„Lehrer nehmen Daten oft als Belastung wahr“

Will Schulen didaktische Mythen austreiben: Forscher Becker-Mrotzek.

Herr Becker-Mrotzek, angenommen, Sie dürfen einen Lehrplan für Grundschulen neu ausarbeiten: Wie stellen Sie darin sicher, dass alle Kinder am Ende der vierten Klasse lesen und schreiben können?  

Zwei Dinge wären zu beachten: Die Einführung der basalen Kompetenzen in der ersten und zweiten Klasse muss auf wissenschaftlich fundierten, didaktischen Konzepten erfolgen. Viele Pädagogen denken nach wie vor, dass die deutsche Orthografie unregelmäßig, nahezu unvermittelbar, ist. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kinder müssen in die Lage versetzt werden, die Schriftsprache systematisch zu lernen. Mit wenigen Regeln kann man schon den Großteil der Wörter schreiben.

Auf welchen Punkt würden Sie im idealen Lehrplan noch achten?

Sobald die Grundschüler einen ersten Zugang zur Schrift gefunden haben, also die Laut-Schrift-Beziehungen herstellen können, müssen diese Prozesse automatisiert werden. Je automatisierter das abläuft, desto stärker wird das Arbeitsgedächtnis entlastet und die Kinder können komplexere Sätze und Inhalte aufnehmen. Neben der Einsicht in die Schriftsystematik braucht es also regelmäßiges, kurzes Üben. Würde beides konsequent umgesetzt, könnte ein Großteil am Ende der vierten Klasse lesen und schreiben.

Wie sollten solche regelmäßigen, kurzen Trainings aufgebaut sein?

Das sind vielfältige Übungen, je nach Schuljahr 15 bis 30 Minuten pro Tag. Bleiben wir beim Schreibenlernen: Da bieten sich zunächst einfache Aufgaben zum Schreiben von Wörtern an. Dann geht es darum, die Ideen, die man hat, möglichst schnell in Wörter umzusetzen. Schließlich sollen kleine Bilder mit Alltagssituationen beschrieben werden.

„Teilweise herrschen in Kitas und Schulen Mythen“

Haben Deutschlands Didaktiker die vergangenen Jahrzehnte geschlafen? Erleben wir die Abkehr von deutscher Reformpädagogik hin zu Prämissen der Lernpsychologie?

Ja, teilweise herrschen in Kitas und Schulen noch Mythen vor, die aus der Reformpädagogik stammen. Neuere didaktische Konzepte und lernpsychologische Erkenntnisse schaffen es selten in die Praxis. Das hat damit zu tun, dass Gewohnheiten und eingeschliffene Praktiken so schwer zu ändern sind und viele Pädagogen sich auf ihre eigene Erfahrung aus der Schulzeit beziehen. Hier müssen wir in der Lehrerausbildung und -fortbildung ansetzen. 

In Ihrem Gutachten schreiben Sie, dass Kitas basale Kompetenzen noch nicht systematisch fördern. Sollten sich die Einrichtungen von Singen, Stuhlkreisen und Stockbrot verabschieden – und aufs Pauken konzentrieren?

Nein, es geht in der Kita überhaupt nicht um Pauken, sondern um das, was jedes Kind lernen will: sich mit anderen austauschen und verständigen! Dialogisches Lesen von Kinderbüchern mit der Erzieherin ist alles andere als Pauken. Dabei wird die soziale Beziehung gestärkt, der Wortschatz vergrößert – und die Kinder lernen Zusammenhänge in Geschichten. Das ist kein Vorziehen von Schule, sondern wichtige Aufgabe der Kita: die Entwicklung zu begleiten. Erste kleine naturwissenschaftliche Experimente gehören genauso dazu.

Sie fordern mehr Diagnostik in der frühkindlichen Bildung. Am Ende der Kita käme dann der verpflichtende Test und die Stunde der Wahrheit.

Ja, es braucht spätestens im Alter von vier Jahren diagnostische Tests. Kinder mit Förderbedarf sollten mindestens im letzten Jahr vor der Einschulung verpflichtende Sprachförderung erhalten. Für die Diagnoseinstrumente fordern wir die Länder auf, gemeinsam Tests zu entwickeln. Wir brauchen nicht sechzehn verschiedene! 

Das Gutachten formuliert erstmals Basiskompetenzen

Ginge es nach der SWK, sollte Unterricht datengestützt entwickelt werden. Das ist das Zauberwort der aktuellen bildungspolitischen Diskussion. Werden wir konkret: Warum nutzten Schulen die Vera-3-Daten so wenig? Bisher werden sie zur Kenntnis genommen – und dann abgeheftet.

