Investoren pushen GoStudent

Auf dem europäischen Bildungsmarkt entsteht ein neuer Gigant. Der österreichische Bildungsanbieter GoStudent, der in halb Europa Nachhilfe erteilt, ist mit seiner neuesten Kapitalakquise satte drei Milliarden Euro wert. Man wolle künftig auch in außereuropäischen Märkten wachsen und suche nach Übernahmekandidaten, hieß es aus dem Unternehmen. Der Anbieter hatte bereits im Juni letzten Jahres 200 Millionen Euro bekommen. Die Konkurrenten unter den Startups gratulierten GoStudent für den Erfolg auf dem Finanzplatz. Beobachter warnten aber auch davor, dass die Geschwindigkeit des Wachstums zu groß sein könnte. „Das ist eine gefährliche Wette auf die Zukunft, dass es immer so rasant weitergeht“, hieß es.

Das Angebot von GoStudent ist eigentlich kein technologisches Hexenwerk. Statt einer analogen Nachhilfe sitzen sich bei GoStudent Nachhilfelehrkraft und Schüler:in in einer Videokonferenz gegenüber. Zeitweise experimentierte GoStudent mit einer künstlichen Intelligenz, welche die Emotionen der Nachhilfe-Schüler während des Lernens analysierte. GoStudent ist rein zahlenmäßig nicht der größte Anbieter in Deutschland, hat sich aber innerhalb von zwei Jahren erheblich gesteigert. Inzwischen gibt GoStudent mit seinen Lehrern auch in Spanien, Frankreich, Großbritannien, Russland und Mexiko und einigen weiteren Staaten Nachhilfe.  

Telekom: keine Auskunft über Höhe des Investments bei GoStudent

GoStudent erteilte keine Auskünfte darüber, wie hoch die einzelnen Anteile der Investoren Prosus, Tencent und Deutsche Telekom an den 300 Millionen Euro Kapitalzufuhr sind. Auch die Telekom verweigerte auf Nachfrage, die Höhe ihres Investments zu nennen. Es gehe um eine strategische Beteiligung, sagte ein Sprecher, die aus einem Innovationsfonds des Unternehmens stamme. 

In der Bildungsszene dürfte die Aktion der Telekom nicht nur Applaus bringen. Die Telekom hatte einst mit „Schulen ans Netz“ ein frühes Lernmanagementsystem aufgebaut, das um das Jahr 2000 immerhin bereits an 10.000 Schulen installiert war. Dann stieg die Telekom aus – und das LMS wurde jedes Jahr weniger gepflegt, bis es kürzlich von dem späteren Käufer Cornelsen eingestellt wurde. Telekom-Manager fielen seither dadurch auf, dass sie die Qualität und die technologische Rückständigkeit des deutschen Bildungssystems kritisierten. Sich nun mit unter 10 Millionen Euro an einem Online-Nachhilfeunternehmen zu beteiligen, löst gewiss keinen technologischen Quantensprung aus. 

GEW: Corona-Programme Gelddruckmaschine für Nachhilfe-Branche

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisierte den neuen mächtigen Anbieter. „Ein wachsender privater Nachhilfebereich verschärft die soziale Spaltung zusätzlich“, sagte die Sprecherin des Vorstandsbereichs für Schule, Anja Bensinger-Stolze Bildung.Table. Eine ganze Industrie schlage daraus Profit. „Ich befürchte, dass die sogenannten Corona-Aufholprogramme teilweise zur Gelddruckmaschine für die private Nachhilfebranche werden“. In der EdTech-Szene gab es viel Beifall für die gelungene Akquise. Es sei gut, dass es einen so erfolgreichen Wettbewerber auch auf dem deutschen Markt gebe. „Chapeau, Felix Ohswald“, sagte ein Sprecher der Initiative deutscher digitaler Bildungsanbieter.

Auch die FDP begrüßte das Investment. „Dass das Start-up Go Student 300 Millionen Euro von namhaften Investoren erhalten hat und mit drei Milliarden Euro bewertet wurde, zeigt, dass es einen großen Bedarf an digitalen Lösungen in der Bildung gibt“, sagte die bildungspolitische Sprecherin der FDP Fraktion, Ria Schröder. Junge Unternehmen entwickelten kreative Lösungen, die zukunftsorientiert und erfolgversprechend seien. „Sie zeigen damit, dass auch der öffentliche Bildungsbereich eine Digitaloffensive benötigt, um unsere Schülerinnen und Schüler optimal zu fördern“, so Schröder. 

Beobachter: GoStudent zum Wachstum bei Nachhilfe verdammt

Analysten äußerten sich nur im Hintergrund. Sie beschrieben das Geschäftsmodell von GoStudent als nur einen Weg erfolgreichen Wachstums auf dem Bildungsmarkt. Felix Ohswald habe als junger und forscher Macher Schumpeterscher Provenienz den Weg des schnellen Sprungs nach vorn gewählt. Diesen Weg könne man aber nicht dauerhaft mit organischem Wachstum beschreiten. Die Investoren erwarteten fortgesetzte Wachstumsraten, die man dann nur durch Übernahmen schaffen könne. Ohswald sagte im Interview mit Bildung.Table, es seien in naher Zukunft Akquisitionen zu verkünden – im nahen europäischen Ausland. „Ohswald ist zum Wachstum verdammt“, hieß es in der Bildungsszene. 

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