Jury auf „Trüffelsuche“: Berufliche Schule räumt Deutschen Schulpreis ab

Deutscher Schulpreis Gewinner: das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz in Waren
28.09.2022, Berlin: Bettina Stark-Watzinger (FDP, 2.v.r.), Bundesministerin für Bildung und Forschung, steht zwischen Vertretern der Gewinner-Schule, das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz in Waren. Eine Fachjury aus Schulpraktikern, Wissenschaftlern sowie Vertretern des staatlichen und privaten Schulwesens bewertet sechs Qualitätsbereiche: Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution. Foto: Britta Pedersen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Umspannwerk in Berlin-Mitte als Kulisse für die Verleihung des Deutschen Schulpreises. Das hat dieses Jahr genau gepasst. Das historische Backsteingebäude steht symbolisch für die industrielle Revolution, die im 19. Jahrhundert die Arbeitswelt in Deutschland schlagartig verändert hat. Eine ähnliche Transformation der Berufswelt erleben wir gerade wieder und es gibt eine Schulart, die davon besonders betroffen ist: die beruflichen Schulen.

Es ist eine besondere Anerkennung, dass 2022 das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz in Waren (Mecklenburg-Vorpommern) den Deutschen Schulpreis gewonnen hat. Und vielleicht sogar ein politisches Signal der Schulpreis-Jury.

Das Bildungszentrum in Waren ist eine staatliche berufliche Schule, an der vom Koch bis zur Mediengestalterin insgesamt 1.400 Jugendliche lernen. „Die Schule bereitet ihre Schüler konsequent auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vor“, sagte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, kurz nachdem sie um 13:54 den Sieger verkündete. Die Jury attestierte der Schule eine „hohe Lernwirksamkeit“ und ein „wertschätzendes Lernklima“. Wie Schulleiterin Birgit Köpnick das gemacht, lesen Sie in unserem Sieger-Porträt.

Schulpreis im Jahr der Bildungs-Hiobsbotschaften

Seit 2006 vergeben die Robert Bosch Stiftung und die Heidenhof-Stiftung die begehrte Auszeichnung. 92 Schulen wurden seitdem ausgezeichnet. Dieses Jahr lagen 270.000 Euro im Preistopf. Doch die feierliche Verleihung in Berlin ist nur der Höhepunkt. Rund um die Schultrophäe hat sich ein breiter Kosmos entwickelt. Die Schulen tauschen sich auf Preisträgerkonferenzen aus. Bildungsforscher evaluieren erfolgreiche Konzepte. Die Deutsche Schulakademie bietet Fortbildungen an.

Alle Schulen sollen in der Breite profitieren, sagt der Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung, Bernhard Straub. „Dafür entwickeln wir zusammen mit den Kultusministerien und Schulinstituten langfristige Angebote.“ Es sind die Schulen vor Ort, die vorangehen und experimentieren. Innovative Ideen entstünden selten in der Schulverwaltung. „Mit dem Deutschen Schulpreis schnüffeln wir diesen Ideen hinterher – wie ein Trüffelschwein“, sagt Straub.

Doch der Vorwurf, ein isolierter Blick auf 15 Schulen, die besonders glänzen, lenke von den vielen Baustellen ab, bleibt. Denn für die Schulpolitik war 2022 auch ein Jahr der Hiobsbotschaften – der Nationale Bildungsbericht prognostiziert einen alarmierenden Lehrermangel, Grundschüler erreichen Mindeststandards nicht und zehntausende geflüchtete Kinder aus der Ukraine müssen in den Schulen integriert werden. 

Von einer Bildungsrepublik, wie sie Angela Merkel 2008 ausrief, ist nicht viel übrig. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) warnt daher am Tag der Preisverleihung: Die Politik dürfe die Leuchtturm-Schulen nicht instrumentalisieren. „Wir sind längst in einem Jahrzehnt der Notversorgung der Schulen angekommen“, sagt VBE-Vorsitzender Udo Beckmann.