Die Länder haben die Vera-Daten zu wenig implementiert. Die Tests wurden unvermittelt eingeführt und Schulen und Lehrer damit allein gelassen. Lehrer nehmen die Daten oft als Belastung wahr. Der diagnostische Wert und die Fähigkeit, solche Daten zu lesen, muss Gegenstand von Aus- und Fortbildung sein. Es geht nicht um den Vergleich einzelner Schüler oder Klassenlehrer. Die Daten müssen Teil der Schulentwicklung sein und zeigen: Wo stehen wir als Schule heute, von wo kommen wir, wo wollen wir hin.

Nun fordert die SWK den strikten Fokus auf Basiskompetenzen. Bremst die Schule leistungsstarke Schüler dadurch nicht aus?

Nein, bei der Förderung von Basiskompetenzen reden wir von einer kleinen Zeitspanne. Auch leistungsstarke Schüler müssen flüssig lesen und schreiben und gut rechnen können. Die Basiskompetenzen können auch in Tandems aus stärkeren und schwächeren Schülern geübt werden. Der „Trainer“ profitiert enorm vom Lernen durch Lehren, das zeigt unsere Forschung. 

Der Dampfer Bildungspolitik steuert derzeit um. 20 Jahre lang fokussierte man auf Regelstandards, jetzt diskutiert die Bildungsrepublik über Mindeststandards. Im Gutachten definieren Sie Basiskompetenzen für den Bereich Lesen und Schreiben. Worauf kommt es an?

Die Wissenschaft steht vor der Aufgabe, Basiskompetenzen zu formulieren. Das sind diejenigen Kompetenzen, die es braucht, um Mindeststandards überhaupt erst erreichen zu können. Für das Lesen und Schreiben formulieren wir im Gutachten erstmals solche Basiskompetenzen. Dabei geht es um Flüssigkeit und den Erwerb von Strategien. Das heißt: Die Schüler müssen flüssig lesen und schreiben können, und sie müssen in der Lage sein, Strategien anzuwenden, um komplexe Texte verstehen und schreiben zu können. 

Digitale Tools: „Wir müssen Spreu vom Weizen trennen“

Diagnostische Tests sollen den Erwerb solcher Kompetenzen regelmäßig überprüfen. Welche Rolle spielen digitale Tools dabei?

Die können oftmals genauso gut eingesetzt werden wie analoge Tests. Das Problem ist aber, dass es eine Vielzahl von Apps auf dem Markt gibt. Oft genügen die keinen wissenschaftlichen Standards der Diagnostik. Wir müssen Spreu vom Weizen trennen.

Daher wünscht sich die SWK eine Metaplattform, auf der vertrauenswürdige Diagnostik-Tools abgerufen werden können. Sollen auch private Anbieter zugelassen werden?

Das würde ich nicht ausschließen. Erfolgreiche Lernapps liegen aktuell eher im mathematischen Bereich vor, im sprachlichen sehe ich das weniger. Die Schulbuchverlage sind noch nicht so weit. Wir fordern die Metaplattform, weil wir am Mercator-Institut mit unseren Partnern bei der Bund-Länder-Initiative „Bildung in Sprache und Schrift“ gute Erfahrungen mit der Tooldatenbank gemacht haben. Dort haben wir ein Ampelsystem eingeführt, das Lehrern didaktische Tools empfiehlt.

Und welche Stelle entscheidet über die Güte der Apps?

Das sollte eine Aufgabe für die länderübergreifenden Kompetenzzentren für digitalen Unterricht sein, die derzeit aufgebaut werden.

Nach den schlechten Ergebnissen des IQB-Bildungstrends: Sehen Sie ein Momentum, sodass die Politik die 20 vorgeschlagenen Maßnahmen des Gutachtens umsetzt?

Der IQB-Bildungstrend war für die Länder ein zweiter Pisa-Schock. Mit der Einschätzung sind wir uns als SWK einig. Etwa die Hälfte der Bundesländer hat uns bereits eingeladen, das Gutachten auf Ministerebene vorzustellen. Man merkt, dass sie auf unsere Empfehlungen warten und was wir daraus für Schlussfolgerungen ziehen. Angesichts des Fachkräftemangels ist nun allen klar, dass wir die Basiskompetenzen stärken müssen. Können die Kinder nicht richtig lesen, schreiben und rechnen, sind sie nicht ausbildungsfähig. 

Michael Becker-Mrotzek ist Mitglied der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK und hat, zusammen mit Felicitas Thiel, den Vorsitz der Arbeitsgruppe für das aktuelle Gutachten inne. Er ist Professor für deutsche Sprache und ihre Didaktik und Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Universität zu Köln.

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