Hackathon: Wege zur Schule der Zukunft

Es begann mit einem protokollarischen Faux Pas. Draußen in der Welt hat ihn niemand bemerkt, aber in der Konferenz der Kultusminister dürfte es Pein verursacht haben, dass die Moderatorin des Eröffnungsgesprächs zuerst die – formell – unzuständige Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) begrüßte. Und dann sehr lange brauchte, um zu erklären, warum nun eigentlich die Bildungsministerin aus Brandenburg auch da war. Ach ja, weil Britta Ernst (SPD) die Präsidentin der KMK ist, mithin die Ministerin aller deutschen Kultusministerinnen. In einem komplett hierarchiefreien Hackathon ist das egal, im derzeitigen Fingerhakeln zwischen Ernst und Karliczek ist es das überhaupt nicht. Weil Karliczek jüngst ohne Absprache mit der KMK einen Runden Tisch ausrief, bockte die Ständige Konferenz, die älter als die Bundesrepublik ist. Und deswegen warten die Bildungsanbieter immer noch darauf, dass sie an irgendeinem Tisch zu sitzen kommen, wo über die so genannte Nachhilfemilliarde gesprochen wird (Bildung.Table berichtete).

Beim Hackathon schien Anja Karliczek deutlich besser gelaunt als Britta Ernst. Die Bundesministerin sagte, der Hackathon und Bildung seien sehr wichtig. Schon das erste Kapitel von Verena Pausders Buch drehe sich ja auch um Bildung. Karliczeks Rede an die Teilnehmer:innen ließ sich auf einen Nenner bringen: sie verbreitete gute Laune. Britta Ernst hingegen war so nüchtern und klar, wie sie es in der Regel ist. Ja, beim Hackathon gehe es um etwas, was für alle und gerade jetzt wichtig sei: „Wie sieht die Zukunft der Bildung aus?“ Die KMK nehme „Wir für Schule“ ernst, sagte sie, weil in diesem Format so viele Menschen aus dem ganzen Land teilnehmen.

Innovationsschub durch die Pandemie

Ernst versäumte auch nicht, die wichtigen Keywords in die Runde zu werfen, die bei einem Hackathon gerne gehört werden: in den Schulen seien heute Menschen, die womöglich noch 2070 arbeiteten. „Sie lernen also für eine Zukunft, die wir noch nicht kennen“. Von der Pandemie sei ein Innovationsschub ausgegangen, bestätigte Brandenburgs oberste Bildungsfrau – aber man habe gleichwohl auch gesehen, was nicht funktionierte. Und hier hinterließ Ernst eine Botschaft, die zumindest dem Zukunftsrat und den beiden Initiatoren des Hackathons, Verena Pausder und Max Maendler, missfallen haben dürfte: Ernst betonte, wie wichtig es sei, zeitlose Basiskompetenzen zu vermitteln. Nämlich: Mathe und Deutsch. Angesichts der Tatsache, dass der Zukunftsrat gerade ein Zielbild vorstellt, in dem Mathe und Deutsch möglicherweise keine dominante Rolle spielen, wenn sie denn überhaupt genannt sind, war dies ein deutliches Signal. Es wäre eine wichtige Frage gewesen, die man hätte erörtern können, nein müssen. Allein, die beiden Ministerinnen verschwanden nach ihren Grußworten und ließen, anders als angekündigt, keine Fragen zu.

Zukunftsrat: Ein Zielbild für morgen

Um Deutsch und Mathematik ging es bei der Vorstellung des „Zielbilds für die Schule von morgen“ am Mittag des ersten Hackathon-Tages nicht. Elizabeth le Minh moderierte die dreiviertelstündige Zoom-Sitzung. Maya Upman und Steffi Xylander präsentierten und kommentierten die Ergebnisse des 108-köpfigen Zukunftsrats.

„Dieses Mal soll’s anders sein“ wünscht sich die Thüringer Lehrerin Xylander und stimmt damit ihrer Zukunftsrats-Kollegin Upmann zu. Die 13-jährige Schülerin aus Bayern sprach von einem „Vorschlag an die Politik, der umgesetzt werden soll.“ Die beiden haben mit dem Zukunftsrat bei #wirfürschule an einem „Zielbild für die Schule von morgen“ gearbeitet. Der Rat besteht aus „zufällig ausgewählten“ Lehrer:innen, Eltern, Schüler:innen und anderen Menschen aus dem Bildungssystem. Sehr spannend und „nicht einfach“ sei die Zusammenarbeit laut Xylander gewesen. Nun wird im Rahmen des Hackathons Feedback gesammelt, um das finale Zielbild im Juli der Kultusministerkonferenz zu präsentieren.

