermitteln soll – und die Einführung eines neuen Lehramtsstudiums. Doch all das kostet Zeit. In der Anfangszeit werden diese Angebote den Schulen kaum helfen, das Fach vernünftig zu unterrichten.

Genau das stört Martina Künsberg Sarre, bildungspolitische Sprecherin der liberalen Oppositionspartei NEOS. Gute Schulentwicklung sieht für sie anders aus. „Dadurch, dass der endgültige Lehrplan erst im Juli – also wahnsinnig spät – fertig war, waren die Fortbildungsangebote bereits erstellt. Deshalb können die sich nicht genau nach dem richten, was im Lehrplan steht“, sagt sie. Dabei sollten die Lehrkräfte bestens vorbereitet sein, um das neue Fach bestmöglich zu unterrichten. „Es ist immer alles auf den letzten Drücker, die Schulen müssen das dann ausbaden. Man könnte so viele Prozesse optimieren. Aber das passiert bei uns in Österreich leider nicht“, so Künsberg Sarre.

Lehrermangel und Überstunden

Dazu sagt Herbert Weiß, Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft, die knapp 15.000 Lehrer in Österreich vertritt: „Zusatzausbildungen sind immer erwünscht, sofern jemand die Kapazitäten hat. Aber wir haben momentan einen extremen Lehrermangel, Überstunden sind normal geworden.“ Dabei müssten die Lehrer außerhalb der Schule auch noch ein Leben haben. „Deshalb kann das Fortbildungsangebot nur an der Realität an den Schulen vorbeiführen.“

An der Universität Innsbruck ist Wissenschaftlerin Missomelius inzwischen vorsichtig optimistisch. Die Verantwortlichen im Ministerium hätten auf die Einwände von Experten wie ihr zumindest teilweise gehört. Das Ungleichgewicht zugunsten der technischen Aspekte des Fachs ist im finalen Lehrplan nicht mehr ganz so groß. Und so sagt sie mit Blick auf das neue Schuljahr: „Ich denke, dass die Digitale Grundbildung mittlerweile eine ganz gute Richtung eingeschlagen hat.“ Katharina Horban

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