Nationaler Bildungsbericht: Wie viele Lehrer fehlen wirklich?

Man sieht eine Grafik zum Angebot und Neueinstellungen von Lehrkräfte, aus einer Analyse des Nationalen Bildungsberichts zum Lehrermangel
Der Nationale Bildungsbericht sieht ab 2029 sogar einen Überschuss beim Angebot von Junglehrern. Grafik: Bildungsbericht/Britta Weppner

Das wichtigste Barometer für den Stand der Bildungspolitik, der sogenannte „Nationale Bildungsbericht“, unterschätzt systemisch den Lehrermangel. Das liegt nach Informationen von Bildung.Table aus Wissenschaftskreisen daran, dass in die Statistiken für den Bericht entscheidende Annahmen nicht eingeflossen sind. So kommt es, dass die Bedarfslücke von Lehrern für das Jahr 2025 nach Ansicht der Kritiker des Berichts um rund 25.000 Pädagogen zu gering eingeschätzt wird. Die Versorgung mit Pädagogen für das Jahr 2030 taxiert der Bericht sogar um 60.000 Lehrpersonen günstiger, als er mutmaßlich sein wird.

Das Papier liegt der Table-Redaktion in Teilen vor. Der Lehrermangel ist momentan die große Schwachstelle des Schulsystems. Die Autoren stellen den Bericht am heutigen Donnerstag in der Bundespressekonferenz offiziell vor. 

Der Nationale Bildungsbericht erscheint alle zwei Jahre, ein Konsortium von Forschungsinstituten verantwortet ihn. Jeder Bericht hat einen eigenen Schwerpunkt. So lag der Fokus im Jahr 2020 auf der digitalen Bildung. Der Schwerpunkt der Ausgabe 2022 hätte treffender nicht gewählt werden können: die Versorgung der Schulen mit Lehrkräften, ihre Aus- und Fortbildung.

Schon jetzt werben sich die Länder gegenseitig die Pädagogen ab, es ist ein regelrechtes Wettrennen um Verbeamtungen entstanden. Der Bildungsökonom Klaus Klemm hält der Bildungsrepublik seit Beginn der 2000er Jahre den Spiegel vor, weil sie über viele Jahre zu wenig Lehrer ausgebildet und zu wenig Junglehrer eingestellt habe. Die Kultusminister ignorieren die Berechnungen von Klemm aber seit langem. 

Lehrermangel um 60.000 Personen unterschätzt

Umso überraschender ist nun, dass die Autoren des Nationalen Bildungsberichts ganz ähnlich verfahren. Die Forscher sind zwar unabhängig, prognostizieren das Defizit an Lehrkräften bis 2030 aber auf Grundlage der Zahlen der Kultusminister. Danach sollen am Ende des Jahrzehnts lediglich 17.300 Lehrer fehlen. Klaus Klemm hingegen geht davon aus, dass 2030 bereits 81.000 Lehrkräfte zu wenig in den Klassenzimmern stehen.

Diese Zahlen werden in den Statistiken des Berichts überraschenderweise nicht genannt. Auch die neueren Prognosen bis 2035 des emeritierten Bildungsökonomen der Uni Duisburg-Essen fehlen in den Grafiken des Papiers. Waren die – laut Klemm – fehlenden 127.000 bis 159.000 Lehrkräfte den Wissenschaftlern des Bildungsberichts zu dramatisch?

Verfasst haben das Dokument Forschende des „Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation“, des „Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe“ und vier anderer Einrichtungen. Ihnen werfen Bildungswissenschaftler, die nicht genannt werden wollen, nun vor, der Öffentlichkeit ein zu positives Bild zu suggerieren. Der Bildungsbericht dürfe sich nicht nur auf Prognosen der Kultusminister stützen.

Hälfte aller Lehrkräfte in Teilzeit

Dabei müssen schon die geringeren Zahlen aufrütteln, die der Nationale Bildungsbericht ab heute Mittag sichtbar machen wird. Die Zahl der Lehrkräfte ist danach zwischen 2010 und 2020 nur um 25.000 Personen gestiegen. Das würde einem Zuwachs von nur drei Prozent entsprechen – und das, obwohl sich schon lange ein eklatanter Lehrkräftemangel abzeichnet. Fast die Hälfte aller Lehrkräfte arbeitete 2020 in Teilzeit, heißt es in dem Papier. 40 Prozent der Lehrkräfte waren im Jahr 2020 im Alter von 50 Jahren oder darüber.

Jedes Unternehmen und jede staatliche Verwaltung würde bei einer derartigen Unterversorgung mit Fachkräften sofort Notmaßnahmen einleiten. Einzelne Bundesländer planen inzwischen auch tiefe Eingriffe. Allerdings weiten sie dabei die Zahl qualifizierten Lehrpersonals nicht etwa aus, sondern wollen die Stundentafel für Schüler kürzen. Berlin zum Beispiel diskutiert offen darüber, ob man die Lernzeit der Schüler einschränken soll. (Bildung.Table berichtete.) 

30 bis 40 Prozent der Lehrerfortbildungen fallen aus 

Dass man mit Lehrermangel und Problemen in der Lehrerfortbildung problembewusst umgehen muss, konnte man bei der „Gesellschaft für Bildungsverwaltung“ am vergangenen Wochenende erleben. Bei einer Tagung der Gesellschaft zeigte etwa der Potsdamer Bildungsforscher Dirk Richter, dass in einem der größten Bundesländer ein Drittel der Lehrerfortbildungen schlicht ausfällt. Richter führte dies am Beispiel einer Studie für die GEW Baden-Württemberg aus. Der zuständige Beamte aus dem Stuttgarter „Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung„, Michael Kilper, gestand bei dem Treffen ein, dass während der Pandemie sogar vier von zehn Lehrerfortbildungen nicht stattfanden.  

Bildungsverwalter, Lehrerfortbildungen, KMK
Große Ausfälle bei Lehrerfortbildungen. Grafik: Britta Weppner

Ähnlich konsequent war der Lagebericht für die Bildungsverwalter, den Olaf Köller über den Lehrermangel hielt. Der Direktor des „Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik“ in Kiel rechnete den Fachleuten in den Kultusministerien vor, dass allein in den Fächern des mathematisch-naturwissenschaftlichen und IT-Bereichs bis 2030 fast 40.000 Lehrkräfte fehlen. In Mathematik fehlen 15.000 Lehrer, in Biologie 10.000. In diesen beiden Fächern sind laut Köller durch das Angebot an Nachwuchs aus den Lehramtsstudiengängen nur mehr etwa 40 Prozent des Bedarfs zu decken. 

Köller warnte bei der Tagung der Bildungsverwalter davor, dass sowohl die Demografie (weniger Lehramtsstudierende in den kommenden Jahren) als auch die Flucht aus dem Kriegsland Ukraine die Situation weiter verschärfen dürfte. Köller, der auch Sprecher der „Ständigen wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz“ ist, schlug radikale Maßnahmen vor. Man solle die Sprachbarrieren für ausländische Lehrkräfte senken und Lehramtsstudiengänge mit nur einem Fach erlauben. Diese beiden Hürden erschweren gerade die Einbeziehung vieler ukrainischer Lehrkräfte in den deutschen Schulbetrieb.  Mit Niklas Prenzel

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