„Allen Lehrer:innen ein Angebot zur Fortbildung machen“

Kultusminister Lehrer Fortbildung
Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung: „Die Kultusminister müssen handeln.“

Herr Beckmann, wie hätten Sie die Schulen auf die Corona-Variante Omikron vorbereitet? 

Erstens, hätte ich mir die neue Lage durch Omikron von Experten erläutern lassen. Was bedeutet die Mutation für das Infektionsgeschehen an Schulen? Zweitens hätte ich auf dieser Basis entschieden, wie die Schulen am 3. Januar beginnen sollen. Drittens, hätte ich dies so rechtzeitig getan, dass die Schulen die Möglichkeit gehabt hätten, sich wirklich darauf einzustellen. 

Das ist nicht passiert.

Ja, die Schulleiter erfahren wahrscheinlich erneut mitten in den Schulferien, dass sie ab 3. Januar noch in den Weihnachtsferien sind. Oder dass sie mit den Schülern digital arbeiten. Oder, dass es ganz normal weitergeht. Es herrscht maximale Verwirrung – wieder einmal. 

Sind Sie zufrieden damit, wie die Kultusminister bisher für die Sicherheit von Lehrer:innen und Schüler:innen gesorgt sowie den digitalen Distanzunterricht vorbereitet haben? 

Die Schulminister sind in der bisherigen Corona-Pandemie nach dem Motto verfahren: Es wird schon alles gut gehen, die Schulen werden das schon hinbekommen. Ich erwarte aber von der Kultusministerkonferenz, dass sie handelt. Sie sollte sich noch diese Woche kurzfristig zusammenschließen und sich abstimmen. Die Schulleiter müssen wissen, was bei bestimmten Infektionslagen zu geschehen hat. Die Politik hat die technischen Möglichkeiten in den zurückliegenden Monaten nicht ausgeschöpft: Es gibt nur an ganz wenigen Schulen die so wichtigen Luftfilteranlagen, die gerade bei den infektiöseren Corona-Varianten wie Delta und Omikron mehr Schutz geboten hätten. 

Wie kommen die Rektorinnen und Rektoren damit zurecht? 

Die Schulleiterinnen und Schulleiter melden uns zurück, dass sie sich alleingelassen fühlen. Die Informationen kommen in der Regel zu spät und zu kurzfristig aus den Ministerien – manchmal am späten Freitagabend. Die Gesundheitsämter wenden zudem sehr unterschiedliche Verfahren an, wenn es zu Infektionsgeschehen an Schulen kommt. Das macht die Schulleiterinnen und Schulleiter mürbe. Immer mehr dieser wichtigen KollegInnen wirken ausgebrannt. Eine Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung hat gezeigt, dass 20 Prozent der Schulleiterinnen und Schulleiter auf dem Absprung sind. Sie sagen: in zehn Jahren bin ich nicht mehr in diesem Job. 

Was heißt das für die Schulen?

Dass sie als systemrelevant wahrgenommen werden müssen! Die Politik macht sich gerade Sorgen, dass das Gesundheitssystem und andere kritische Infrastrukturen in der fünften Welle nicht mehr komplett aufrechtzuerhalten sind. Ich habe bisher noch nie gehört, dass die Politik das auch auf Schulleiter oder Lehrkräfte bezogen hätte. Ich erwarte aber, dass man diese Überlegungen auch für Schulen anstellt – wenn man denn schon in Sonntagsreden der Bildung so hohe Priorität einräumt.

Wie könnte man den Schulleitern ganz konkret helfen? 

Am besten dadurch, dass man rechtzeitig klare Hinweise gibt. Die Leiter müssen sich darauf verlassen können, dass der Dienstherr sich hinter sie stellt – und sich nicht hinter ihnen versteckt. Das gilt vor allem, wenn Schulleiter aufgrund der besonderen Situation vor Ort eigene Entscheidungen treffen. Wenn zum Beispiel die Gesundheitsämter Schulen nicht hinreichend unterstützen, dann sollten die Minister die Selbstverantwortung der Schulleiter stärken, ihnen vor allem aber auch die notwendige Leitungszeit zur Verfügung stellen. 

Ohne digitale Bildung ist die Pandemie nicht zu bewältigen. Es gibt zum Teil Kritik an Lehrern, dass ihnen das Digitale noch fremd ist. 

Wir haben durch Corona einen Ausstattungsschub an den Schulen erhalten, den es ohne Pandemie nicht gegeben hätte. Was jetzt erforderlich ist – und eigentlich längst hätte starten müssen – ist, dass die Politik die Lehrkräfte nicht kritisiert, sondern sie mitnimmt. Die Fortbildungsoffensive muss stattfinden, sodass noch mehr Lehrkräfte lernen, die digitalen Medien pädagogisch optimal einsetzen können. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf. Die Länder gehen sehr unterschiedlich vor. Die Politik darf die Lehrkräfte jetzt nicht allein lassen. Das Motto scheint bisher zu lauten: „Hier ist die Technik, nun seht mal, wie ihr klarkommt“. So können keine pädagogischen Konzepte entstehen.

Wie würde die Fortbildungsoffensive des Udo Beckmann aussehen?

Ich würde allen Lehrkräften ein attraktives Angebot machen, wie sie digitale Tools noch besser verstehen können – und zwar während der Dienstzeit. Angesichts der enormen Belastung der Lehrkräfte geht das im Moment nicht anders. Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen die Möglichkeit haben, an so einem Angebot teilzunehmen – zunächst niedrigschwellig und aber dann auch mit detaillierten Konzepten. Wenn das den Kultusministern so wichtig ist, wie sie sagen, müssen sie das auch tun. Wir brauchen keine Kompetenzzentren, die in zehn Jahren ins Laufen kommen. Die Kollegen müssen jetzt die Gelegenheit bekommen, in der Schule in internen Fortbildungen zu lernen und sich auf Konzepte zu verständigen, die zu ihrer jeweiligen Schule passen. Es rechnet sich – selbst wenn für die Fortbildungen mal zwei Tage Unterricht ausfällt. Interview: Christian Füller

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