OER-Strategie: Weitere Millionen für offenes Lernmaterial

Zu sehen ist Bildungsstaatssekretär Jens Brandenburg (FDP) er möchte kommerziele Lernmaterialien und OER Hand in Hand arbeiten sehen, als Teil der OER-Strategie.
Bildungsstaatssekretär Jens Brandenburg (FDP) möchte, dass OER und kommerzielle Angebote partnerschaftlich zusammenarbeiten.

Das Bildungsministerium will trotz finanzieller Engpässe weitere Millionen in offen zugängliche Bildungsressourcen, sogenannte Open Educational Resources (OER), investieren. Bildungsstaatssekretär Jens Brandenburg (FDP) kündigte bei der Veröffentlichung einer neuen, umfassenden OER-Strategie in geschlossener Gesellschaft an, bereits ab Oktober mit den ersten Ausschreibungen beginnen zu wollen. Insgesamt stünden in dieser Legislatur 16 Millionen Euro für kollaborative Lernmaterialien bereit.

Die OER-Szene nahm den Ansatz unterschiedlich auf. Zu den Kritikern gehörte Maximilian Voigt von der Open Knowledge Foundation Deutschland. Er bemängelte: „Die Strategie kommt viel zu spät. […] Ohne das Engagement des Bündnisses Freie Bildung wäre sie vielleicht nie gekommen.“ Andere, wie der Co-Direktor des DIPF-Leibniz-Institutes für Bildungsforschung und -information, Marc Rittberger, begrüßten, dass die Strategie zum Kulturwandel in der Bildung beitragen könne. „Es entspricht nicht mehr der heutigen Zeit, wenn Lehrerinnen und Lehrer ganz allein Unterricht und Unterrichtsmaterialien vorbereiten“, sagte Rittberger zu Bildung.Table.

Brandenburg: „Wir produzieren kein eigenes Bildungsmedien-Verlagshaus“

Die Strategie ist ein ambitionierter Plan mit sechs Punkten. Er enthält zuvörderst das gemeinsame Herstellen und Teilen offener Lernmaterialien. Die Autoren führen den relativ neuen Begriff „Open Educational Practices“ (OEP) ein und planen Begleitforschung sowie Vernetzung der OER-Aktivisten ein. Zur Strategie gehöre aber ausdrücklich, betonte Jens Brandenburg, dass „wir seitens des BMBF kein neues Bildungsmedien-Verlagshaus produzieren“ werden. Das Ministerium hält vielmehr ein „Sowohl-als-auch von kommerziellen und freien Bildungsmaterialien für sinnvoll und notwendig.“

Das dürfte im puristischen Teil der OER-Szene auf wenig Gegenliebe stoßen. Er sieht OER als Hebel, um Geschäftsmodelle, wie etwa kommerziell arbeitende Schulbuchverlage, vom Markt zu drängen. Für Überraschung sorgte in dem 22-seitigen Strategie-Papier die Formulierung, dass der Sinn von OER erst noch zu evaluieren sei. „In welcher Form dauerhafte OER-Strukturen in Deutschland sinnvoll und notwendig sind, wird im Licht der sich entwickelnden Bildungsmedieninfrastrukturen zu prüfen sein.“

Mehr als zwei Drittel der Berufsschullehrer haben noch nie von OER gehört

Die Bundesregierung gibt seit fast zehn Jahren Geld für Open Educational Resources aus. Bisher waren das laut einem Sprecher 13 Millionen Euro. Eine kleine Community tauschte sich mit BMBF-Förderung auf „OER-Camps“ über das Herstellen offener Lernmaterialien aus. Das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und -information in Frankfurt hatte eine OER-Infostelle eingerichtet. Das hat allerdings nicht dazu geführt, dass Open Educational Resources unter Lehrkräften heute gut bekannt wären. Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigt: Mehr als zwei Drittel der Lehrer beruflicher Schulen haben den Begriff OER noch nie gehört. Die Befragung wurde Ende 2020 veröffentlicht. Das BMBF hat eine Umfrage über die Bekanntheit von OER bisher nicht beauftragt.