Das bildungspolitische Schweigen des Kanzlers

Der langjährige Jury-Vorsitzende, Michael Schratz, verweist dagegen auf die Erfolge. „Der Schulpreis hat die Qualitätsdebatte, was eine gute Schule ist, vorangebracht„, betont er. „Ich war wieder sehr beeindruckt, was die Kolleginnen und Kollegen an unterschiedlichen Schattierungen aus den Schulen mitgebracht haben.“

Lesen Sie auch unser Interview mit Thorsten Bohl – dem neuen Jury-Vorsitzenden des DSP

Mit Spannung war der Auftritt des Bundeskanzlers erwartet worden. Vor der Wahl machte Olaf Scholz große Versprechungen: Bildungserfolg dürfe nicht mehr von der Herkunft abhängt. Es müsse „massiv“ investiert werden, um Schulgebäude zu sanieren. Dann startete die Ampel-Koalition in die Legislatur und aus dem Kanzleramt hörte man kaum noch Signale

Der Schulpreis wäre genau der Moment gewesen, in dem der Bundeskanzler eine Antwort hätte präsentieren können, eine Vision für das Bildungsland Deutschland. Doch es kam eine Corona-Infektion dazwischen. Der Kanzler musste absagen. Stattdessen durfte Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger die Trophäe überreichen. Ihren Auftritt nutzte sie, um die Zusammenarbeit mit den Ländern zu loben. „Wir haben einen guten Gesprächsfaden“, betonte die FDP-Politikerin. Und sie forderte einmal mehr ein, dass sich die Schulen öffnen müssen. Die Schulleiter bräuchten dafür mehr Freiraum.

Mirko Drotschmann (MrWissen2go), der die Verleihung moderierte, war mit den Antworten der Bundesbildungsministerin nicht zufrieden. Er hätte sich ein klares Bekenntnis zu „einheitlichen Qualitätsstandards auf Bundesebene“ gewünscht. „Der Bildungsföderalismus steht vielen innovativen Ideen im Weg“, sagte Drotschmann nach dem Event gegenüber Bildung.Table. Er hofft, dass der Schulpreis weiter nach außen strahlt. „Eine solche Preisverleihung kann Vorbildcharakter haben“, so Drotschmann. „Ich fand den Tag heute extrem inspirierend.“

Weitere Preisträger-Schulen

Deutsche Europäische Schule Singapur: An der 1971 gegründeten Schule, wo Lehrer oft nur einige Jahre unterrichten, lernen heute rund 1.700 Kinder und Jugendliche aus 67 Nationen. Was laut Jury besonders gut funktioniert: der effektive Umgang mit der Digitalisierung, eine ausgeprägte Feedbackkultur und ein hohes Maß an Individualisierung. Klare Teamstrukturen gehören ebenso zum Unterrichtsalltag, wie die Durchführung von internen Unterrichtshospitationen. An einer Auslandsschule brauche es „stabile Strukturen, die unabhängig sind von Personen“, sagt der Schulleiter.

Havelmüller-Grundschule in Berlin: In Lernhäusern lernen die Schüler jahrgangsübergreifend und individuell. „Klein hilft groß.“ Das ist das Motto. Dafür hat die Berliner Schule ein Forscher-, ein Sport- und ein Kreativhaus eingerichtet, wo die Kinder im eigenen Tempo arbeiten. Die Hälfte der Schüler stammt aus prekären Familienverhältnissen, umso wichtiger sei die Lernkultur. „Es braucht einen Unterricht, der ganz anders ist, als wir ihn traditionell kennen“, sagt die Schulleiterin.

IGS Buchholz: Die Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe im Landkreis Harburg ist heute Lernort für über tausend Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 13. Durch den engen Zusammenhang des unterrichtlichen und erzieherischen Auftrags der Schule kreieren die Lehr- und Leitkräfte einen hohen fachlichen Anspruch bei der Unterrichtsgestaltung, so das Jury-Urteil.

Placida-Viel-Berufskollegs für Gesundheit und Soziales in Menden: Die Schule legt viel Wert darauf, berufliche Qualifizierung mit Persönlichkeitsentwicklung zu verknüpfen. DALTONconnect heißt das Konzept, auf dem der Unterricht für die 535 Schülerinnen und Schüler beruht. Dabei gehe es um eine Verzahnung von Fachunterricht, Arbeit nach dem Dalton-Prinzip, Mentoring und Digitalisierung. Das Berufskolleg zeige exemplarisch, so das Jury-Urteil, wie Flexibilisierung eine ganze Schule verändern kann. mit Anouk Schlung

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