Mobile Lehrerfortbildung auf der Didacta

Wenn ab heute auf der Didacta die „Mobile Schule“ für drei Tage Lehrerfortbildungen anbietet, dann ist das das Ergebnis einer langen Reise. Und es ist zugleich Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels der Weiterbildung für Pädagogen. Das Format „Lehrer:innen bilden Lehrer:innen“ entwickelte sich über zehn Jahre aus der Waldschule Hatten heraus. Der damalige Lehrer Andreas Hofmann instruierte seine Kolleg:innen fürs Tablet. Heute organisiert er als Unternehmer überall in der Republik digital gestützte Lehrerfortbildungen – mit den besten Digitallehrkräften Deutschlands. Andere Institutionen haben das Konzept übernommen. Nur, wie lange lässt sich das Lieferando-Dumping-Modell der Lehrerbildung aufrechterhalten? Kann es sein, dass auf der größten Messe der Bildungswirtschaft die besten Lehrer:innen ohne Honorar Kolleg:innen fortbilden

Die Didacta macht mit Mobile Schule einen Pantersprung ins Digitale

Das Programm der Mobilen Schule auf der Didacta ist nicht klein. Drei ganze Tage lang bieten Lehrer:innen anderen Lehrer:innen alle Themen rund um digitale Bildung an. Es geht dort von der kaum verhohlenen Apple-Werbung „iPad-Ideenfeuerwerk am Beispiel einer typischen Unterrichtsstunde“ bis hin zu Detailfragen wie „Fake News im Unterricht – erkennen und bewusst konsumieren“. Mit diesem Lehrerfortbildungs-Strang macht die Didacta einen weiten Sprung ins Digitale. 50.000 Besucher:innen werden in Köln erwartet – im Vergleich zu 100.000 bei der letzten Präsenz-Didacta 2019.

Gleichzeitig ist interessant, wer bei der Didacta von Bord gegangen ist. Der Verband für Bildungsmedien, also der Interessenvertreter des gedruckten Schulbuchs, gehört seit 2020 nicht mehr zu den Trägern. Diesmal haben auch die Schulbuchverlage deutlich kleinere Standflächen gebucht. Das ist eine Zeitenwende: Denn die Didacta war in den Köpfen der Menschen stets eine Schulbuchmesse. Lehrerinnen und Lehrer kamen mit großen Koffern und Ikea-Plastetaschen – um Gedrucktes aller Art abzutransportieren. Heute lernen sie bei der mobilen Schule für das digitale Klassenzimmer, to go nur für den Kopf.  

Diese Art Lehrerfortbildung verändert nicht nur die Gestalt der Didacta, die zwischen Hannover, Stuttgart und Köln zirkuliert. Dass man Lehrer:innen über die Digitalisierung des Lernens am besten in Formaten teilhaben lässt, die selbst digital sind, revolutioniert derzeit alle pädagogischen Provinzen. Und das geschieht viel schneller, als es die Fürsten der Kulturhoheit selber bewerkstelligen könnten. Die Kultusminister haben zwar zwei große Innovationsprozesse der Lehrerfortbildung angestoßen, die Reform des Mathematik-Unterrichts und die sogenannten Kompetenzzentren. Beides ist sehr gründlich und sehr sinnvoll, wird aber Schule nicht rasch verändern. Denn diese Projekte sind derart langwierig, dass sie jederzeit zum Stehen kommen können. Die Kompetenzzentren für Lehrerbildung etwa, zusammen mit dem Bund organisiert, rühren sich seit einem Jahr nicht mehr vom Fleck. 

Bayerns Lehrerakademie hat sich binnen zwei Jahren neu erfunden

Dass Lehrerfortbildung sich sehr wohl ändern kann, sieht man an einem der größten Fortbildungsinstitute Deutschlands, der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) in Dillingen, Bayern. Dort hat sich nicht nur die Zahl der Fortbildungen seit 2019 verfünffacht (auf 240.000 Teilnehmer im Jahr 2021). Auch die Formate, wie man Lehrer:innen folgenreich einbezieht, sind heute andere. Früher reisten die Lehrkräfte, wenn sie es denn taten, mit dem Koffer nach Dillingen. Das bedeutet, dass neue Lehrkompetenzen nur sehr langsam nach unten zu jeder der 120.000 bayerischen Lehrkräfte durchtröpfelten – weil es so viele regionale, lokale und schulinterne Fortbildungsebenen gibt. 

Nun kann die ALP die Lehrkräfte direkt erreichen„, sagt ALP-Direktor Alfred Kotter Bildung.Table. „In den letzten zwei Jahren haben sich völlig neue digitale Formate an der ALP entwickelt“, berichtet der Akademieleiter. „So werden beispielsweise Lerngemeinschaften über einen längeren Zeitraum mit Impulsen versorgt.“ Das Erproben in der schulischen Praxis wird sofort möglich. Beim Format Selbstlernkurs gebe es das 45-minütige Sonderformat namens „ALP-fre!stunde“. Fortbildner stellen Themen so dar, dass sie in einer Freistunde von Lehrern konsumierbar sind. Dieses Format klingt verdächtig nach „Mobile Schule“. Kotters ALP hat schnell gelernt.

Lehrkräfte mehren den Ruhm des wertvollsten Konzerns der Erde – für umsonst

Die Lehrerakademie Dillingen hat einen Vorteil, der Hofmann auf Dauer zu schaffen machen könnte. Denn die Fortbildner an der ALP sind natürlich bezahlt. Bei Hofmann ist das häufig nicht der Fall. Selbst bei einer Fortbildungsreihe für die eng mit Apple verzahnte „Gesellschaft für Digitale Bildung“ im Januar/Februar bekamen die Fortbildner bei Hofmann kein Honorar. Ein kleiner Skandal – als Lehrer umsonst für eine „gemeinsame Veranstaltung der Apple-Händler im Bildungsbereich aus Deutschland“ zu arbeiten. Hofmann sagte auf Anfrage, dass er so viel zahle, wie er eben zahlen könne. Selbst bei der renommierten Didacta seien das lediglich die Unkosten der Referent:innen. „Das war’s, mehr kann ich da einfach nicht bezahlen.“ 

Er beschwor stattdessen den Geist der Mobilen Schule. „Ich hin sehr dankbar dafür, dass es Menschen gibt, die mit mir diesen Spirit aufrechterhalten.“ Deswegen gebe es bei der Didacta einen Treffpunkt, wo Lehrer sich begegnen können. „Da wird nichts verkauft, da wird nichts vermarktet, da können sich Lehrer einfach treffen – mit Popcorn-Maschine und Bier.“ Diese Grünkohl-Fahrt-Romantik gehört zu den Anfängen der Mobile Schule, als sie unter dem Kürzel „Molol“ an der Uni Oldenburg von einer Handvoll Lehrer auf 1.000 Teilnehmer skalierte. 

Hofmann hat gerade 180.000 Euro von Niedersachsens Digitalstaatsekretär Stefan Muhle (CDU) bekommen. Zusammen mit mygatekeeper soll er einen digital hub errichten. Die Fördermittel fließen in das digitale Equipment der mobilen Schule. Ob sich ein Bundesland damit zufriedengibt, auf dem Rücken schlecht oder gar nicht bezahlter Kolleg:innen Lehrerfortbildungen zu veranstalten, wird sich zeigen. 

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