Grafik zur Umfrage über Kenntniss des Begriffs OER und offene Bildungsmaterialien
OER kennen viele Lehrkräfte nicht, wie die Umfrage unter Berufsschullehrern zeigt.

Die Frage, wie offen die Community der offenen Lernmaterialien in Wahrheit ist, wird unterschiedlich gesehen. Der Bildungsforscher und Berater Benjamin Eugster sagte, die OER-Community befinde sich zwar in einer eigenen Bubble, sei aber keine geschlossene Gesellschaft. „Wenn Lehrpersonen aus der Schule sich für OER interessieren, dann ist die Offenheit in der OER-Community enorm groß, diese Lehrerinnen und Lehrer umfassend zu informieren“, betonte Eugster im Gespräch mit Bildung.Table. Staatssekretär Brandenburg forderte indes, die Szene weiter zu öffnen. „Wir wollen OER und OEP nicht reduzieren auf die Lehrkräfte, die ein besonderes Faible und Vorkenntnisse im engeren IT-Bereich haben.“ Es gehe vielmehr darum, „möglichst viele Lehrkräfte in der Fläche und in allen Bildungsbereichen zu befähigen, neue Materialien zu erstellen und in ihren Unterricht zu integrieren.“

OER: kompliziert, aber rechtssicher?

Die Praxis beweist, wie wichtig das ist. Selbst die mit staatlichen OER-Subventionen geförderte Plattform „Wir lernen online“ weist ihre Programm-Module in dem virtuellen Code-Regal „Github“ nicht immer mit CC-Lizenzen als offen benutzbar aus. Und das, obwohl diese Creative-Commons-Markierungen essenziell für OER sind. Das BMBF zielt im Text der Strategie auf diesen Umstand. Der Vorteil von OER im Vergleich mit herkömmlichen Bildungsmaterialien liege „in der rechtlich abgesicherten Nutzung„, heißt es in dem Papier des Bildungsministeriums. Das geht aber nur, wenn die CC-Lizenz ausgewiesen ist. Sonst tappen Lehrkräfte im Dunkeln, ob sie Materialien nutzen können, ohne etwa urheberrechtliche Abmahnschreiben zu bekommen.

Offenen Streit gab es über die Frage, ob OER mit kommerziellen Angeboten vermischt werden sollten. Noch während der Vorstellung der OER-Strategie beschwerte sich der Digitalaktivist Dejan Freiburg. Bei der Veranstaltung habe jemand für die kommerzielle Plattform „Eduki“ geworben. Dieser Abgrenzung widersprach der Bildungsstaatssekretär. Ein Erfolgsfaktor liege darin, sagte er bei der Vorstellung, „mit kommerziellen Angeboten eher partnerschaftlich zu schauen, wo gibt es vielleicht auch Elemente oder Projekte, wo man Dinge gemeinsam machen kann.“

Start-ups bekommen Unterstützung – sofern sie partizipativ sind

Marc Rittberger vom DIPF unterstützte diese Sichtweise des Miteinanders von OER und kommerziell vertriebenen Lernressourcen. „Es dürfte der einzelnen Lehrkraft ziemlich egal sein, ob das Material, welches sie nutzen möchte, in einem digitalen Bücherregal OER ist, von Verlagen über eine Landeslizenz verfügbar ist oder von digitalen Plattformen kommt, wo Lehrerinnen und Lehrer ihre Unterrichtsmodelle für wenig Geld anbieten.“

Eine echte Überraschung findet sich diesbezüglich im OER-Strategiepapier. Das BMBF betont an mehreren Stellen, wie wichtig es sei, Start-ups mit einzubeziehen. Das Ministerium wolle etwa Start-ups der Aus- und Weiterbildung unterstützen. Allerdings gaben die Autoren den Hinweis, wohin sich Start-ups ändern sollten – weg vom Kommerz. Ziel sei, dass „sich Ed-Tech-Unternehmen und Start-ups stärker als Teil eines partizipativen Netzwerks verstehen“. Sie sollten wegkommen von der Dichotomie von „Anbieter“ und „Nutzenden“.

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