Herausgekommen sind über 40 Seiten Ideen und Ziele für die Schule von morgen, auf denen 80 Forderungen vorgestellt werden. Den Rahmen ziehen dabei drei Oberkategorien: „Ziele und Aufgaben von Schule“, „Vision“ und „Nationales Curriculum“ – das vorläufige Konzept ist ein Vorschlag für die ganze Bildungsrepublik. Steffi Xylander sprach über Bildung als Ländersache, nannte dieses Spannungsfeld eine „enorme Hürde, die überwunden werden muss“ und erwähnte den Zukunftsrat als Beispiel, das beweist, wie länderübergreifend zusammengearbeitet werden kann. Als mögliche bundesweite Lösung schlägt sie einen Rat vor, der über nationale Bildungsthemen entscheiden könne. Die Lehrerin will so das „kleinstaatliche Denken aufbrechen.“ In diesem „Nationalen Curriculum“ sollen Werte, Kompetenzen und Lernthemen festgehalten werden.

Maya Upmann konzentrierte sich in ihrer Vorstellung des Zielbilds vor allem auf das Stichwort „Individuell“ – Schüler sollen nicht mehr in verschiedene Schulzweige eingestuft, sondern individuell in den Klassen unterrichtet werden. Dies könne zum Beispiel über Computer und Tablets gelöst werden, die Schüler:innen nach einem Einstufungstest individuell zugeschnittene Aufgaben zuteilen können – geführt und kontrolliert durch Lehrer:innen. Diese sollen dabei als „Lernbegleiter, Berater und Mitmacher“ agieren. Die Rolle der Eltern soll sich ebenfalls ändern, Maya wünscht sich mehr Austausch zwischen Eltern und Lehrern.  

Heftig diskutiert wurde im Gremium laut Steffi Xylander das Thema Schulnoten. Man wolle perspektivisch die Abschlussprüfungskultur ändern. Dafür seien Schulen, die auch ohne Noten motivieren können, ein gutes Beispiel. Xylander erwähnte außerdem, dass man in Prüfungen nicht nur sachliche, sondern auch soziale Kompetenzen abrufen könne und Noten nicht als „alleiniges Erkennungsmerkmal“ der Entwicklung von Schüler:innen zu sehen.

Maya Upmann möchte, das Schüler:innen auf zukünftig relevante Berufe vorbereitet werden. Für Steffi Xylander gehört diese ständige Entwicklung und Anpassung auch in den Lehrerberuf, der mehr als nur ein Studium benötigt. Zu dieser „Schnelligkeit“ gehöre auch das Thema Digitalisierung.

In Bezug auf schlechte Lernbiografien macht sich Steffi Xylander stellvertretend für ihren Berufsstand Vorwürfe. „Was haben wir diesen Leuten angetan?“, fragt die Lehrerin – auch in Hinblick auf das Thema psychische Gesundheit. Ein gesunder Lehrer, der mit Spaß und Freude arbeitet, übertrage diese Haltung auch auf seine Schüler, sagt Xylander.

Zielbild digitale Kompetenz

Für die Lehrerin ist das Zielbild des Zukunftsrats keine perfekte Lösung. „Wir wissen es auch nicht hundertprozentig besser“, gibt sie zu. Doch man habe sich einer Herausforderung gestellt und wolle gestalten und zum Mitwirken anregen. Dabei werde man nie auf einen Nenner kommen, aber versuchen, dass Wesentliche einzukreisen.

Im Dokument des Zielbilds wird übrigens doch über Mathematik geschrieben. Unter „Kompetenzen“ auf Seite 25 geht es um mathematische und naturwissenschaftliche Grundkenntnisse. Von Deutsch steht nichts im Programm. Direkt neben Mathematik und Naturwissenschaft steht aber „Digital Literacy“ – digitale Kompetenz. „Um unserer digitalen Welt nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern sie vielmehr aktiv zu gestalten und bestmöglich zu nutzen, brauchen Kinder die entsprechenden Fertigkeiten“, heißt es im Zielbild für die Schule von Morgen.

Ende Juni soll das abgegebene Feedback in das Zielbild eingebaut werden, im Juli wird das Konzeptpapier an die Kultusministerkonferenz übergeben.  Christian Füller/Enno Eidens

Heute gibts beim Hackathon keine Grußworte. Da wird nur gearbeitet. Der Tag allerdings beginnt mit einem Achtsamkeitstraining. Bildung.Table ist dabei.

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