Hackathon: Erst Achtsamkeit – dann Soziokratie

Ein Kirchentag hat zu Anfang seine Morgenandacht. Der Hackathon „Wir für Schule“ hat Vera Kaltwasser. Die ehemalige Lehrerin lehrt jetzt nur noch Achtsamkeit – und hat dafür noch viele andere Schlüsselwörter im Gepäck, die gebildete Gelassenheit transportieren. Wie innere Ruhe und Körperwahrnehmung. Mit ihr beginnen die Tage des Hackathons morgens um halb neun zunächst mit dem richtigen Atmen. 

Kaltwasser hat das Curriculum Achtsamkeit in der Schule – kurz AiSchu – entwickelt. Dahinter steckt eine „Haltung des bewussten Seins“, sagt sie. „Wenn Lehrerinnen und Lehrer nicht diese innere Ruhe haben, dann übertragen sie das auf die Schüler.“ Kinder, die nur noch auf Reize reagieren, die auf sie einstürzen – sumsende Handys etwa – kommen gar nicht mehr in den Genuss zu sehen, dass es auch ohne geht. Wie Kinder lernen, dem Impuls des Nachschauens zu widerstehen, wenn eine Nachricht eingeht, das ist eine von Kaltwassers wichtigsten Lektionen. „Wir laufen zu oft auf Autopilot“, sagt sie. Das ist nicht gut. So geschehen Dinge unbewusst, die durch bewusstes Handeln gesteuert werden sollten. 

Nachhaltigkeit und Soziokratie in den Good Practices

Am späten Mittwochnachmittag moderierten Kati Ahl und Lisa-Marie Waßmer durch die tägliche Vorstellung der Good Practices. Zwei der vielen Beispiele, die hier gesammelt werden, wurden vorgestellt. Andrea Hecking vom Ehrenbürg-Gymnasium Forchheim sprach über eine Zukunftswerkstatt, die sich mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen beschäftigte und Eike Garbe von der Aktiven Schule Leipzig erzählte, wie ihre Schule zu einer soziokratischen wurde.

Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE, soll „Menschen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln“ befähigen, sagt das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Im bayerischen Forchheim wollte man diesen Ansatz mit der Berufsorientierung verbinden. Die so vermittelten Zukunftskompetenzen seien „im Berufsleben von entscheidender Wichtigkeit“, sagt Andrea Hecking. Konkret bedeutete das für den 9. Jahrgang in Forchheim: zwei Tage Input und Coaching, drei Tage arbeiten am eigenen Nachhaltigkeitsprojekt. Fazit: „Die Begeisterung für BNE ist ansteckend.“ Hecking ist zufrieden mit dem Projekt, dass ohne Lockdown und den so ausgefallenen Praktika nie stattgefunden hätte. Ihr Tipp für Nachahmer: Klein anfangen – dabei entdeckt man meistens mehr Mitstreiter, als man vermutet hätte.

Etwas ganz Anderes stelle Eike Garbe aus dem Vorstand des Trägervereins der Aktiven Schule Leipzig vor. An Ihrer Schule gab es Konflikte und Ineffizienzen, die sich mit den „bekannten Entscheidungsmethoden“ nicht hatten lösen lassen. Eine Arbeitsgruppe sollte nach Lösungen suchen und fand sie in der Soziokratie. Das ist eine Organisationsform, die die Gleichwertigkeit ihrer Teilnehmer:innen voranstellt, sich als agil versteht und die Zusammenarbeit „leichter, effizienter und zugleich auch intelligenter und freudvoller“ machen kann – sagt das Soziokratie Zentrum Österreich. Laut Eike Garbe hat es 3-4 Monate gedauert, bis die ersten unterstützenden Effekte des neuen Modells an ihrer Schule Wirkung gezeigt haben. Ärger und Konflikte gebe es natürlich immer noch, doch nun habe man Möglichkeiten, damit umzugehen. Auch für Bewerber:innen, vor allem junge, sei das soziokratische Entscheidungsprinzip ihrer Schule attraktiv. Für andere Organisationen und Firmen könnte das Konzept interessant sein. Garbe berichtet, dass sich die Gesamtzeit ihrer Meetings drastisch reduziert hätte. Christine Keilholz/Enno Eidens

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