Kiewer Online-Schule Optima: Warten auf die Deutschen

Karin Prien war voll des Lobes. Die Lernportale der Ukraine und insbesondere eines seien weit fortgeschritten, pries die Präsidentin der Konferenz der Kultusminister (KMK), nämlich die – wie wir heute wissen – Online-Schule Optima. Seitdem durchläuft die ukrainische Plattform eine widersprüchliche Entwicklung: Weil in der Ukraine ein grausamer Krieg tobt, loggen sich jeden Tag 1.000 neue Schülerinnen und Schüler auf dem Portal ein – aus ganz Europa. Inzwischen sind 100.000 junge Ukrainerinnen Nutzer der Distanzschule, in der man auch ukrainische Abschlüsse ablegen kann. Aus Deutschland besuchen inzwischen fast 10.000 geflüchtete Schüler die Plattform. Die staatlichen deutschen Stellen allerdings warten. Es gab inzwischen Verhandlungen mit der Kultusbürokratie – bisher ohne eine konkrete Hilfezusage. „Wir sind dankbar für den Prozess“, sagte Optima-Sprecher Yuriy Balkin Bildung.Table, „aber es geht, ehrlich gesagt, zu langsam.“ 

Die Deutschen prüfen, prüfen und prüfen Optima

Das Verfahren mutet an wie beim Boykott von Rohstoffen aus Russland oder der Lieferung von Waffen an die Ukraine. Das angegriffene Land mahnt ohne Unterlass. Aber die Deutschen prüfen, prüfen und prüfen. Am Montag hat Hans Beckmann, der Vorsitzende der „Taskforce Ukraine“ der Kultusminister, die extra eingerichtet wurde, um den Hilfeprozess zu beschleunigen, mit den Vertretern von Optima gesprochen. In einer Videokonferenz ging es darum, was Optima eigentlich ist und viele Schüler in der Online-Schule lernen könnten. Die Repräsentanten der privaten, aber staatlich lizenzierten Fernschule, können die Fragen inzwischen wohl im Schlaf aufsagen

Zuletzt hatte vor ungefähr drei Wochen Michael Frost vom Medieninstitut der Länder (FWU) diese Fragen gestellt. Die KMK hatte eigens ihn beauftragt, weil er den technischen Sachverstand hat, um Optima zu prüfen. Aber dann geschah: nichts. „Wir können das ja nicht entscheiden, deswegen haben wir es an die Taskforce abgegeben“, sagte ein Sprecher der FWU auf Nachfrage. Am Montag stellte nun Hans Beckmann wieder dieselben Fragen. 

40 Prozent der 100.000 Nutzer von Optima nicht mehr in der Ukraine

Bei all diesen Fragen geht Optima die Zeit aus. Das Angebot ist nicht nur, wie bei den Lernmanagementsystemen der Bundesländer üblich, ein Kommunikationssystem und eine Ablage für Lerninhalte. Optima ist eine richtige Fern-Schule. Es gibt dort auch Kurse, in denen Lehrer:innen ihre Schüler online betreuen. Vor dem Krieg hatte Optima nur 9.500 Nutzer:innen. Inzwischen sind es fast 100.000. Rund 40 Prozent der Schüler:innen greifen von außerhalb der Ukraine auf die Angebote zu – die meisten aus Polen und Deutschland. 

Das Ganze ist kostenfrei. Denn Optima hat mit Kriegsbeginn seine pädagogischen Angebote auf Gratis umgestellt. Und die Fernschule hat dafür gesorgt, dass auch im Fall des Einschlagens einer Bombe auf die Server in der Ukraine das Angebot gesichert bliebe. Genauer hat „Amazon Web Services“ Optima geholfen. AWS hat das ganze Angebot auf seine Server geladen – als Nothilfe und umsonst. Die Unterstützung aus Deutschland lässt indes auf sich warten. „Wir brauchen finanzielle Hilfe, damit wir unsere Lernangebote weiter abhalten können“, sagte Yuriy Balkin. „Es ist wichtig, dass die Lehrer und die Techniker Geld bekommen.“ Doch das scheiterte bisher an der deutschen Gründlichkeit. „Wir haben gute Gespräche mit Deutschland. Nur gibt es noch keinen Abschluss.“ 

„Taskforce Ukraine“: 16 Vertreter beraten – und entscheiden nichts

Ein Teil des Problems der Verhandlungen mit Optima könnte die sogenannte „Taskforce Ukraine“ der KMK sein. Es ist für Journalisten kaum möglich, zu erfahren, was diese Taskforce eigentlich macht. Der Leiter Hans Beckmann ist persönlich nicht zu konsultieren, weil er so viel zu tun habe. Das Beispiel der Online-Schule Optima zeigt allerdings, dass möglicherweise nicht besonders viel Force in der KMK-Taskforce steckt. Die Runde um Beckmann, einem pensionierten Staatssekretär, ist so etwas wie eine kleine KMK. Jedes Bundesland entsendet dorthin, so die Auskunft, „Abteilungsleiter- bzw. Referentenebene in das Arbeitsgremium TFU, die die unterschiedlichen Fachexpertisen der Ministerien repräsentieren.“ Das bedeutet, dass vor der sehr langsam entscheidenden Kultusministerkonferenz nun eine weitere nichtoperative Einheit vorgeschaltet ist, die genau dasselbe tut: beraten. Entscheiden kann die Taskforce nichts. Sie kann selbst im Ernstfall Krieg in die Belange einzelner Länder nicht eingreifen. 

Vergangene Woche schien es so, dass die Online-Schule Optima bei der KMK vom Tisch sei. Ländervertreter bestätigten den Vorbehalt gegen das private Optima. Man konzentriere sich auf Gespräche mit der Plattform „All Ukrainian School Online“, hieß es. Das ist eine staatliche Plattform, die viel kleiner ist als Optima und keine Abschlüsse anbietet. Der Grund für die Kooperation liegt wohl darin, dass diese Plattform umsonst ist. Daneben führten einzelne Länder auch „erste Gespräche“ mit Optima – vier Wochen nach dem großen Lob von Karin Prien. Am Montag freilich hat sich das Blatt gewendet. Nun wurde mitgeteilt, dass intensiv an einer Vereinbarung mit Optima gearbeitet werde. Und plötzlich wurde auch Taskforce-Boss Beckmann aktiv. Er schaltete sich in ein Meeting mit Vertretern von Optima ein. 

Eine Stiftung will monatlich 150.000 Euro geben, um den Betrieb zu gewährleisten

Bildung.Table wollte von der Taskforce erfahren, wie es mit dem Online-Unterricht durch ukrainische Portale nun weitergeht. Die Antwort aus dem Haus von Kultuspräsidentin Karin Prien, die die Kommunikation für die Taskforce übernommen hat: „Die Task Force Ukraine (TFU) beschäftigt sich auch mit diesem Thema und wird es strukturiert aufarbeiten und beraten.“ Es gebe noch keine Entscheidung. 

Es bleibt eine Hoffnung für Optima, die mit der richtigen Förderung eine halbe Million Schüler betreuen könnte. Die Bosch-Stiftung wird die Schule mit 150.000 Euro bezuschussen – übergangsweise. Dazu kommt weiteres Geld von der Initiative Alliance4Ukraine, „um den Betrieb zunächst bis zum Ende des ukrainischen Schuljahres Ende Mai zu stabilisieren.“ Dann sollten hoffentlich die staatlichen Stellen in Deutschland so weit sein, die Weiterfinanzierung zu übernehmen. 

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