Kultusminister blockieren ukrainische Online-Schule Optima

Vertreter des Start-up Optima Yuriy Balkin wurde von den Kultusministern nie nach einer vollständigen Präsentation gefragt.
Von der KMK nie nach einer ausführlichen Präsentation gefragt: Optima-Vertreter Yuriy Balkin.

Es begann wie ein Sommermärchen mitten im Krieg. Die russischen Bomben regneten erst seit wenigen Tagen auf Ukraines Wohnhäuser, da lobte Kultuspräsidentin Karin Prien (CDU) bereits die ukrainische Online-Schule „Optima„. Hervorragende digitale Angebote gebe es in der Ukraine. Darunter nicht nur digital verfügbare Schulbücher, sondern eine fortgeschrittene Online-Schule, mit der geflüchtete SchülerInnen in der Diaspora lernen könnten. In Deutschland hob ein Raunen an. Darüber, wie die Ukraine im Krieg digitalen Unterricht aus dem Boden stampfen könne. Und dass die nicht für Schnelligkeit bekannte Kultusministerkonferenz sofort informiert war und unkompliziert helfen wollte.

Aber das Märchen ist vorbei, ehe der Sommer richtig begonnen hat. Eine so genannte „Taskforce Ukraine“ der Kultusminister hat den Stab über der Online-Schule gebrochen. Die in Kiew von Bomben bedrohte Optima-Schule wird aus Deutschland wohl keine Förderung erhalten, um den Krieg zu überleben. Die private Einrichtung ist auf jeden Cent angewiesen, denn sie verlangt in Kriegszeiten kein Geld von den inzwischen 100.000 angeschlossenen Schülerinnen und Schülern, die über ganz Europa verteilt sind. „Unsere Zeit läuft ab“, sagte Manager Yuriy Balkin Bildung.Table. „Wir brauchen finanzielle Hilfe, damit wir unsere Lernangebote weiter vorhalten können. Lehrer und Techniker wollen bezahlt sein.“ 

Kultusminister enthalten Geflüchteten Kulturerbe vor – weil es privat angeboten ist

Warum aber weigern sich die Kultusminister im Krieg, eine funktionierende Online-Schule finanziell zu unterstützen? Das ist die quälende Frage, die sich viele in Politik und Start-up-Szene stellen. Schließlich steigt die Zahl der Geflüchteten täglich. Allein in den drei größten Bundesländern registriert die KMK 60.000 junge Menschen aus Charkiw, Mariupol, Butscha und anderen Orten formell als Schulpflichtige. In Polen ein Vielfaches davon. 

Sie alle könnten von Optima profitieren, denn die Online-Schule verbindet modernstes hybrides Lernen mit einem Lehrkonzept ukrainischen Erbes. Parallel zum physischen Schulbesuch im Gastland, so heißt es in der Kurzdarstellung von Optima, „lernen die Kinder Fächer, die mit der ukrainischen Identität verbunden sind: ukrainische Sprache und Literatur, Geschichte der Ukraine und Mathematik.“ Das digitale Angebot hat Kapazität für eine halbe Million Schüler. „Hätte“ muss man sagen. Technisch gilt das – weil Amazon Web Services, der Weltmarktführer, Optima mit Servern unter die Arme greift. Aber um die Lehrer zu engagieren, welche die Schüler in Video-Calls von überall her unterrichten, braucht es dringend finanzielle Mittel. Dass man über Waffenlieferungen diskutieren muss – keine Frage. Was aber hindert Kultusminister daran, die online-Bereitstellung ukrainischer Geschichte und Literatur zu fördern – wo doch Putins Krieg explizit der Auslöschung der ukrainischen Kultur dient?

Start-up-Initiative: Bankrotterklärung der deutschen Kultusminister

Unverständnis und Empörung sind nicht klein, seitdem Bildung.Table exklusiv ein Ergebnisprotokoll aus der KMK-Taskforce einsehen konnte, in dem die Kultusbürokraten einen beinahe ungeheuerlichen Grund für die Ablehnung nennen. Optima werde nicht gefördert, weil „ähnliche privatwirtschaftliche Anbieter dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung einen zu hohen Stellenwert erlangen könnten.“ Bedeutet das etwa, dass die Taskforce nicht nur geflüchteten Schülern beim digitalen Lernen den Weg verstellt? Sondern zugleich auf die heimischen EdTechs zielt? „Die interne Begründung der Taskforce für den Ausschluss staatlicher Förderung für die Optima School mutet zumindest irritierend an“, sagte Dirk Zorn von der Bosch-Stiftung, die Optima übergangsweise fördern wird. Max Maendler von Eduki sagt: „Mit dem Argument müsste man auch Schulbücher in den privaten Nachmittag verbannen.“

Der Bitkom-Verband für IT- und Kommunikationsunternehmen ließ mitteilen: Ein Hochtechnologieland sollte in der Lage sein, geflüchtete junge Ukrainerinnen und Ukrainer bestmöglich in der Entwicklung ihrer Bildungsbiografie zu unterstützen“, sagte Elisabeth Allmendinger. Dafür müsse das digitale Rad nicht neu erfunden werden, „sondern es kann auf bestehende und bewährte Lösungen – auch aus der Privatwirtschaft – zurückgegriffen werden.“ Nicolas Colsman von „Zukunft digitale Bildung“ wurde deutlicher in Richtung Taskforce: „Diese Begründung ist eine Bankrotterklärung der deutschen Bildungspolitik„, schimpfte er.

„Als Gesellschaft können wir uns so ein Denken nicht mehr leisten“, schüttelt Stephan Bayer vom Lern- und Videoportal „Sofatutor“ mit dem Kopf. Die Fraktionsvize der CDU im Bundestag für Digitales und Bildung, Nadine Schön, mahnte im Gespräch mit Bildung.Table: Man müsse alles das tun, was ukrainischen Schülern jetzt nützt – „dazu gehört auch, dass sie online neben dem Unterricht hier in Deutschland dem ukrainischen Lehrplan folgen können.“

Kultusminister prüfen Optima seit quälenden zwei Monaten

Die Kultusminister haben quälende acht Wochen lang die Online-Schule Optima geprüft. Genau gesagt haben sie einen Mail-Wechsel mit der Einrichtung geführt und Anfang April eine Videokonferenz abgehalten. Was genau bei diesem Gespräch herauskam, lässt sich nicht transparent beschreiben. Denn die so genannte „Taskforce Ukraine“ ist ein geheim tagendes Gremium, das keinerlei Auskünfte gibt. Was die Gesprächspartner bei Optima berichten, klingt allerdings nicht gut. Sie hatten den Eindruck, berichteten sie Bildung.Table, dass die Mitglieder der Taskforce gar nicht verstanden hätten, was der Unterschied zwischen einer digitalen Ablage für PDF ist – und dem, was Optima bietet: Lernmaterialien, Online-Aufgaben und obendrein Video-Sprechstunden mit Lehrern in der Ukraine. „Ich weiß nicht, was wirklich getestet wurde„, sagt Yuriy Balkin. „Wir haben seit unserem einzigen Treffen Anfang April keine Anfrage der KMK für eine ausführliche Präsentation erhalten.“ 

Die letzte offizielle Auskunft, die Bildung.Table von der KMK erhalten hat, geht so. Es sei nun ein Kriterienkatalog beschlossen worden, anhand dessen Optima und eine weitere Plattform endgültig geprüft würden. Dieser Katalog könne aber noch nicht öffentlich gemacht werden, sagte ein Sprecher. Der Zweck der Kriterien lässt sich aus den Papieren der Taskforce leicht nachvollziehen. Sie dienen dazu, die Entscheidung gegen ein privates Angebot auf eine breitere Grundlage zu stellen. Die Amtschefs der Kultusministerien haben bereits deutlich gemacht, „dass man sich auf die staatliche ukrainische Lernplattform All-Ukrainian School Online fokussieren wolle und dass privatwirtschaftliche Anbieter wie die Optima School keine Rolle im deutschen Unterricht bzw. an deutschen Schulen spielen sollen.“ 

KMK hat kein Verständnis für Mix von Schulcloud, Lernmaterial und Lernvideos

Ausführen soll das Manöver ein leitender Beamter der Kultusministerpräsidentin. Der Ministeriale habe bereits den Kriterienkatalog „für die Optima School ausgefüllt“, so steht es in den Protokollen. Unterdessen wird die staatliche ukrainische Lernplattform All-Ukrainian School Online (AUSO) gepusht. Die Kollegen aus Rheinland-Pfalz wurden gebeten, die von der AUSO „erstellte Handreichung an die Landesinstitute der Länder weiterzureichen und ihnen eine Erläuterung anzubieten.“ Der Schönheitsfehler: Die staatliche All-Ukrainian School wird gerade erst ausgebaut, sie hat keine Lehrer, keine Videomöglichkeit und keine mit Optima vergleichbaren Kapazitäten. 

Vielleicht verstehen die Kultusminister noch nicht, wie vielfältig gute digitale Lernangebote inzwischen sind. Optima etwa ist, kurz gesagt, ein Mix von Formaten wie Schulcloud, Mundo und Simpleclub, die hierzulande noch getrennt sind. Mit solchen Online-Kombinationen lassen sich Schüler blitzschnell erreichen – überall. Krieg ist dafür der ultimative Ernstfall. Die Kultusminister scheinen ihre Idee von Schule dagegen abzuschirmen, und sei es eine Online-Schule, die in Deutschland ihresgleichen sucht. „Scheinbar glaubt die Bildungsverwaltung, dass die Einbindung privatwirtschaftlicher Akteure eine Bankrotterklärung des staatlichen Bildungsauftrags bedeutet“, sagt Stephan Bayer. „Ich kann dieses antiquierte Denken nicht mehr nachvollziehen.“

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